ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2020Coronastrategie: Kluge Aktion, keine Panik

SEITE EINS

Coronastrategie: Kluge Aktion, keine Panik

Maibach-Nagel, Egbert

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Wir brauchen niemanden, der sich – in der Regel unbeleckt vom klinischen Alltag – besserwisserisch in unsere eingespielten und bewährten Abläufe einmischt. Lasst uns einfach unsere Arbeit machen!“ Es waren deutliche Worte, die der Vorstands-vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. med. Andreas Gassen, am 11. September auf der KBV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung an die Politik richtete. Gassen bezog sich auf eine Beschlussvorlage für die Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz am 30. September, die neue Kriterien für die Ausstattung und Ausbildung des Personals in Schwerpunktpraxen vorsieht, aber auch für eine weitere Substitution und Delegation ärztlicher Leistungen plädiert. Der Vorstandsvorsitzende verwahrt sich gegen die „eklatante Einmischung“ in die Arbeit von Ärzten und ärztlicher Selbstverwaltung durch medizinische Laien. Zurecht: Die Ärzte haben in den bisherigen Pandemiezeiten bestätigt erstklassige Arbeit geleistet. Deutschland steht im internationalen Vergleich mustergültig da. Entsprechend gibt es keinen Grund für die zusätzliche „politische Gängelung“.

Bis heute war der Einsatz der Praxen gegen die Pandemie extrem hoch. Laut Zentralinstitut für kassenärztliche Versorgung (Zi) wurden 19 von 20 positiv getesteten COVID-19-Patienten ambulant versorgt. Natürlich kostet das Zeit: Insgesamt setzen beispielsweise Berliner Arztpraxen laut Zi wöchentlich 25 Stunden ihrer Arbeitszeit zur Pandemiebekämpfung ein, davon leider wieder einmal einen erheblichen Anteil für bürokratische Maßnahmen.

Anzeige

Bedauerlich ist in diesem Zusammenhang, dass die zum Teil profilpolitisch motivierten Eingriffe selbstredend die Medien auf den Plan rufen. Im Ergebnis entssteht eine Spirale aus zum Teil Panik erzeugenden Presseberichten und – als Antwort darauf – weiteren politischen Einmischungen in die Arbeit der medizinischen Fachleute. Ist es also Zeit für eine Kursbegradigung? „Die teils einschneidenden Maßnahmen durch Exekutive und Gesetzgeber in den Anfangsmonaten der Pandemie waren sicher richtig und wichtig, um uns einen Überblick zu verschaffen, das Geschehen besser verstehen und geeignete Maßnahmen ergreifen zu können“, weiß Gassens stellvertretender Vorstandskollege Dr. med. Stephan Hofmeister und konstatiert: „Das Virus wird bleiben.“ Dennoch mahnt auch er zur Sachlichkeit: Es müsse neu evaluiert, alle Maßnahmen kritisch hinterfragt, gewichtet und bei Fortsetzung entsprechend begründet werden. Es gebe keinen Grund, auf Fallzahlen zu starren „wie das Kaninchen auf die Schlange“. Die Erkenntnislage ist also eine andere als noch zu Beginn der Pandemie. Dennoch gelte es, „den üblichen wissenschaftlichen Weg nicht zu verlassen“.

Die Ärzteschaft drängt, die erwartungsgemäß infektionsreichere Zeit des Herbstes und Winters geordnet anzutreten. Die Vertragsärzte haben eine Strategie entwickelt, in der durch freiwillige (aber bezahlte) Vertragsärzte geführte Infektionssprechstunden und eigenständige COVID-19-Einrichtungen ebenso ihre Rolle spielen wie die Vorhaltung ausreichender Mengen an persönlicher Schutzausrüstung, eine gut organisierte Grippe-Impfschutzstrategie, ausreichende und ausgeklügelte Laborkapazitäten, aber auch strukturierte Informationen für die Bürger und koordinierte Strategien zur Bekämpfung örtlich auftretender Ausbrüche. Es ist ein Vorschlag, der zeigt, dass die Erfahrungen mit COVID-19 eben längst nicht mehr bei „Null“ stehen.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #728022
DagmarC.
am Freitag, 18. September 2020, 07:37

Großes Lob

Diese gezielt geschaffenen Massnahmen zur Prävention sind keine Kaffeesatzleserei. Wir können stolz sein auf Ärztinnen und Ärzte, die sich auf ihre Kernkompetenz b3sonnen haben. Ein Arzt hilft und heilt, er jault nicht und ist verrückt nach Medienpräsenz. Er kooperiert mit dem Ethikrat und lebt diesen Codex. Unser kassenärztliche System lädt Patientinnen ein, sich gesund zu erhalten. Danke!

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote