ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2000Leipziger Studie zur Pflegeversicherung: Demenzkranke werden benachteiligt

POLITIK: Aktuell

Leipziger Studie zur Pflegeversicherung: Demenzkranke werden benachteiligt

Dtsch Arztebl 2000; 97(10): A-592 / B-481 / C-453

Richter, Eva A.

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LNSLNS Eine repräsentative Studie bestätigt erstmals, dass demente alte Menschen nicht adäquat in der Pflegeversicherung eingestuft sind.


Dass Demenzkranke innerhalb der Pflegeversicherung benachteiligt werden, wird schon seit einiger Zeit behauptet und kritisiert. Ein Grund: Das Pflegeversicherungsgesetz ist somatisch orientiert und gewährt nur körperliche Hilfen. Der tatsächliche Pflegebedarf Demenzkranker lässt sich damit nicht einschätzen. Ob Demenzkranke tatsächlich nicht angemessen berücksichtigt werden, war bisher wissenschaftlich nicht belegt. Die "Leipziger Langzeitstudie in der Altenbevölkerung" (LEILA 75+, Projektleiter Prof. Dr. med. Matthias C. Angermeyer*) legt hierzu erstmals bevölkerungsrepräsentative Daten vor, die 1997/98 erhoben wurden.
Die Ergebnisse der Studie zeigen deutlich, dass ein erheblicher Teil der Dementen unangemessen eingestuft ist. Zum Studiendesign: Aus einer Zufallsstichprobe von 1 692 Leipziger Senioren, die älter als 75 Jahre waren, diagnostizierten Ärzte und Psychologen bei 220 Studienteilnehmern eine dementielle Erkrankung, die mit einer psychosozialen Beeinträchtigung verbunden war. Davon litten 94 Patienten an einer leichten, 64 an einer mittelschweren und 62 an einer schweren Demenz. Grundlage für die Einschätzung bildete eine klinische Untersuchung mithilfe des SIDAM (Strukturiertes Interview zur Diagnose der Demenz vom Alzheimer-Typ, Multiinfarktdemenz und Demenzen anderer Ätiologie). Auskunft über die Pflegestufen erteilten die Angehörigen. Fast ein Viertel der Dementen, nämlich 24,6 Prozent, waren keiner Pflegestufe zugeordnet. Dabei wurde von 18,2 Prozent der Befragten gar kein Antrag gestellt. Dies betrifft besonders die Leichtdementen. "Im persönlichen Gespräch mit den alten Menschen und deren Angehörigen wurde deutlich", erläutert Anja Busse, Psychologin an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie der Universität Leipzig und Initiatorin der Studie, "dass es große Hemmschwellen gibt, überhaupt eine Pflegestufe zu beantragen." Besonders sei dies bei dementen Menschen ohne körperliche Beeinträchtigung der Fall. Offensichtlich läge ein Informationsdefizit über die Beantragungsmöglichkeiten vor, konstatiert Busse.
Abgelehnt wurde der Antrag auf eine Pflegestufe bei 6,4 Prozent der Dementen. Die Pflegestufe 1 erhielten 28,2 Prozent. Völlig fehl eingestuft in diese Kategorien wären jedoch 35 Prozent der Mittelschwer- und 16 Prozent der Schwerdementen. "Sarkastisch formuliert, sind diese Personen aber immerhin besser bedient als die 9 Prozent der Mittelschwerdementen und ihre Angehörigen, deren Antrag abgelehnt wurde", bemerkt Busse. "Diese Menschen erhalten trotz des Pflegebedarfs keine angemessene Unterstützung durch die Pflegeversicherung." 30,5 Prozent der Dementen sind in der Pflegestufe 2, nur 7,7 Prozent in Stufe 3.
Manchmal gar keine Pflegestufe
Warum werden die Pflegestufen für die Dementen nicht adäquat eingeschätzt? Die Arbeitsgruppe sieht die Gründe in der Begutachtungspraxis: Einerseits seien die Richtlinien auf Demenzkranke schwer anwendbar. Denn diese Patienten müssen häufig beaufsichtigt und angeleitet sowie zur Selbstständigkeit motiviert werden. "Es ist eine aktivierende und nicht nur eine versorgende Satt-sauber-warm-Pflege notwendig", erklärt die Leipziger Psychologin. "Dieser besondere Hilfebedarf ist sowohl inhaltlich als auch hinsichtlich des Zeitbedarfs äußerst schwer fassbar."
Andererseits ist die Begutachtung kompliziert: Da Demenzkranke ihre Defizite nur schwer oder gar nicht beurteilen können, wird die Pflegebedürfigkeit verzerrt eingeschätzt, wenn nicht Informationen von Angehörigen mit einbezogen werden. Um aber die Gedächtnisfunktion zu testen, bedarf es gerontopsychiatrisch kompetenter Gutachter. Zum Teil seien in einer anderen Studie erhebliche Unterschiede zwischen den Begutachtungsergebnissen von MDK-Gutachtern und Beurteilern aus der Gedächtnissprechstunde gefunden worden, merkt Anja Busse an. Pflegende überlastet
Nicht nur die Demenzkranken werden benachteiligt, in besonderer Weise sind von diesem Problem die pflegenden Angehörigen betroffen. Sie sind oft rund um die Uhr im Einsatz. Professionelle Pflegekräfte werden hingegen vor die Wahl gestellt, adäquate Pflege ohne angemessene Vergütung zu leisten oder ungenügend zu betreuen. Anja Busse prophezeit enorme Folgekosten, wenn auf das derzeitige Problem nicht reagiert wird. Bliebe es bei der Situation, seien die Hilfesysteme auf die Dauer der Betreuung von dementen alten Menschen nicht mehr gewachsen. ER


Verteilung der Pflegestufen für eine repräsentative Stichprobe von N = 220 dementen Menschen


Ergebnis des Antrages auf Pflegestufe für die einzelnen Schweregrade der Demenz


* LEILA 75+: Dipl.-Psych. Anja Busse, Dipl.-Psych. Astrid Sonntag, Dr. med. Steffi G. Riedel-Heller, Prof. Dr. med. Matthias C. Angermeyer; Klinik und Poliklinik für Psychiatrie der Universität Leipzig; Projekt gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung; Interdisziplinäres Zentrum für Klinische Forschung an der Universität Leipzig

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