ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2020Nobelkomitee: Drei Preise für die Gesundheit

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Nobelkomitee: Drei Preise für die Gesundheit

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Die Nobelpreiswoche ist zu Ende. Trotz der Coronapandemie war sie für die Medizin und zudem für diejenigen, die sich um die Ärmsten auf der Welt kümmern, eine sehr erfolgreiche Woche. Denn es gab in diesem Jahr gleich drei Preise (Medizin-, Chemie- und der Friedensnobelpreis) für Leistungen, die eine unmittelbare und positive Wirkung auf die Gesundheit der Menschen haben.

Zunächst erhielten drei Wissenschaftler für die Entdeckung des Hepatitis-C-Virus den Medizinnobelpreis. Diese ermöglichte Blutuntersuchungen sowie neue Therapien, die Millionen von Menschenleben gerettet hätten, so das Preiskomitee. Hepatitis C ist heute durch neue Medikamente heilbar geworden (siehe DÄ 41).

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Der Chemienobelpreis ging an einen Hoffnungsträger in der Genforschung. Mit der CRISPR/Cas9-Methode, für die zwei Forscherinnen geehrt wurden, sind präzise Veränderungen auf DNA-Abschnitten möglich, um Genfehler zu reparieren (siehe Seite 1974). Sie kann so möglicherweise helfen, Krebstherapien zu entwickeln oder Erbkrankheiten zu heilen. Jetzt haben US-Forscher sogar einen Schnelltest zum Nachweis von SARS-CoV-2 entwickelt, der auf der Genschere beruht.

Die Erwartungen an einen Einsatz am Menschen sind folglich groß. Die Vielfältigkeit der Methode ist wie so oft in der Medizin auch eine ethische Gratwanderung. Denn mit der Technik ist auch eine Manipulation des menschlichen Erbguts möglich. Das ist einer der Preisträgerinnen, Emmanuelle Charpentier, durchaus bewusst. „Wir brauchen eine verstärkte Debatte und internationale Regularien zu den potenziellen Risiken von CRISPR/Cas9 als Gen-Editing-Technik“, sagte die Französin bereits 2018. Ein kontinuierliche Nutzen-Risiko-Bewertung ist daher unabdingbar – auch für eine gesellschaftliche Akzeptanz. Solch eine ethische Diskussion betrifft auch den Einsatz der Gen-Editing-Technik in der Pflanzenzucht. Dies wurde 2017 deutlich, als Wissenschaftler im Fachmagazin Science zu dem Ergebnis kamen, dass besonders in Entwicklungsländern gentechnisch verändertes Saatgut helfen könnte.

Damit wären wir beim dritten Nobelpreis. Ob mit oder ohne genverändertes Saatgut sowie Nahrungsmitteln, der Hunger auf der Welt ist ein riesiges Problem. Und für die Menschen in den Industrieländern, die jeden Tag vor übervollen Supermarktregalen stehen, auch ein vergessenes. Wer hat zum Beispiel in den Nachrichten wirklich wahrgenommen, dass schätzungsweise 85 000 Kinder unter fünf Jahren in den vergangenen drei Jahren infolge des Bürgerkriegs im Jemen verhungerten, wie die Hilfsorganisation Save the Children berichtet.

Daher ist es so wichtig, dass der Friedensnobelpreis in diesem Jahr an das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen ging. Denn die Organisation sorgt mit ihrem Engagement für die Gesundheit von mehr als 100 Millionen der Schwächsten auf der Welt. Gleichzeitig ist es eine Mahnung an die dramatischen Folgen von Krieg, Klimawandel und jetzt auch noch der Coronapandemie für den Hunger auf der Erde. Zumal, wenn dieser als Waffe in kriegerischen Auseinandersetzungen eingesetzt werde, wie das Nobelkomitee feststellte.

Einen Nobelpreis für die Voraussetzung zur Entwicklung von erfolgreichen Therapien, ein Preis für die Hoffnungen einer neuen Technik, um Krankheiten zu besiegen, und eine Ehrung als Mahnung für vergessene Krisen. Eine gute Bilanz der Nobelpreiswoche.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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