ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2020Posttraumatische Belastungsstörung nach sexuellem Missbrauch: Spezifische Dialektisch Behaviorale Therapie ist effektiver als kognitive Therapie

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Posttraumatische Belastungsstörung nach sexuellem Missbrauch: Spezifische Dialektisch Behaviorale Therapie ist effektiver als kognitive Therapie

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: Microgen/stock.adobe.com
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Circa ein Drittel der Menschen, die sexuelle Gewalt in Kindheit oder Jugend erlebt haben, entwickeln im Laufe des Lebens eine schwere Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD). Die „Cognitive Processing Therapy“ (CPT), eine Form der kognitiven Therapie, ist eine etablierte Behandlungsmethode. Sie wurde allerdings in erster Linie für erwachsene Traumaüberlebende entwickelt. Die Dialektisch Behaviorale Therapie (DBT) wiederum wurde, basierend auf der Verhaltenstherapie, als störungsspezifisches Konzept zur Behandlung von chronisch suizidalen Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) entwickelt. Die DBT ist vor einigen Jahren für die Therapie bei PTSD nach sexuellem Missbrauch und mit komorbider Borderline-Störung modifiziert worden (DBT-PTSD; [1]). Bislang gibt es kaum größere, prospektive Studien zur Frage, ob die beiden Behandlungsansätze bei Patienten mit PTSD nach sexuellem Missbrauch in Kindheit oder Jugend vergleichbar effektiv sind.

Ein Studienteam dreier Hochschulambulanzen in Deutschland hat eine große, prospektiv randomisierte Untersuchung zu dieser Fragestellung durchgeführt (2). Aufgenommen wurden Frauen mit PTSD nach sexuellem Missbrauch vor dem 18. Lebensjahr. Sie mussten zusätzlich zu den DSM-5-Kriterien für eine PTSD mindestens 3 DSM-5-Kriterien für eine Borderline-Persönlichkeitsstörung erfüllen, darunter affektive Instabilität.

Eingeschlossen wurden 193 Frauen im durchschnittlichen Alter von 36,3 Jahren (18–65 Jahre). Sie wurden 1:1 randomisiert in eine Gruppe, die mit DBT-PTSD behandelt wurde, und in eine 2. Gruppe, in der die CPT angewendet wurde. Es gab bis zu 45 individuelle Sitzungen innerhalb eines Jahres und 3 zusätzliche Sitzungen in den 3 folgenden Monaten. Primärer Endpunkt war die Veränderung auf der CAPS-5 (Clinician-Administered PTSD Scale for DSM-5) von der Randomisierung bis zu Monat 15. Die CAPS-5 kann Werte von 0 bis 4 annehmen (0: keine PTSD, 4: extrem stark ausgeprägte PTSD).

Für beide Therapieformen ergaben sich signifikante Verbesserungen mit Effektgrößen prä vs. post Therapie von Δ = 1,35 für die DBT-PTSD auf der CAPS-5-Skala und von Δ = 0,98 für die CPT. Beim Vergleich war die DBT geringfügig, aber signifikant besser (Gruppendifferenz 4,82 [95-%-Konfidenzintervall] [0,67; 8,86]; p = 0,02). Weitere Vorteile der DBT-PTSD waren eine geringere Rate an Therapieabbrüchen (25,5 vs. 39 %), mehr symptomatische Remissionen (58,4 vs. 40,7 %), mehr – unter statistischen Gesichtspunkten – verlässliche Verbesserungen (74,5 vs. 55,8 %) und mehr verlässliche Gesundungen (verlässliche Verbesserung plus symptomatische Remission; 57,1 vs. 38,6 %). Eine frühe Remission erreichten allerdings mehr Patientinnen mit CPT (9,5 vs. 2 %; p = 0,03).

Fazit: „Selbst komplexe Fälle schwer traumatisierter Patientinnen können sehr erfolgreich behandelt werden und zwar umso besser, je genauer die Behandlung auf die Problematik dieser speziellen Zielgruppe zugeschnitten ist“, kommentiert Prof. Dr. Jürgen Margraf, Lehrstuhl Klinische Psychologie & Psychotherapie an der Ruhr-Universität Bochum. „Durch gezielte Strategien zur Verbesserung der Emotionsregulation wurde eine erfolgreiche Therapie noch einmal deutlich verbessert: eine gute Nachricht für Fachleute und für Betroffene, die durch die sorgfältige Methodik der Studie zusätzlich an Gewicht gewinnt. Es ist eine vorbildliche Arbeit von hoher Bedeutung für die Praxis.“

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

  1. Steil R, Dyer A, Priebe K, et al.: Dialectical behavior therapy for posttraumatic stress disorder related to childhood sexual abuse: a pilot study of an intensive residential treatment program. J Trauma Stress 2011; 24: 102–6.
  2. Bohus M, Kleindienst N, Hahn C, et al.: Dialectical behavior therapy for posttraumatic stress disorder (DBT-PTSD) compared with cognitive processing therapy (CPT) in complex presentations of PTSD in women survivors of childhood abuse. A randomized clinical trial. JAMA Psychiatry 2020. doi:10.1001/jamapsychiatry.2020.2148.

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