ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2020COVID-19: Beteiligung der Neuroglia könnte häufige neurologische Symptome erklären

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

COVID-19: Beteiligung der Neuroglia könnte häufige neurologische Symptome erklären

Meyer, Rüdiger

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Foto: anko/stock.adobe.com
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SARS-CoV-2 kann das Gehirn erreichen, wo es laut Obduktionsbefunden eine Immunreaktion auslöst, die möglicherweise die neurologischen Symptome erklärt, die kürzlich in einer US-Studie bei 4 von 5 Patienten gezeigt wurden.

Bei 21 von 40 verstorbenen COVID-19-Patienten (53 %) konnten Wissenschaftler des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf SARS-CoV-2 im Gehirn nachweisen – sowohl per PCR als auch mithilfe von Antikörpern. Virale Gene und Proteine fanden sich vor allem in der Medulla oblongata und in den Hirnnerven (1).

Allerdings waren die Virusmengen laut der Studie sehr gering und nicht mit der Schwere der neuropathologischen Veränderungen assoziiert. Auffällig war, dass bei allen Patienten die Astrozyten vermehrt waren. Die Forscher konnten in einer In-silico-Analyse recherchieren, dass die Oligodendrozyten, die wie die Astrozyten zur Neuroglia gehören, in größerer Menge ACE-2-Protein bilden, über das SARS-CoV-2 an den Zellen andockt. In den Nervenzellen werden auch die Proteasen TMPRSS2 und TMPRSS4 gebildet, die zum Eindringen in die Zellen benötigt werden.

Die Aktivierung von Mikroglia und eine vermehrte Infiltration durch zytotoxische T-Lymphozyten sowie eine Infiltration von meningealen zytotoxischen T-Lymphozyten deuten laut Seniorautor Prof. Dr. med. Markus Glatzel darauf hin, dass eine entzündliche Reaktion an der Entstehung der neurologischen Symptome beteiligt sein könnte.

Eine Analyse der ersten 509 Patienten, die in diesem Frühjahr an den Kliniken der Northwestern University in den USA behandelt wurden, bestätigt die häufige Beteiligung des Gehirns an COVID-19: 37,7 % der Patienten litten unter Kopfschmerzen, 31,8 % unter einer Enzephalopathie, 29,7 % unter Schwindel, 15,9 % unter Geschmacksstörungen und 11,4 % unter Geruchsstörungen (2).

Auch die Muskelschmerzen, die bei 44,8 % in den Krankenakten notiert wurden, könnten nach Einschätzung von Studienleiter Prof. Igor J. Koralnik neurologische Ursachen gehabt haben. Bei 82 % der Patienten trat im Verlauf der Erkrankung wenigstens ein neurologisches Symptom auf, bei 42 % gehörten sie sogar zu den Erstsymptomen. Die Enzephalopathie war dem Bericht zufolge die schwerste neurologische Manifestation.

Die Störungen hielten häufig über den Kranken­haus­auf­enthalt hinaus an. Insgesamt 89,3 % der Patienten mit einer Enzephalopathie konnten sich bei der Entlassung nicht um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern, verglichen mit 32,1 % der davon nicht betroffenen Patienten. Auch die Mortalität war bei den Patienten mit Enzephalopathie mit 21,7 % (vs. 3,2 %) erhöht. Rüdiger Meyer

  1. Matschke J, Lütgehetmann M, Hagel C, et al.: Neuropathology of patients with COVID-19 in Germany: a post-mortem case series. Lancet Oncology 5. Oktober 2020; doi: 10.1016/S1474-4422(20)30308-2.
  2. Liotta EM, Batra A, Clark JR: Frequent neurologic manifestations and encephalopathy-associated morbidity in Covid-19 patients. Ann Clin Transl Neurol 5. Oktober 2020; doi: 10.1002/acn3.51210.

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