ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2020Arbeitsbedingungen: Mehr Zeit, mehr Sicherheit

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Arbeitsbedingungen: Mehr Zeit, mehr Sicherheit

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Schon im April hörte man die ersten Stimmen, die Coronapandemie mache wie ein Brennglas die Stärken und Schwächen des deutschen Gesundheitssystems deutlich. Und es stimmte. Das reichte von den im Vergleich zu anderen europäischen Ländern großen Ressourcen in der Intensivmedizin und die gute Arbeit der Vertragsärzte über die fehlenden Schutzausrüstungen, die die mangelnde Vorbereitung auf solch eine Pandemie deutlich machten, bis hin zur lange bekannten unzureichenden personellen und digitalen Ausstattung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, die die Nachverfolgung von Infizierten behinderte.

Man könnte noch viele Punkte auflisten, der Welttag der Patientensicherheit rückte aber in der vergangenen Woche einen Aspekt in den Mittelpunkt, der nicht neu, dafür umso wichtiger ist: die Sicherheit des Gesundheitspersonals (siehe Seite 1800). In der Coronapandemie war diese gleich zu Beginn durch die fehlende Schutzausrüstung gefährdet. Nicht nur die Ansteckungsgefahr war folglich in Arztpraxen, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen erhöht, sondern auch die psychische Belastung, die das Wissen um dieses Risiko hervorruft. Davon betroffen waren wiederum auch die Familienangehörigen der Gesundheitsberufe.

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Solch einen unseligen Kreislauf konnte man auch bei den fehlenden Sicherheitskonzepten in den Pflegeheimen beobachten. Zunächst isolierte man – angesichts vieler Todesfälle nachvollziehbar – die Pflegeheimbewohner. Auf Dauer wuchs aber wegen der strikten Isolierung die psychische Belastung der Pflegebedürftigen, ihrer Angehörigen und des Pflegepersonals, die neben der körperlichen Betreuung immer mehr die fehlende Kommunikation mit Familienangehörigen ausglichen. Ähnlich erging es den Mitarbeitern auf den Intensivstationen, die die schweren COVID-19-Fälle versorgten, sich dem Virus ausgesetzt sahen und körperlich stark belastet waren.

Also beklatschten zwar viele im März und April von ihren Balkonen das Gesundheitspersonal, die Auswirkungen auf deren mentale Gesundheit kam allerdings selten zur Sprache. Und das, obwohl es für jeden einleuchtend sein muss, wie stark sich dies auf die Patientenversorgung auswirken kann. Zu Recht weist das Aktionsbündnis Patientensicherheit darauf hin, dass Patienten- und Personalgesundheit nicht getrennt voneinander betrachtet werden dürfen. Hierzu muss es innerhalb der Gesundheitseinrichtungen Ansprechpartner geben, die ihren Angestellten die Möglichkeit geben, sich auszusprechen, sei es über das, was sie (psychisch) belastet oder auch über Fehler, die passiert sind.

Auffallend ist, dass viele Gefahren, über die man im Zuge der Patienten- und Mitarbeitersicherheit liest, schon lange als Folgen der Kommerzialisierung des Gesundheitssystems genannt werden. Seit Jahren wird mit zu wenig Personal gearbeitet, die prekären Arbeitsbedingungen führen regelmäßig – und in der Hochphase der Pandemie erst recht – dazu, dass Ärzte und andere Gesundheitsberufe psychisch wie körperlich über Gebühr belastet werden. So muss man bei der Analyse der Pandemie nicht nur über strukturelle Anforderungen diskutieren, sondern auch darüber, wie man bessere Arbeitsbedingungen für das Gesundheitspersonal schafft. Mehr Zeit heißt weniger Stress und mehr Sicherheit. Das hätte den positiven Nebeneffekt, dass die Gesundheitsberufe attraktiver werden. Denn fehlendes Personal gefährdet Patienten- und Personalsicherheit.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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