ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2000Arzneimittel – Weiteres Beispiel: „Medizin Sport“

SPEKTRUM: Leserbriefe

Arzneimittel – Weiteres Beispiel: „Medizin Sport“

Dtsch Arztebl 2000; 97(10): A-572 / B-480 / C-456

Ulmer, H.-V.

Zu dem Medizinreport "Arzneimittelsicherheit: Wirksamkeit von Medikamenten muss auch nach Zulassung geprüft werden" von Prof. Dr. med. Michael Berger und Prof. Dr. med. Ingrid Mühlhauser in Heft 4/2000:
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LNSLNS Den Kollegen Berger und Mühlhauser gebührt Dank für ihren nonkonformistischen Beitrag . . . Die meisten der genannten Präparate werden massenweise präventivmedizinisch eingesetzt; in der Präventivmedizin sind jedoch unerwünschte Nebenwirkungen nach dem Prinzip der selektiven Wahrnehmung offensichtlich tabu. Vorsorgemedizin meint es gut, und damit ist sie gut; das muss genügen. Bei Bedarf wird dann die Argumentation auch umgedreht: Während für Pharmazeutika unerwünschte Langzeitnebenwirkungen tabu sind, gilt für Sport als "beste Medizin" genau das Gegenteil: Die akuten Nebenwirkungen werden verdrängt, vorgeblich relevante, positive Langzeitwirkungen für das Herz-Kreislauf-System werden herausgestellt. Immer wieder werden neue Großstudien aufgelegt, um diese Langzeitwirkung zu beweisen. Anfangs waren es statistisch problematische Querschnittsstudien, nun sind es aufwendige Längsschnittstudien, die wohl besser bei Pharmazeutika angebracht wären.
Zu den akuten Nebenwirkungen einer aus ärztlicher Sicht empfohlenen "Medizin Sport" sind zu zählen: Verletzungen vielfältiger Art und jeden Schweregrads sowie plötzlicher Herztod, besonders bei vorgeschädigten Herzpatienten, bei denen ja gerade Bedarf besteht, etwas für die Gesundheit zu tun. Einige Zahlen: Der Dienstsport verursachte 1997 als Pflichtsport der Bundeswehr gemäß Gesundheitsjahresbericht 44 Prozent der Dienstunfälle und 48 Prozent der dienstunfallbedingten Ausfalltage. Legt man im Schnitt für alle Soldaten zwei Stunden Dienstsport und 40 Stunden sonstigen, nicht risikoarmen Dienst an, dann ist der Sport bezüglich der Dienstausfalltage 19-mal riskanter als der sonstige Dienst. Ähnliche Relationen ergeben sich hinsichtlich der Schulsportunfälle (66 Prozent aller Unfälle waren 1998 Sportunfälle) und der Arbeitsunfälle. Rost schätzte für die alte Bundesrepublik 1988 jährlich etwa 500 kardiovaskulär bedingte Todesfälle durch Sporttreiben, das wären im heutigen Deutschland etwa 650 pro Jahr. Sport als präventive Medizin? Lieber nicht, denn dann müsste man ihn wegen seiner zumeist offenen Indikationsstellung und schädlichen Nebenwirkungen verbieten. Sport als Bewegungstherapie? Ja, aber mit gezielter Indikation und fachkundiger Überwachung. Segensreich. Sport zum Spaß: Ja, aber nur für den, dem er Spaß macht; allerdings kann daraus als "Nebenwirkung" ein gesundheitlich teurer Spaß werden.
Prof. Dr. med. H.-V. Ulmer, Johannes Gutenberg-Universität Mainz, FB Sport, Sportphysiologische Abteilung, Saarstraße 21, 55099 Mainz
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