ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2020Ambulante Versorgung: Systemvorteil in der Pandemie

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Ambulante Versorgung: Systemvorteil in der Pandemie

Beerheide, Rebecca

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Zwei Gemeinsamkeiten gibt es bei Staaten in der Europäischen Union, die die Pandemie bislang gut bewältigt haben: Sie haben Patienten in ambulanten Versorgungseinrichtungen getestet und möglichst lange von Krankenhäusern ferngehalten, heißt es auf einem Kongress der KBV.

Hybride Konferenz: KBV-Chef Andreas Gassen, Minister Jens Spahn und die Vorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, Doris Pfeifer, bei der Konferenz in Berlin. Zugeschaltet aus Kopenhagen ist Hans Kluge von der WHO. Foto: Andrea Katheder
Hybride Konferenz: KBV-Chef Andreas Gassen, Minister Jens Spahn und die Vorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, Doris Pfeifer, bei der Konferenz in Berlin. Zugeschaltet aus Kopenhagen ist Hans Kluge von der WHO. Foto: Andrea Katheder

Gesundheitssysteme in Europa, die ihren Schwerpunkt in ambulanten Versorgungsstrukturen haben, sind in den vergangenen sieben Monaten besser durch die COVID-19-Pandemie gekommen als andere. So wurden in Dänemark, Finnland, Norwegen, Österreich und Deutschland Patienten außerhalb von Krankenhäusern getestet und lange Zeit in der ambulanten Versorgung versorgt. Hier zeigen sich im Vergleich zu anderen EU-Staaten deutlich bessere Ergebnisse bei Krankenhauseinweisungen, Intensivbehandlungen sowie Verstorbenen.

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Diese erste Datenauswertungen des European Obsevatory on Health Systems and Policies unter der Co-Leitung von Prof. Dr. med. Reinhardt Busse von der TU Berlin wurden beim „healsy20“-Kongress der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) im assoziierten Programm im Rahmen der deutschen der EU-Ratspräsidentschaft Anfang Oktober vorgestellt. Der Kongress fand unter Pandemiebedingungen in hybrider Form mit Online-Diskussionen und zugeschalteten Zuschauern statt.

Ausreichende Bettenkapazitäten

Laut Busse sind beim Umgang der Gesundheitssysteme mit der Pandemie drei Faktoren wichtig: die Bedingungen für das Testen von COVID-19-Patienten, die Zuständigkeit für die Behandlung von Patienten sowie die Zahl der stationären Intensivbetten. Die Bedeutung der Betten aber sei oftmals in der politischen Reaktion überschätzt worden, so Busse. Bei den Intensivbetten reichten die Kapazitäten in jedem EU-Land aus – vor allem nachdem auch in den Niederlanden, in der italienischen Region Lombardei sowie in Schweden zusätzliche Kapazitäten aufgebaut wurden. Aber in keinem EU-Land seien in diesen ersten Monaten der Pandemie die Allgemeinbetten in Krankenhäuser knapp geworden, nicht einmal in den stark betroffenen Ländern Spanien, Belgien oder Frankreich.

Beim Thema Testen sei es wichtig, unter welchen Voraussetzungen und vor allem durch welchen Sektor im Gesundheitswesen die Patienten mit Verdacht getestet wurden. Es habe sich gezeigt, dass es in den Ländern weniger Ansteckungen in stationären Einrichtungen gegeben hat, in denen in ambulanten Versorgungseinrichtungen getestet wurde und noch wird.

Hier sei ein deutlicher Unterschied in den EU-Ländern zu sehen: Während in Deutschland 19 von 20 COVID-19-Patienten ambulant versorgt wurden, so waren in Frankreich 70 Prozent aller positiv-getesteten Menschen in einem Krankenhaus getestet worden. Auch in der italienischen Region Lombardei, aus denen im März Bilder von überlasteten Kliniken um die Welt gingen, sei dies ähnlich geschehen. „Das Krankenhaus ist ein gefährlicher Ort“, erklärte Busse, besonders für Patienten, die nicht wegen einer COVID-19-Infektion auf einer Station versorgt werden.

Da es in Italien aber 21 verschiedene Arten der Organisation des Gesundheitssystems gebe, dürfe die eine Erfahrung in einer Region im Norden von Italien nicht auf das ganze Land übertragen werden, so Busse. So gebe es beispielsweise in der Nachbarregion der Lombardei, der Region Venetien, viele ambulante Gesundheitszentren. Diese seien oftmals zwischen 8 und 22 Uhr geöffnet, hier wurden viele Menschen mit Verdacht getestet. Ebenso wurden Patienten mit milderen Verläufen der Erkrankung im eigenen Zuhause versorgt, während in anderen Regionen die Menschen mit Symptomen in die Kliniken gegangen sind, hieß es von Experten aus der Region Venetien auf der Konferenz.

