ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2020Öffentlicher Gesundheitsdienst: Pakt für mehr Amtsärzte

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Öffentlicher Gesundheitsdienst: Pakt für mehr Amtsärzte

Osterloh, Falk

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Infolge der Coronapandemie will die Politik den Öffentlichen Gesundheitsdienst aufwerten. Mehr Geld, eine bessere Digitalisierung und eine stärkere Verankerung im Studium sollen den Mangel an Amtsärzten beheben. Auf einen wichtigen Aspekt haben Bund und Länder jedoch kaum Einfluss.

Foto: marchmeena29/iStock/atScene/stock.adobe.com [m]
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Selten in seiner langen Geschichte stand der Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) so sehr im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit wie in der COVID-19-Pandemie. Forderungen nach einer ernsthaften Stärkung der Strukturen, die bislang weitgehend ungehört blieben, greift die Politik deshalb jetzt mit dem „Pakt für den Öffentlichen Gesundheitsdienst“ auf, dessen Ziele am 5. September in Berlin in einem Eckpunktepapier präsentiert wurden.

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Auf acht Seiten werden verschiedene Maßnahmen mit dem Ziel aufgelistet, „den ÖGD in seiner ganzen Aufgabenvielfalt und auf allen Verwaltungsebenen zu stärken und zu modernisieren“, wie es in der Einleitung des Pakts heißt. Dafür will der Bund bis zum Jahr 2026 insgesamt Mittel in Höhe von vier Milliarden Euro zur Verfügung stellen.

Die wichtigsten Maßnahmen beziehen sich auf den Personalaufbau, die Digitalisierung und die Steigerung der Attraktivität des ÖGD. „In Umsetzung des Paktes verbessern Bund und Länder, einschließlich Kommunen, jeweils in ihren Zuständigkeitsbereichen nachhaltig die Personalausstattung und stärken damit tiefgreifend die Strukturen des Öffentlichen Gesundheitsdienstes“, heißt es in dem Papier von Bund und Ländern.

5 000 neue Stellen finanziert

Die Länder sagen zu, in einem ersten Schritt dafür Sorge zu tragen, dass im Zeitraum vom 1. Februar 2020 bis zum 31. Dezember 2021 mindestens 1 500 neue, unbefristete Vollzeitäquivalente für Ärztinnen und Ärzte, weiteres Fachpersonal sowie Verwaltungspersonal in den Behörden des Öffentlichen Gesundheitsdienstes geschaffen und besetzt werden. In einem zweiten Schritt sollen bis Ende 2022 mindestens weitere 3 500 weitere Vollzeitäquivalente hinzukommen.

Bis spätestens 31. Dezember 2021 wollen die Länder dem Bund ihre jeweiligen Personalaufwuchskonzepte und -zielsetzungen in einem Bericht vorlegen. Darin soll enthalten sein, für welche Aufgaben die Stellen geschaffen und besetzt werden.

„Der Personalaufwuchs soll auf allen Ebenen (örtliche Gesundheitsämter und Behörden, befasste Landesstellen und oberste Landesbehörden) stattfinden“, heißt es in dem Papier. „Dabei sollen grundsätzlich 90 Prozent der Stellen in den unteren Gesundheitsbehörden/örtlichen Gesundheitsämtern geschaffen werden.“ Der Bund sagt zu, zur Umsetzung des Pakts und zur Evaluierung der beschlossenen Maßnahmen bis zum 31. Dezember 2021 40 neue Stellen in der Bundesverwaltung zu schaffen.

Bund und Länder sind sich darin einig, dass die neuen Stellen nur dann besetzt werden können, wenn die Arbeit im ÖGD attraktiver wird. An erster Stelle stehen dabei die Gehälter. „Damit die vereinbarte personelle Stärkung auch vollumfänglich realisiert werden kann, sollen Anreize für eine Tätigkeit sowohl über das Besoldungsrecht als auch über tarifvertragliche Regelungen sowie flankierende Maßnahmen wie attraktive Arbeitsbedingungen erreicht werden“, heißt es in dem Papier. „Die Länder streben unter Beachtung der Tarifautonomie an, für das ärztliche Personal im Öffentlichen Gesundheitsdienst eine attraktive Bezahlung, etwa im Rahmen bestehender Tarifverträge, zu erzielen.“ Zudem streben die Länder an, im Rahmen des Besoldungsrechts entsprechende Verbesserungen auch für das beamtete ärztliche Personal im Öffentlichen Gesundheitsdienst herbeizuführen. Bis dies erfolgt ist, wollen die Länder Verbesserungen der finanziellen Anreize durch in der Wirkung gleiche Maßnahmen bereits ab dem Jahr 2021 herbeiführen. Jedes Land soll dafür bis zu zehn Prozent des zur Verfügung gestellten Anteils der Finanzmittel aus dem Pakt nutzen können.

In dem Papier wird jedoch auch betont, dass die Tarifautonomie und das Selbstverwaltungsrecht der Kommunen die Möglichkeit der Länder begrenzen, auf die Ausgestaltung der Bezahlung von Tarifbeschäftigten der Kommunen Einfluss zu nehmen. Die Länder kündigen jedoch an, dass sie die erforderlichen Schritte zur Verbesserung der Gehälter im Öffentlichen Gesundheitsdienst im Einvernehmen mit den jeweiligen kommunalen Spitzenverbänden auf Landesebene gehen wollen.

Um die Attraktivität der Arbeit im ÖGD zu stärken, wollen Bund und Länder darüber hinaus drei weitere Maßnahmen angehen. Zum einen sollen Medizinstudierende im Studium stärker an die Themenfelder der öffentlichen Gesundheit herangeführt werden. Im Rahmen der anstehenden Reform der Approbationsordnung für Ärzte streben Bund und Länder daher an, den Bereich des Öffentlichen Gesundheitswesens und der Bevölkerungsmedizin stärker in der medizinischen Ausbildung zu verankern. Dabei soll ausdrücklich klargestellt werden, dass Famulaturen und das Praktische Jahr (PJ) als praktische Teile des Medizinstudiums grundsätzlich auch im Gesundheitsamt abgeleistet werden können.

Fortbildung stärken

Auch die Fort- und Weiterbildung für die Fachberufe im ÖGD soll gestärkt werden. Dafür sollen die Bildungsinstitutionen für das Öffentliche Gesundheitswesen bereits jetzt Strukturen aufbauen, um die erhöhten Anforderungen an die Fortbildungsbedarfe sofort erfüllen zu können. Die Länder verpflichten sich, eine adäquate personelle und sachliche Ausstattung der Bildungsinstitutionen für fünf Jahre bereitzustellen, damit diese den vermehrten Bedarf für Aus- und Weiterbildung erfüllen können.

Zum zweiten wollen Bund und Länder die Forschung und Lehre auf dem Gebiet des Öffentlichen Gesundheitswesens ausbauen. Dabei wollen sie prüfen, inwieweit sie zum Beispiel die Einrichtung von Stiftungsprofessuren fördern können. Fördern will der Bund auch Forschungsprogramme, um die wissenschaftliche Grundlage des ÖGD zu stärken.

Drittens wollen Bund und Länder eine gemeinsame Imagekampagne für den Öffentlichen Gesundheitsdienst starten, um „den ÖGD in seiner ganzen Aufgabenbreite und Bedeutung für den Gesundheitsschutz der Bevölkerung sichtbar und verständlicher zu machen“, wie es in dem Papier heißt.

Ein spezieller Fokus wird in dem Pakt auf die Digitalisierung gelegt. Ziel ist der weitere Ausbau des Deutschen Elektronischen Melde- und Informationssystems für den Infektionsschutz (DEMIS) zu einer gemeinsamen Kommunikationsplattform des ÖGD (siehe Kasten auf der folgenden Seite). Für den Ausbau von DEMIS stellt der Bund zusätzlich zu den vorgesehenen vier Milliarden Euro Finanzhilfen in Höhe von 50 Millionen Euro noch in diesem Jahr zur Verfügung. 3,1 Milliarden Euro sollen den Ländern innerhalb der kommenden sechs Jahre in sechs Tranchen bereitgestellt werden. 200 Millionen Euro im Jahr 2021, 350 Millionen im Jahr 2022, 500 Millionen im Jahr 2023, 600 Millionen im Jahr 2024, 700 Millionen im Jahr 2025 und und 750 Millionen Euro im Jahr 2026. 2023 wollen sich Bund und Länder darüber verständigen, wie die Finanzierung des ÖGD über das Jahr 2026 hinaus sichergestellt werden kann. Um den personellen Aufwuchs evaluieren zu können, soll darüber hinaus zunächst der aktuelle Personalbestand in den Gesundheitsbehörden erhoben werden.

