ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2020Coronaimpfung: Herkulesaufgabe

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Coronaimpfung: Herkulesaufgabe

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) hat erstmals eine Phase-I-Prüfung für einen Vektorimpfstoff gegen das SARS-CoV-2-Virus zugelassen. Geprüft wird ein an der Ludwig-Maximilians-Universtiät München entwickelter Vektorimpfstoff, der auf dem vor über 30 Jahren entwickelten Pockenimpfstoff Imvanex basiert. Antragsteller ist das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF). Beteiligte an dem Projekt sind neben München die Universitätsklinika Marburg, Hamburg-Eppendorf sowie der Pharmaproduzent IDT Biologika. Geimpft werden erstmal insgesamt 30 gesunde Erwachsene im Alter von 18 bis 55 Jahren. Bei Erfolg steht eine Phase-II-Studie ab Ende des Jahres in Aussicht. Das Impfstoffprojekt ist eines von weltweit über 248, von denen sich aktuell 49 in klinischen Prüfungen befinden (Stand: 5.10.2020).

Weltweit ist der Kraftakt zur Impfstoffentwicklung gegen das Virus enorm. Es gibt aussichtsreiche Kandidaten, die – abgesehen vom prinzipiellen Vorbehalt, ob und wie erfolgreich sie wirken – nach erfolgreicher Prüfung bis Abschluss der Phase III wohl erst im Lauf des kommenden Jahres zur Verfügung stehen können. Bis dahin bleibt es bei der Bekämpfung des Virus unter Nutzung des seit Beginn der Pandemie gewachsenen Wissensstandes bei Vorhaltung der inzwischen aufgebauten Handlungskapazitäten.

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Dass Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) sich jetzt für die Einrichtung von Impfzentren in Messehallen ausspricht, macht ein logistisches Problem bewusst, das nach erfolgreicher Entwicklung eines Impfstoffes bevorsteht: Wie soll Deutschlands über 80 Millionen Menschen starke Bevölkerung (freiwillig) durchgeimpft werden? Woher sollen ausreichende Mengen an Impfstoffen kommen? Die EU-weite Vorsorge und Verteilung wird Priorisierungsmodelle abfordern, viele ethische Fragen aufwerfen und einen gut strukturierten Organisationsablauf erfordern, der weit komplexer ist als eine Teststrategie an bayerischen Autobahngrenzübergängen. Hier muss die Politik auf die Expertise der Fachleute setzen.

Dass sich das Problem stellen werde, hat Bundes­ärzte­kammerpräsident Dr. med. (I) Klaus Reinhardt bereits im April an die Öffentlichkeit adressiert und entsprechende Konzepte eingefordert. Ein halbes Jahr später nimmt die Politik das Thema wieder auf, um es – hoffentlich – an die Experten und die selbstverwaltete Ärzteschaft zurückzugeben. Das mutet zwar wie profane Stichwortgabe an, signalisiert aber immerhin, dass es jetzt Zeit ist, planend zu handeln.

Einige Ärztekammern und Kassenärztliche Vereinigungen haben in den zurückliegenden Monaten ihre Erfahrungen in mögliche Handlungsoptionen umgemünzt. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat ihr Konzept zum weiteren Umgang mit der Pandemie, speziell auch zur Impfung, vorgestellt. Der Weg aus der Pandemie ist damit ein Flug auf Sicht, kein Blindflug.

Vorausgesetzt, es gibt einen Impfstoff, heißt das nicht, dass ein kurzfristiger „Sieg gegen Corona“ ins Haus steht. Produktion, globale Verteilung, sachgerechte Priorisierung und logistische Umsetzung sind eine Herkulesaufgabe, die Kraft und Klugheit abfordert. Landkarten für diesen Weg gibt es noch keine. Aber es existiert Know-how, auf das man setzen kann. Vor allem wird es jetzt wichtiger denn je, mit offener, konstruktiver Aufklärung das Vertrauen der Bevölkerung zu erhalten, damit die Menschen diesen Weg mitgehen.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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