Experten diskutieren in virtuellen Foren bei der EU-Konferenz der KBV.
Experten diskutieren in virtuellen Foren bei der EU-Konferenz der KBV.

Frühzeitige PCR-Tests

Eine starke Resilienz und Widerstandskraft attestierte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) dem deutschen System. Es gebe mehr als fünf Millionen Beschäftigte im Gesundheitswesen, dazu gehörten neben Ärztinnen und Ärzten, Pflegekräften, Medizinische Fachkräfte (MFA), Apothekern auch die Medizinisch-Technischen-Assistenten (MTA) in den Laboren, „die auch seit Monaten jedes Wochenende durcharbeiten“, so Spahn auf dem KBV-Kongress.

Aus seiner Sicht war es wichtig, dass bereits im Februar die PCR-Tests für alle gesetzlich Krankenversicherten zur Verfügung gestanden haben. Außerdem sei es wichtig, dass es auch weiterhin ambulante Versorgungsstrukturen bei Praxen, Krankenhäusern sowie Laboren „in der Fläche“ in Deutschland gebe. „Weil in Nachbarländern alle Patienten im Krankenhaus waren, waren dort die Zahlen auch so hoch“, so Spahn. Für die kommenden Wintermonate solle es weiterhin Schwerpunktpraxen oder Fieberambulanzen der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) geben, auch wenn der Minister sich nicht auf das konkrete Wort zur Bezeichnung der Ambulanzen festlegen wollte.

Für eine mögliche Impfung gegen COVID-19 könne er sich vorstellen, dass Risikogruppen im Winter in Zentren wie Messehallen geimpft werden können. Dies solle starten, wenn es sichere Impfstoffe gebe. Der Minister betonte, dass man aber erst impfen wolle, wenn die Phase-3-Studien sicher beendet seien. Die Zulassung erfolge dann über die EU-Behörden.

Hans Henri P. Kluge, Regionaldirektor für Europa bei der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO), erklärte, dass die EU-Staaten beim Thema Impfstoff sich auch solidarisch mit den kleineren und schwächeren Staaten zeigen müsse. Sicher seien die großen Staaten erst, wenn es auch Impfstoffe für die kleineren Staaten gebe, so Kluge, zugeschaltet aus Kopenhagen. Er betone zudem, dass die EU-Staaten sich für die kommenden Monate auf gemeinsame Teststrategien einigen sollten und der Kampf gegen die Pandemie nicht nur auf den Schultern der Krankenhäuser liegen sollte. Er forderte auch die „institutionelle Solidarität“ der EU-Ministerien gegenüber der WHO ein.

Wichtige ambulante Struktur

Für KBV-Chef Dr. med. Andreas Gassen ist das gute Abschneiden Deutschlands in der Pandemie eine Frage der Struktur des hiesigen Gesundheitssystems. „Wir haben ja keine andere Therapie als in unseren Nachbarstaaten, aber wir haben ein ambulantes System, das nur schwierige Fälle in die Krankenhäuser einweist“, so Gassen. Dies zeige mit Blick auf künftige Reformdiskussionen im deutschen Gesundheitswesen, „dass ambulante Versorgung am Krankenhaus keine gute Idee ist“. Es müsse weiterhin eine dezentrale und ambulante Struktur im Gesundheitswesen erhalten bleiben. Auch sei es wichtig gewesen, dass man frühzeitig mit den Vertretern der Krankenkassen über die Testung von gesetzlich Versicherten gesprochen habe. Zeitgleich haben auch die ambulanten Labore ihre Kapazitäten erweitert und könnten inzwischen mehr als 1,2 Millionen Tests pro Woche schaffen.

Für die Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, Dr. rer. pol. Doris Pfeiffer, war etwas Glück dabei sowie eine schnelle Reaktion der Selbstverwaltung, dass Deutschland gut durch die Pandemie gekommen ist. Durch die gemeinsame Reaktion konnten schnell Behandlungskapazitäten organisiert sowie Feihaltepauschalen festgelegt werden. Auch wenn diese Pauschalen sowie Rettungsschirme für ambulante Praxen wichtig gewesen seien, mache sich Pfeiffer nun um die über 16,5 Milliarden Euro Sorgen, die im Jahr 2021 den gesetzlichen Krankenkassen fehlen werden. Besonders auch auf der Einnahmenseite könnte dies bei einer möglichen Wirtschaftskrise ein Problem werden, erklärte Pfeiffer. Rebecca Beerheide

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