ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2020Humor: Auf die Dosis kommt es an
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Wäre Humor ein Medikament und würde über dessen Zulassung diskutiert, so wären von besonderem Interesse seine Qualität, die Wirksamkeit und seine Unbedenklichkeit. Ein Gedankenexperiment.

Foto: photo mts/stock.adobe.com
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Unter welchen Umweltbedingungen ist Humor ein sicher anzuwendendes Arzneimittel? Kann Humor schlecht werden und ist das Mindesthaltbarkeitsdatum von speziellen Arten von Humor überschritten? In welchem Primärpackmittel soll Humor gelagert werden und wie lange währt die Anbruchstabilität eines Witzes, der das erste Mal ausgepackt wurde?

Als Hilfs- und Stabilisierungsstoffe für die Arzneiform Humor gelten allgemein das Pokerface, die Pause und ein magensaftresistenter Überzug, damit einem trockener Humor nicht sauer aufstößt. Humor hat eine sprachliche und eine körpersprachliche Qualität – während man Charly Chaplin, Jerry Lewis und Laurel und Hardy auf der ganzen Welt versteht, beschränkt sich sprachlicher Witz oft auf eine bestimmte Region und Sprachkultur. Humor ist jedoch immer „out of the box“ – eine Überraschung, ein Perspektivwechsel. Er kann eine geringe und eine hohe Qualität erreichen. Flach wäre: „Zwei Blondinen werfen sich Stroh zu. Was ist das? Ein Gedankenaustausch.“ Gesteigertes Niveau wäre etwa: „Ist Ihr Haus eigentlich kindersicher?“ – „Nein, eins hat es trotzdem reingeschafft.“ Humor kann in guter Qualität massentauglich sein oder aber zu speziell, um ihn zu verstehen: „Billardspieler wechseln zum Schach. Sie finden den Kö nicht.“ Wer weiß, dass der Billardstab Queue [sprich: Kö] heißt, fand den letzten Satz witzig. Sonst ist der Witz zu speziell.

Es gibt Humorstile, die als Medikament nur beschränkt zugelassen werden sollten. So sollte Ironie keine Anwendung bei Kindern unter acht Jahren finden. Spezieller Humor ist für Expertenprobleme und „Wehwehchen“ dagegen gut geeignet. Soll die Stimmung in einem Team beeinflusst werden, ist es notwendig, den Wissensstand und das Können anderer Menschen zu kennen. Darauf lässt sich die Humordosis beziehungsweise der Humorstil abstimmen.

Eigene Expertise nutzen

Ein Bus kommt an eine Haltestelle. Zehn Fahrgäste steigen ein, an der nächsten Haltestelle steigen elf wieder aus. Der Biologe sagt: Die haben sich vermehrt. Der Physiker meint: Zehn Prozent Messtoleranz müssen immer drin sein. Und der Mathematiker ruft: Wenn jetzt einer einsteigt, dann ist der Bus leer. Natürlich prägt die eigene Expertise auch den Humor. Das kann, muss aber nicht genutzt werden.

Humor benötigt eine Zulassungsbeschränkung – für den Fall, dass er zu wenig erkennbar oder zu aggressiv ist. Dem Humorstile-Modell von Rod Martin zufolge neigen Menschen zu aufwertendem (sozialem) oder abwertendem (aggressivem) Humor.

Sozialer Humor erzeugt weniger Nebenwirkungen, man erhält ein deutlich positiveres Nutzen-Risiko-Verhältnis. Aggressiver Humor bedeutet, sich oder andere durch den Kakao zu ziehen, es stecken mehr Signale in ihm. Bei diesem Humorstil werden mehr Nebenwirkungen auftreten.

Was die körperlichen Reaktionen eines Menschen im Falle von Humor angeht, kommt es zu einer Aktivierung der Gesichtsmuskulatur. 17 Muskeln werden allein in der Gesichtsregion betätigt, 80 am ganzen Körper. Außerdem werden Brust-, Bronchial- und Atemmuskulatur aktiviert. Das bedeutet eine vertiefte Einatmung und Tachypnoe sowie eine verstärkte Ausatmung (stoßweise) mit bis zu 100 Kilometern pro Stunde. Im Falle von Stress neigt der Mensch zu verstärktem Einatmen. Das Ausatmen wird oft vergessen, gerade bei Spannung oder Konflikten. Durch herzhaftes Lachen strömt drei- bis viermal mehr Luft in die Lunge als normalerweise. Kehlkopfmuskeln und Stimmbänder werden aktiviert und haben bei männlichem Gelächter mindestens 280 Schwingungen pro Sekunde, beim weiblichen sogar 500. Die Bein- und Blasenmuskulatur entspannt sich – daher die Redensart „sich vor Lachen in die Hose machen“.

Gut nachgewiesen sind auch die Effekte auf die Schmerzwahrnehmung, wohingegen bislang nur geringe Evidenz zum positiven Einfluss von Humor auf das Immunsystem und den Stoffwechsel vorliegt.

Dann ist Humor unbedenklich

Unbedenklich ist Humor, wenn er deutlich erkennbar ist. Das gilt auch beim Humoreinsatz in Zeiten großer Veränderungen. Die größte Veränderung des Lebens ist sicher der Tod – allzu oft ängstigt er und hindert am Lachen. Doch was, wenn sich ein anderer Umgang damit fände? Im Sinne folgender Grabinschrift beispielsweise: „Guck nicht so doof. Ich läg jetzt auch lieber am Strand.“

Wie kann man Humor messen? Ist er überhaupt ein Medikament? Mit großer Sicherheit kann man sagen, dass unter Normalbedingungen des menschlichen Alltags Humor oft von selber entsteht. Bei erhöhtem Stress, Veränderungen oder Diskussion unternehmensinterner Führungsleitlinien liegt Humor dagegen nicht auf der Hand. Ganz zu schweigen von dem Patienten, der unter Schmerzen und Problemfixierung leidet. In diesen Fällen erscheint es dringend notwendig, das Medikament Humor einer Zulassungsprüfung zu unterziehen.

Bei der Frage, welche Biomarker eingesetzt werden, um geeignete Endpunkte für den positiven Effekt von Humor nachzuweisen, fällt als erstes die Lachfalte ein. Ob dies eine confounder-freie Variable ist, bleibt anzuzweifeln.

Besteht nach einer single-dose application von Humor ein lineares PK-PD-Verhältnis? Was passiert bei einer multiple-dose application? Und wie groß ist das therapeutische Fenster, bevor man in den toxischen Bereich kommt? In einigen Fällen soll es zur Akkumulation von Humor gekommen sein (Kabarett und Comedy), doch eine mittlere letale Dosis konnte bislang nicht gemessen werden. Wie lange dauert die Wirkung von Humor an? Ist man chronisch krank, wenn man täglich eine Dosis Humor benötigt? Oder gehört er zur Grundausstattung des Menschen einfach dazu?

Fest steht: Verliert ein Erwachsener das Lachen, kommt Humor als Medikament auf den Plan. Die Wirksamkeit von Humor ist bei gleichzeitiger Einnahme von Stress eingeschränkt, da Stress und Humor durch dasselbe Enzymsystem abgebaut werden. Formen von aggressivem Humor sind als Metabolite im Harn zu finden. Metabolite sozialen Humors sind vornehmlich im Herz detektierbar, weil man selbiges schnell erreicht und entspannt.

Unbedenklich ist Humor wie bereits erwähnt, wenn er erkannt wird. Das Problem beginnt da, wo Menschen eine Satiresendung mit einer Nachrichtensendung verwechseln. Es beginnt da, wo Sätze aus dem Zusammenhang gerissen werden oder eine Person beschämt und nicht inhaltlich humorvoll kritisiert wird.

Im Zusammenhang sehen

Zum Beispiel die Forderung von Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn, dass Pflegekräfte mehr arbeiten müssen. Er sagte das im Zusammenhang mit besseren Rahmenbedingungen, also fairen Schichtplänen, berechenbaren Arbeitszeiten und folglich Pflegekräften, die auch wieder bereit wären, mehr zu arbeiten. Unter besseren Bedingungen. Was dem Pflegenotstand sehr helfen würde. Eine absolut passende Forderung. Aus dem Zusammenhang gerissen, löste dieser Satz Empörung aus. Kaum jemand überprüfte die ursprüngliche Rede von Spahn. Humor wird zur Meinungsbildung. Er ist nicht erkennbar und sein Einsatz somit bedenklich. Unter Angst oder Stress sinkt die Bereitschaft, Humor zu verstehen. Andererseits kann Humor helfen, stockende Diskussionen aufzulockern.

Auch wenn die Rezeptur von Humor kostenlos ist, bleibt sie nicht wirkungslos. Und im Genesungsprozess mit entsprechender Leitlinien-Orientierung kann Humor wohldosiert ein hilfreicher Begleiter sein. Eva Ullmann, Christian Müller

Hinweise zur Anwendung

Für folgende Krankheiten wird kein Humoreinsatz empfohlen:

  • Angina Pectoris
  • Bandscheibenvorfall
  • Zwerchfellbruch
  • Glaukom
  • Nicht kontrollierter Bluthochdruck
  • Rippenbrüche
  • Harn- und Stuhlinkontinenz
  • frische OP-Nähte
  • Aneurysma

In der Humorausbildung von Medizinerinnen und Medizinern ist die individuelle Situation ihrer Patientinnen und Patienten entscheidend, um die richtige Humordosis zu applizieren. Das Verständnis der empfangenden steht über dem Humorgenuss der sendenden Person – es sei denn, erstere ist nicht anwesend. Es ist also wichtig, die individuellen und situativen Voraussetzungen im Blick zu haben. In einer Augenklinik beispielsweise bietet sich gesprochener Humor tendenziell eher an als visueller.

Periodic humour update report

1. Der Duden definiert Humor als heitere Gelassenheit

2. Wikipedia spricht von Schlagfertigkeit und Witz

3. Peter McGraw spricht bei Humor von harmlosen Verstößen

4. Paul McGhee versuchte die Reduktion von Cortisol/Adrenalin durch Lachen nachzuweisen

5. Willibald Ruch et al. konnten beweisen, dass Lachen Schmerzen reduziert

6. Barbara Wild et a.l beschäftigten sich mit Entspannung durch Humor bei Depression

7. Winfried Barthlen et al. konnten Oxytocinsteigerung durch Klinikclowns nachweisen

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