Das Engagement der Politik für eine Stärkung des ÖGD stößt in der Ärzteschaft grundsätzlich auf Zustimmung. „Wir begrüßen sehr, dass Bund und Länder mit dem Pakt für den Öffentlichen Gesundheitsdienst ein bisher beispielloses Hilfspaket für mehr Personal und bessere digitale Ausstattung in den Gesundheitsämtern geschnürt haben“, erklärte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Dr. med. (I) Klaus Reinhardt. „Aber niemand sollte glauben, dass sich die Besetzung von 5 000 neuen Stellen einfach beschließen lässt. Für den Ausbau des ärztlichen Personals in den Gesundheitsämtern brauchen wir kluge und nachhaltige Konzepte.“

Für eine größere Attraktivität des ÖGD sei ein eigenständiger Tarifvertrag für ÖGD-Ärzte unerlässlich. „Damit der Öffentliche Gesundheitsdienst dauerhaft personell besser ausgestattet werden kann, ist eine tariflich gesicherte, arztspezifische Vergütung dringend erforderlich“, betonte Reinhardt. „Nur so können Gesundheitsämter mit anderen medizinischen Einrichtungen um hochmotivierte Ärztinnen und Ärzte konkurrieren.“

Ärztliches Wissen einbeziehen

Bund und Länder seien außerdem gut beraten, über die Verwendung der Finanzmittel nicht am grünen Tisch zu entscheiden. „Sie sollten sich vor Ort ein Bild machen und das Fachwissen der Ärzteschaft mit einbeziehen“, forderte Reinhardt. Neben dem personellen Ausbau müsse die digitale Vernetzung der Gesundheitsämter absolute Priorität haben. „Wir müssen einheitliche und vor allem schnelle Meldeketten zwischen den Gesundheitsämtern, den Landes- und Bundesbehörden, dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium und dem Robert Koch-Institut schaffen“, forderte der BÄK-Präsident. Da schon heute klar sei, dass der ÖGD über das Jahr 2026 hinaus als Arbeitgeber attraktiv und technisch auf dem neuesten Stand gehalten werden müsse, müsse auch schon heute über langfristig wirksame Finanzierungskonzepte gesprochen werden.

Der Marburger Bund (MB) versucht seit Langem, einen Tarifvertrag für die Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst mit der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) zu verhandeln. „Bessere Bedingungen lassen sich nur mit einem eigenen Tarifvertrag für die Ärztinnen und Ärzte in den Gesundheitsämtern schaffen“, betont die 1. Vorsitzende des MB, Dr. med. Susanne Johna. „Nur ein arztspezifischer Tarifvertrag bietet Verbindlichkeit und Perspektive für den ärztlichen Nachwuchs.“

Tarifverhandlungen ruhen

Nachdem MB und VKA im Dezember 2019 zu ersten Gesprächen zusammengekommen waren, ruhen die Tarifverhandlungen zurzeit. Denn während der MB für seine Mitglieder einen arztspezifischen Tarifvertrag erreichen will, verweist die VKA auf den bestehenden Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst, den sie mit den Gewerkschaften Verdi und Deutscher Beamtenbund verhandelt. Dieser Vertrag gilt auch für die Ärzte im kommunalen ÖGD, allerdings enthält er eine deutlich geringere Vergütung als in Arzt-Tarifverträgen des Marburger Bundes. Die VKA fordert die drei Gewerkschaften auf, ihre Zuständigkeiten zu klären oder gemeinsam zu verhandeln. Der Marburger Bund besteht hingegen darauf, einen eigenen Arzt-Tarifvertrag für die MB-Mitglieder im ÖGD zu verhandeln.

