ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2020Berufs- und branchenbezogene Unterschiede im COVID-19-Risiko in Deutschland
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Bei Beschäftigten im Gesundheits- und Pflegedienst, die infolge der Ausübung ihrer beruflichen Tätigkeit einer gegenüber der allgemeinen Bevölkerung wesentlich erhöhten Infektionsgefahr ausgesetzt sind, kann „coronavirus disease 2019“ (COVID-19) als Berufskrankheit (BK) anerkannt werden (1). Es stellt sich jedoch die Frage, ob nicht auch in anderen als den in der BK 3101 genannten Berufsgruppen (Kasten) erhöhte Infektionsrisiken bestehen.

Definition der Berufskrankheit (BK) 3101
Kasten
Definition der Berufskrankheit (BK) 3101

Methoden

Basierend auf den Routinedaten der BARMER Krankenkasse für alle erwerbstätigen Stammversicherten im Altersbereich von 15 bis < 65 Jahre wurden für den Zeitraum vom 01. 01. bis 31. 05. 2020 (Datenstand: 15. 06. 2020) alters- und geschlechtsspezifische Inzidenzraten für COVID-19 berechnet. Eine Person wurde als COVID-19-Fall gezählt, sofern eine der folgenden ICD-10-Diagnosen auf der Arbeits­unfähigkeits­bescheinigung (AU) oder als Krankenhausdiagnose dokumentiert wurde: U07.1, U07.2, U04.9, B34.2 sowie B97.2 (2). Wegen der höheren Validität der Krankenhausdiagnosen wurde eine zweite Analyse unter alleiniger Verwendung dieser Daten durchgeführt.

Die Angaben zu Branche und Beruf wurden den codierten Angaben zur Sozialversicherung entnommen (3). Es wurden standardisierte Inzidenzratios (SIR) nach Branchen- und Berufsgruppen sowie nach Risikogruppen in Anlehnung an die vom Collegium Ramazzini vorgeschlagene Gruppierung analysiert (4), die sich an der Wahrscheinlichkeit eines beruflichen Kontaktes mit einer infizierten Person orientiert. In den Risikogruppen 1 und 2 sind die Berufe enthalten, die mit „high risk“ beziehungsweise „very high risk“ eingestuft wurden. In die Risikogruppe 3 wurden jene Berufe eingeordnet, die unter die Definition der BK 3101 fallen. Alle anderen Beschäftigten wurden in die Risikogruppe 0 eingruppiert. Bei der Zuordnung in die Risikogruppen wurden lediglich die Kombinationen aus Branche und Beruf berücksichtigt, in denen nach unserer Kenntnis auch während des Lockdowns gearbeitet wurde.

Ergebnisse

Für die mehr als 4,1 Millionen Stammversicherten wurden insgesamt 15 167 COVID-19-Fälle ermittelt, von denen 2 890 stationär aufgenommen worden waren (19,1 %). Von den Diagnosen entfielen über 90 % auf die seit April 2020 gültigen ICD-10-Codes U07.1 und U07.2.

Unter Mitberücksichtigung der AUs war die Diagnosehäufigkeit für COVID-19 bei Frauen gegenüber Männern um knapp 40 % höher. Die Häufigkeit der schwereren Krankheitsverläufe, die einer stationären Aufnahme bedurften, nahm für Männer im Gegensatz zu den Frauen mit dem Alter signifikant zu (Tabelle 1).

Kumulative Inzidenz (01. 01. – 31. 05. 2020) von Erwerbspersonen für COVID-19 nach Alter und Geschlecht je 100 000 Personen
Tabelle 1
Kumulative Inzidenz (01. 01. – 31. 05. 2020) von Erwerbspersonen für COVID-19 nach Alter und Geschlecht je 100 000 Personen

Die Analyse nach den in Anlehnung an die Einteilung des Collegiums Ramazzini gebildeten Risikogruppen zeigte, dass in den für die BK 3101 relevanten Berufen in medizinischen Einrichtungen und der Pflegebranche die höchsten Risiken bezüglich COVID-19 zu beobachten sind (Tabelle 2). Auch für die Risikogruppe 2 wurde mit SIR = 1,34 (95-%-Konfidenzintervall: [1,15; 1,55]) ein signifikant erhöhtes Risiko ermittelt. Die SIRs in den Untergruppen fielen sehr heterogen aus. Das höchste Risiko wurde unter den Beschäftigten in Leiharbeit im industriellen Bereich sowie in der Post- und Logistikbranche beobachtet. Mehr als die Hälfte der Erkrankungsfälle unter den Beschäftigten in Leiharbeit wurden dabei der Post- und Logistikbranche zugeordnet.

Standardisierte Inzidenzratios für COVID-19 für spezifische Risikogruppen
Tabelle 2
Standardisierte Inzidenzratios für COVID-19 für spezifische Risikogruppen

Ein brancheninterner Vergleich in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen ergab, dass Beschäftigte mit häufigem direktem Kontakt zu Patienten beziehungsweise zu pflegebedürftigen Personen ein höheres Erkrankungsrisiko haben als die übrigen Beschäftigten in diesen Branchen. Im Krankenhausbereich berechnen sich die entsprechenden SIRs auf Basis der Krankenhausdiagnosen zu 2,10 [1,82; 2,41] beziehungsweise 1,40 [1,08; 1,79] und im Bereich der Altenpflege zu 1,95 [1,47; 2,54] beziehungsweise 1,18 [0,94; 1,48].

Diskussion

Die Analyse hat gezeigt, dass das Risiko, an COVID-19 zu erkranken, in den Berufen am höchsten ist, die im Rahmen ihrer Tätigkeit häufig direkten Kontakt zu COVID-19-Patienten beziehungsweise zu potenziell infizierten Personen haben. Jedoch wurden auch in Berufen mit zu vermutenden beengten Arbeitsplätzen und nicht optimalen Hygienebedingungen erhöhte Erkrankungsrisiken beobachtet. Auffällig waren insbesondere die hohen Erkrankungsrisiken bei Beschäftigten in Leiharbeit, berechnet auf Basis der Krankenhausdaten. Zudem war die Hospitalisierungsrate für diese Beschäftigten mit 55,7 % fast dreimal so hoch wie der Durchschnitt aller erwerbstätigen Stammversicherten der BARMER im Altersbereich 15 bis < 65 Jahre. Es ist zu befürchten, dass es in dieser Gruppe weitere Erkrankungsfälle gab, die jedoch aus Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes nicht zu einem Arztbesuch führten.

Aus der Analyse ergaben sich keine Anhaltspunkte dafür, dass zum Beispiel in Supermärkten oder bei Beschäftigten im Nahverkehr vermehrt COVID-19-Fälle aufgetreten sind. Offensichtlich reichten die in diesen Bereichen ergriffenen Arbeitsschutzmaßnahmen aus.

Die Interpretation der Studienergebnisse sollte primär auf Basis der Analyse der Krankenhausdaten erfolgen. Der Umstand, dass AUs im Zeitraum vom 09. 03. bis 31. 05. 2020 nach telefonischer Anamnese ausgestellt werden durften, aber auch fehlende Testkapazitäten in den ersten Wochen der Pandemie lassen vermuten, dass die Validität der AU-Diagnosen im Vergleich zu den im Krankenhaus gestellten Diagnosen deutlich geringer ist. Anzumerken ist auch, dass die Versicherten einer Gesetzlichen Krankenkasse keine Zufallsstichprobe der Bevölkerung darstellen. Ärzte sind darin zum Beispiel unterrepräsentiert.

Um die Erkrankungsrisiken künftig zu reduzieren, bedarf es der Umsetzung der neuen SARS-CoV-2-Arbeitsschutzregel (5) sowie einer strikten Kontrolle der Einhaltung der darauf aufbauenden innerbetrieblichen Maßnahmen.

Matthias Möhner, Andreas Wolik

Fachbereich Arbeit und Gesundheit, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Berlin (Möhner), Moehner.Matthias@baua.bund.de

Institut für Gesundheitssystemforschung, BARMER Hauptverwaltung, Wuppertal (Wolik)

Interessenkonflikt

Andreas Wolik ist Mitarbeiter des BARMER Instituts für Gesundheitssystemforschung.

Matthias Möhner erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 14. 7. 2020, revidierte Fassung angenommen: 31. 8. 2020

Zitierweise
Möhner M, Wolik A: Differences in COVID-19 risk between occupational groups and employment sectors in Germany. Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 641–2.
DOI: 10.3238/arztebl.2020.0641

Dieser Beitrag erschien online am 4. 9. 2020 (online first) auf www.aerzteblatt.de.

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Bundesministerium für Arbeit: Bekanntmachung vom 1. 12. 2000: Merkblatt zur BK Nr. 3101: BArbBl 2001; 1/2001: 35 .
2.
BARMER: Raten der AU-Diagnosen akuter Atemwegserkrankungen bei BARMER-Versicherten. BARMER Institut für Gesundheitssystemforschung 2020. https://www.bifg.de/daten-und-analysen/sonderanalysen/arbeitsunfaehigkeiten-atemwegserkrankungen-raten (last accessed on 1 September 2020).
3.
Bundesagentur für Arbeit (eds.): Klassifkation der Berufe 2010 . Nürnberg: Bundesagentur für Arbeit; 2011.
4.
Fellows of the Collegium Ramazzini: 24th Collegium Ramazzini Statement: Prevention of work-related infection in the COVID-19 pandemic. J Int J Occup Environ Med 2020; 62: e467–8 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.
Bundesministerium für Arbeit und Soziales: SARS-CoV-2-Arbeitsschutzregel . GMBl 2020: 484–95.
Definition der Berufskrankheit (BK) 3101
Kasten
Definition der Berufskrankheit (BK) 3101
Kumulative Inzidenz (01. 01. – 31. 05. 2020) von Erwerbspersonen für COVID-19 nach Alter und Geschlecht je 100 000 Personen
Tabelle 1
Kumulative Inzidenz (01. 01. – 31. 05. 2020) von Erwerbspersonen für COVID-19 nach Alter und Geschlecht je 100 000 Personen
Standardisierte Inzidenzratios für COVID-19 für spezifische Risikogruppen
Tabelle 2
Standardisierte Inzidenzratios für COVID-19 für spezifische Risikogruppen
1. Bundesministerium für Arbeit: Bekanntmachung vom 1. 12. 2000: Merkblatt zur BK Nr. 3101: BArbBl 2001; 1/2001: 35 .
2.BARMER: Raten der AU-Diagnosen akuter Atemwegserkrankungen bei BARMER-Versicherten. BARMER Institut für Gesundheitssystemforschung 2020. https://www.bifg.de/daten-und-analysen/sonderanalysen/arbeitsunfaehigkeiten-atemwegserkrankungen-raten (last accessed on 1 September 2020).
3. Bundesagentur für Arbeit (eds.): Klassifkation der Berufe 2010 . Nürnberg: Bundesagentur für Arbeit; 2011.
4.Fellows of the Collegium Ramazzini: 24th Collegium Ramazzini Statement: Prevention of work-related infection in the COVID-19 pandemic. J Int J Occup Environ Med 2020; 62: e467–8 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.Bundesministerium für Arbeit und Soziales: SARS-CoV-2-Arbeitsschutzregel . GMBl 2020: 484–95.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Themen:

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote