ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2000Pseudohyperaldosteronismus: Lakritzverzehr mit Folgen

POLITIK: Medizinreport

Pseudohyperaldosteronismus: Lakritzverzehr mit Folgen

Dtsch Arztebl 2000; 97(10): A-596 / B-484 / C-456

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Extrakte der Süßholzwurzel verursachen infolge mineralkortikoider Wirkung eine hypokaliämische Hypertonie.


Viele Menschen, die Süßes lieben, aber den Zucker meiden müssen - sei es aus diätetischen Gründen, sei es wegen eines Diabetes mellitus - kommen früher oder später auf den Geschmack der Lakritze. Lakritze wird aus der Süßholzwurzel hergestellt, die ihren Namen nicht zu Unrecht trägt, hat doch der Hauptinhaltsstoff Glycyrrhizin eine 50fach stärkere Süßkraft als Rohrzucker. Dass Glycyrrhizin und andere in der Lakritze enthaltene Stoffe jedoch noch andere unerwünschte Wirkungen haben können, ist in der Öffentlichkeit kaum bekannt. Auch für Ärzte sind Fälle einer Lakritzintoxikation immer wieder verblüffend, wie im Fall eines 37-jährigen Patienten, der mit Schwindelanfällen, Herzrhythmusstörungen, Schwäche und Muskelschwund ins Krankenhaus eingeliefert wird. Die Laboruntersuchung zeigt eine massive Hypokaliämie, für die es zunächst keine Erklärung gibt, bis die Anamnese einen täglichen Verzehr von zwei Tüten Gummipastillen mit Lakritzextrakt zutage fördert. Weitere typische Symptome einer Lakritzvergiftung sind eine arterielle Hypertonie, Kopfschmerzen, Ödeme an Fußknöcheln oder im Gesicht. In Dänemark beliebt
Bis zu drei Prozent aller Hypertonieerkrankungen sollen auf Lakritzkonsum zurückzuführen sein. Dänische Wissenschaftler empfehlen deshalb Hypertonikern, auf Lakritz zu verzichten. Im Nachbarland erfreut sich der Süßstoff hoher Beliebtheit, und dort sind überall Lakritzen mit einer hohen Glycyrrhizinkonzentration von 0,2 g/100 g oder mehr erhältlich. Nach Angaben von Apotheker Jens Bielenberg (Westerhorn) gelangt auch dänische Starklakritze hin und wieder in deutsche Supermärkte, was ein Verstoß gegen die Bestimmungen und Verkehrsregeln für Zuckerwaren und verwandte Erzeugnisse des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde ist, die den Verkauf von Starklakritzen auf Apotheken beschränkt. Dort hat Lakritze als Naturheilmittel Tradition. Nach Hunnius (Pharmazeutisches Wörterbuch) wird es als Expektorans und Geschmackskorrigens sowie zur Behandlung von Magengeschwüren empfohlen. Mit der Lakritze chemisch eng verwandt ist Carbenoxolon, früher ein beliebtes verschreibungspflichtiges Magenpräparat, das nur unter regelmäßiger Kontrolle der Kaliumwerte verordnet werden durfte. Der Lakritzliebhaber unterliegt entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen nicht, obwohl er beim Verzehr von Lakritze unter Umständen dosisäquivalente Mengen an Glycyrrhizin zu sich nimmt.
Das Problem ist den Verbraucherschützern bekannt. Zuletzt mahnte das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin im Februar 1999 zur Vorsicht. Ab einem Verzehr von 50 g Starklakritze müsse mit Gesundheitsstörungen gerechnet werden. Bereits im Februar 1991 hatte das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium dem Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie, dem Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde sowie dem Verband der Deutschen Essenzenindustrie empfohlen, auf die Verpackungen von Lakritzzubereitungen Warnhinweise aufzudrucken. Der Grenzwert sollte bei einem täglichen Verzehr von 100 mg Glycyrrhizin liegen. Der Wirkungsmechanismus von Lakritze ist nicht genau bekannt. Lange wurde vermutet, dass Lakritze die Delta-5b-Reduktase hemmt. Das Enzym ist für den Abbau von Aldosteron und Hydrocortison zuständig. Gegen diese Hypothese spricht das bei Lakritzintoxikationen häufig beobachtete Sinken des Plasma-Aldosterons. Neuerdings wird eine Hemmung der 11-b-Hydroxy-teroiddehydrogenase diskutiert. Das Enzym baut Cortisol ab. Die mineralokortikoide Wirkung des Cortisols könnte die klinische Symptomatik erklären. Sie entspricht der eines Conn-Syndroms (primärer Hyperaldosteronismus). Da der Plasma-Aldosteron-Spiegel niedrig ist, spricht man genauer von einem Pseudoaldosteronismus. Leitsymptom ist eine hypokaliämische Hypertonie durch Zunahme des intravasalen Flüssigkeitsvolumens. Die Hypokaliämie kann durch die Einnahme von Herzglykosiden, Schleifen- und Thiaziddiuretika und nicht elektrolytneutrale Laxanzien verstärkt werden. Es wäre deshalb wünschenswert, wenn Warnhinweise in die Beipackzettel der Medikamente aufgenommen würden. Denkbar ist auch eine Interaktion mit ACE-Hemmern. Der Konsum von Lakritze führt zu einer Blockade der Reaktionskaskade Renin-Angiotensin-Aldosteron. Die Reninwerte können stark abfallen. Rüdiger Meyer

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ChristianWolff53
am Donnerstag, 16. April 2015, 17:32

genau das scheint mir gestern passiert zu sein:

kräftiger Lakritzbonbon-Konsum während eines Fußballspiels. Heute, etwa 14 Stunden später die beschriebenen Symptome, die mit Rhythmusstörungen einhergingen und art. Hypertonus. Kein Kaltschweiß, kein Schmerz. Passt der Zeitrahmen ?

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