Die VKA weist zudem darauf hin, dass die Kommunen bereits heute die Möglichkeit hätten, Zulagen für die Amtsärzte zu zahlen und auf diese Weise die bestehende Diskrepanz zwischen dem Gehalt eines Klinikarztes und eines ÖGD-Arztes auszugleichen. Der MB lässt dieses Argument nicht gelten. „Wer meint, mit temporären Zulagen nach Gutsherrenart Personalprobleme lösen zu können, setzt die Zukunft des ÖGD aufs Spiel und riskiert damit eine Gefährdung der Bevölkerung“, hatte Johna bereits im vergangenen Juni kritisiert. Im ÖGD habe es vor 20 Jahren noch doppelt so viele ärztliche Stellen gegeben wie heute. Zudem zeige ein Blick auf die Altersverteilung, dass spätestens in zehn Jahren die meisten der heute noch aktiven Amtsärzte im Ruhestand sein würden.

Den Pakt für den ÖGD begrüßt Johna. „Neue Stellen in einem Bereich auszuweisen, in dem jetzt schon Stellen nicht nachbesetzt werden können, bleibt allerdings eine Luftnummer, wenn nicht gleichzeitig auch die Arbeits- und Vergütungsbedingungen grundlegend verbessert werden. Die kommunalen Arbeitgeber bleiben deshalb aufgefordert, an den Verhandlungstisch zurückzukehren und mit dem Marburger Bund nach einer Lösung in der offenen Tariffrage zu suchen.“

Im Hinblick auf die Besetzung offener Stellen im Öffentlichen Gesundheitsdienst sind die Medizinstudierenden von großer Bedeutung. „Der ÖGD verfolgt in seiner Ausrichtung auf die Gesundheit der Bevölkerung einen ganz anderen Ansatz als der auf individuelles Leiden fokussierte stationäre oder ambulante Sektor. Das ist spannend und einzigartig und bereits eine Stärke in der Nachwuchsakquise“, erklärt der Vizepräsident für Externes der Bundesvertretung der Medizinstudierenden Deutschlands (bvmd), Sebastian Schramm, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ).

Im öffentlichen Diskurs werde dem ÖGD jedoch nicht genügend Raum gegeben. Zudem müsse das öffentliche Gesundheitswesen stärker in die Lehre integriert werden. „Wieviel ÖGD gelehrt wird, ist aktuell eine Entscheidung der Fakultäten“, sagt Schramm. Insgesamt sei der Anteil sehr gering. Oft werde das Thema in wenigen Lehrveranstaltungen im Rahmen des Querschnittsbereichs “Gesundheitsökonomie, Gesundheitssystem, Öffentliches Gesundheitswesen” abgehandelt. Deshalb fordert Schramm, den Studierenden „dieses wichtige Thema“ in der Lehre nahezubringen, zum Beispiel durch die Behandlung bevölkerungsrelevanter Fragestellungen. Sehr wichtig sei es zudem, interessierten Studierenden schon während des Studiums die Möglichkeit zu geben, praktische Erfahrungen zu sammeln. „Ein notwendiger Schritt in diese Richtung wäre die deutschlandweite Anerkennung von Famulaturen und PJ-Tertialen im ÖGD“, so Schramm.

Um die Attraktivität des Berufsbilds zu erhöhen, seien flexible Arbeitsmodelle wichtig. „Einerseits sollte hierbei Aspekten der Familienfreundlichkeit ein besonderer Stellenwert eingeräumt werden, andererseits kann auch die Eröffnung von Karriereoptionen die Attraktivität des Berufsbildes stark steigern“, betont Schramm. Dabei sei zu beachten, dass Karriere zunehmend nicht nur horizontal verstanden werde, sondern auch die vertikale Mobilität durch verschiedene Teilbereiche mit einbeziehe.

Nicht vermittelbar

„Des Weiteren sollte die Arbeit im ÖGD keine wissenschaftliche Sackgasse sein“, meint Schramm. „Um hier die spannenden Möglichkeiten zur Forschung ausnutzen zu können, muss eine stärkere Verknüpfung von Public-Health-Forschung und Praxis im öffentlichen Gesundheitswesen stattfinden.“ Nicht zuletzt schrecke die bestehende Personal- und Finanzierungslücke interessierte Studierende ab. Allerdings sei die Bezahlung nicht mehr der ausschlaggebende Punkt bei der Berufswahl. „Dennoch ist der Gehaltsunterschied zwischen dem Öffentlichen Gesundheitsdienst und anderen Sektoren Berufseinsteigern nicht vermittelbar“, so Schramm. „Eine Angleichung an den Tarifvertrag ist daher auch aus unserer Sicht notwendig.“ Falk Osterloh

Foto: privat
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3 Fragen an . . .

Dr. med. Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD)

Frau Teichert, wie bewerten Sie den Gipfel zum Öffentlichen Gesundheitsdienst?

Das war ein historischer Moment. Ich bin seit über 20 Jahren in dem Bereich tätig und auch schon jahrelang Verbandsvorsitzende, ich hätte mir nie träumen lassen, dass wir jemals solche Aufmerksamkeit in der Politik und in der Öffentlichkeit erlangen. Mehr Stellen, bessere Bezahlung, Digitalisierung der Gesundheitsämter, Stärkung der Bevölkerungsmedizin in der Aus-, Fort- und Weiterbildung, das sind zentrale Punkte, die auch der BVÖGD in seinem Zehn-Punkte-Programm gefordert hat und die der Pakt jetzt aufgreift.

Was sehen Sie nun am wichtigsten am Pakt, was sofort umgesetzt werden muss?

Ein Pakt ist immer eine Kompromisslösung, ich finde aber alle unsere Forderungen wieder, obwohl ich ihn selbst etwas anders formuliert hätte. Denn ich hätte mich stärker auf eine Verbesserung der tariflichen Bezahlung fokussiert. Dort sind die Formulierungen verwässert. Ein eigenständiger Tarifvertrag für Ärztinnen und Ärzte im ÖGD ist die Lösung, wie wir jetzt die vielen neuen Stellen besetzen können. Wir müssen alles daran setzen, dass der Pakt nicht nur ein Papier und ein Versprechen ist, sondern auch in der Praxis zeitnah umgesetzt wird.

Spüren Sie dafür genügend Kraft aus Bund und Land dafür?

Die Gesundheitspolitikerinnen und -politiker von Bund und Bundesländer haben schon sehr viel gemacht und die Weichen in die richtige Richtung gestellt. Die kommunalen Arbeitgeberverbände verweigern sich aber weiterhin allen Verhandlungen. Die müssen sich jetzt bewegen. Auch die Kanzlerin Angela Merkel hat das ausdrücklich betont und die Tarifsituation angesprochen. Sie hat auch die kommunalen Vertreter angesprochen, dass sie jetzt das anpacken und ändern müssen. bee

Digitalisierung im Öffentlichen Gesundheitsdienst

Ein Fokus des Pakts liegt auf der Digitalisierung des ÖGD. Ziel ist der Ausbau des Deutschen Elektronischen Melde- und Informationssystems für den Infektionsschutz (DEMIS) zu einer gemeinsamen Kommunikationsplattform des ÖGD. Bis Ende des Jahres 2022 soll es allen Gesundheitsbehörden in Bund und Ländern zur Verfügung gestellt werden. Das Ziel von Bund und Ländern ist es, „eine Interoperabilität über alle Ebenen hinweg sicherzustellen und die für das Melde- und Berichtswesen erforderlichen Schnittstellen und Systeme zu definieren, zu schaffen und die entsprechenden Standards einzuhalten“, heißt es in dem Papier. „Zur Beschleunigung und Vereinfachung von Meldeverfahren werden zentrale Plattformen des Bundes geschaffen, bereitgestellt und deren konsequente Nutzung vorangetrieben.“ Mindeststandards für die digitale Reife sollen in den Kategorien „IT-Infrastruktur“, „Hardware“, „Software“, „Informationssicherheit“ und „Prozessunterstützung“ im Rahmen eines Forschungsvorhabens bis zum Frühjahr 2021 erarbeitet und anschließend evaluiert werden. Außerdem wird die Gesundheitsmanagement-Software SORMAS vom Helmoltz-Zentrum für Infektionsforschung weiterentwickelt. Diese Software haben etwa 40 Gesundheitsämter in Betrieb. Ob es eine zentrale Software gibt, ist noch unklar. Die Leiterin des Gesundheitsamtes in Gütersloh, Dr. med. Anne Bunte, sagt: „Zentrale Lösungen sind besser als viele Systeme und fehlende Schnittstellen.“ Die Vorsitzende des Berufsverbandes der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdiensts, Dr. med. Ute Teichert, mahnt, dass für den Einsatz der Mittel nun eine Bestandsaufnahme gemacht werden müsse. „Da der ÖGD Teil der Kommunalverwaltung ist, sind auch die Ausstattungen in einer Stadt oder Kommune sehr unterschiedlich.“ Wenn die Gelder aus dem Pakt nicht reichen, müssen noch einmal nachgesteuert werden, so Teichert. bee

Der Öffentliche Gesundheitsdienst

Der Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) ist neben dem stationären und dem ambulanten Sektor die dritte Säule des deutschen Gesundheitssystems. Bestandteile des ÖGD sind neben Bundesoberbehörden wie dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und dem Robert Koch-Institut (RKI) die Landesbehörden und als untere Gesundheitsbehörden die Gesundheitsämter. Die Aufgaben des ÖGD sind in Landesgesetzen festgelegt. Die Strukturen des Öffentlichen Gesundheitsdienstes variieren in den einzelnen Ländern. Während die Gesundheitsämter in den meisten Bundesländern in die Landratsämter eingegliedert sind, sind sie in Bayern unter anderem dem Ge­sund­heits­mi­nis­terium unterstellt.

Die Aufgaben des ÖGD liegen insbesondere in der Prävention und im Gesundheitsschutz der Bevölkerung. Das Aufgabenspektrum reicht von Beratungs- und Unterstützungsangeboten für Familien mit Kleinkindern über Mütterberatungen, Kita- und Einschulungsuntersuchungen, Untersuchungen und Beratungen von Schwangeren bis hin zu Kontroll- und Überwachungsaufgaben im Bereich der Krankenhaus-, der Umwelt- und der Seuchenhygiene. Hinzu kommen Beratungs- und Hilfsangebote für psychisch kranke, chronisch kranke sowie körperlich behinderte Menschen, die Erstellung amtsärztlicher Gutachten, die Mitwirkung an der Gesundheitsberichterstattung sowie die Politikberatung. Die Schutzmaßnahmen im Zusammenhang mit dem Ausbrechen einer Infektionskrankheit werden in Abstimmung mit den Gesundheitsämtern getroffen, die für die Umgebungsuntersuchungen im Umfeld der Erkrankten zuständig sind. Zudem koordiniert der ÖGD die ärztliche Untersuchung von Flüchtlingen nach ihrer Ankunft in Erstaufnahmeeinrichtungen.

Die Weiterbildungszeit beträgt beim Facharzt für Öffentliches Gesundheitswesen fünf Jahre. Je nach Bundesland variieren die Inhalte der Weiterbildung. In Nordrhein, zum Beispiel, sind die Weiterbildungsassistenten 36 Monate in den Gebieten der unmittelbaren Patientenversorgung tätig, davon sechs Monate in der Psychiatrie und Psychotherapie. Hinzu kommen 18 Monate in einer zugelassenen Weiterbildungsstätte des öffentlichen Gesundheitswesens, davon neun Monate bei einer unteren Gesundheitsbehörde, sowie sechs Monate theoretische Weiterbildung im Kurs öffentliches Gesundheitswesen. Der Inhalt der Weiterbildung wird dabei nicht ausschließlich von den Ärztekammern festgelegt, sondern zum Teil auch von der Politik. Heute arbeiten in Deutschland dem Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte im Öffentlichen Gesundheitswesen (BVÖGD) zufolge etwa 2 500 Ämtsärzte in 380 Gesundheitsämtern – etwa ein Drittel weniger als im Jahr 1998. jff

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