ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2020COVID-19 in Afrika: Afrika scheint sicherer als Europa

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COVID-19 in Afrika: Afrika scheint sicherer als Europa

Fischer-Fels, Jonathan

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Die afrikanischen Staaten kommen sehr viel besser durch die Pandemie als zu Beginn befürchtet. Trotz der vermutlich hohen Dunkelziffer an Infektionen ist die Sterblichkeit gering. Wissenschaftler suchen nach Erklärungen, die ihnen mehr über den Umgang mit Pandemien verraten könnten.

Aufklärung mit Grafitis: Kreative Bilder, wie hier in Nairobi, Kenia, erreichen viele Menschen dort, wo sie täglich unterwegs sind. Die Grafitis informieren oft zum richtigen Tragen der Maske oder zeigen den Spruch „Corona is real“. Foto: picture alliance/ASSOCIATED PRESS/Brian Inganga
Aufklärung mit Grafitis: Kreative Bilder, wie hier in Nairobi, Kenia, erreichen viele Menschen dort, wo sie täglich unterwegs sind. Die Grafitis informieren oft zum richtigen Tragen der Maske oder zeigen den Spruch „Corona is real“. Foto: picture alliance/ASSOCIATED PRESS/Brian Inganga

Unkontrollierbare Infektionsketten, Millionen Tote und ein Zusammenbruch der Gesundheitssysteme: Die anfänglichen Prognosen der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) für Afrika waren verheerend. Doch all das ist bislang nicht eingetreten. Die 55 Länder scheinen sogar besser durch die Pandemie zu kommen als viele Staaten anderer Kontinente. Pro Woche werden derzeit afrikaweit um die 60 000 Neuinfektionen gemeldet, ein Drittel weniger als auf dem europäischen Kontinent an einem einzigen Tag. Doch der Vergleich ist unsauber, denn Afrika testet deutlich weniger. Offizielle Zahlen aus 18 afrikanischen Staaten, die die Webseite OurWorldInData.org zusammenträgt, zeigen täglich zwischen 0,01 bis 0,6 Tests pro 1 000 Einwohner. In Europa schwanken die Testzahlen deutlicher: von 0,6 Tests pro 1 000 Bürger in der Ukraine bis hin zu Dänemark mit 6,6 Tests pro 1 000 Bewohner. Deutschland bewegt sich, wie viele mitteleuropäische Staaten, um die zwei Tests pro 1 000 Menschen.

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„Niemand kennt genaue Zahlen“

Mit einer hohen Dunkelziffer an Infektionen rechne in Afrika jeder, erklärt Dr. med. Yenew Kebede Tebeja, Leiter der Abteilung für Laborsysteme und -netzwerke beim afrikanischen Center for Disease Control (Afrika CDC). „Niemand kennt die genauen Zahlen“, sagte er auf einem digitalen Expertentreffen Ende September. Denn zu Beginn der Pandemie hätten nur zwei Labore auf dem ganzen Kontinent auf SARS-CoV-2 testen können. Inzwischen seien es mehr als 42 Labore und jedes afrikanische Land könne dort Abstriche analysieren lassen. Dafür erhalte Afrika viel internationale Unterstützung, auch vom Robert Koch-Institut (RKI) aus Deutschland, das PCR-Testkits bereitstelle. Tebeja rechnet mit einem weiteren Zuwachs der PCR-Kapazitäten. Oberstes Ziel bleibe es, möglichst viel zu testen, auch wenn die benötigten Reagenzien derzeit auf dem Weltmarkt sehr teuer seien und es mancherorts an qualifiziertem Laborpersonal mangele. Für die Zukunft setze das Afrika CDC daher parallel auf Antigentests und die Entwicklung neuer günstigerer Testverfahren. Doch auch dann würden laborbestätigte Infektionen „nur einen kleinen Teil aller Fälle“ abbilden können, glaubt der erfahrene Mikrobiologe aus Äthiopien.

Die Untererfassung erklärt zwar die niedrigen Neuinfektionszahlen, nicht aber die unterschiedliche Sterblichkeit der Kontinente. Denn gäbe es einen großen Anstieg an ungeklärten Todesfällen in Afrika, würde man es merken, sagen Experten der Universität Nairobi. Unter den 1,2 Milliarden Bewohnern Afrikas gab es laut Daten des Afrika CDC seit Beginn der Pandemie etwa 1,6 Millionen Infizierte und rund 38 000 Tote. Der europäische Kontinent hatte im Vergleich unter circa 600  Millionen Einwohnern bislang knapp vier Millionen Infizierte und rund 200 000 Todesfälle, so das European Center for Disease Control.

Die Kombination aus der offensichtlichen Untererfassung der Infektionen einerseits und der geringen berichteten Mortalität andererseits wirft die Frage auf, was in Afrika anders läuft (siehe auch DÄ 35–36/2020). Der bisherige Erfolg sei laut der Regionaldirektorin für Afrika bei der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO), Dr. h.c. Matshidiso Moeti, auf eine „Vielzahl von sozio-ökologischen Faktoren sowie auf frühe und starke Maßnahmen der Regierungen“ zurückzuführen. Zum einen sei Afrika ein junger Kontinent – das Durchschnittsalter liegt bei etwa 19 Jahren. Nur rund drei Prozent der Afrikaner sei älter als 65 Jahre. Neun von zehn SARS-CoV-2-Nachweise traten bei Afrikanern unter 60 Jahren auf. Das könne ein Grund für die niedrige Sterblichkeit sein, so Moeti. Die jungen Infizierten zeigten zudem in 80 Prozent keine Symptome und ließen sich daher häufig nicht testen.

Lockdown vor dem ersten Fall

Zum anderen würde das tropische Klima sowie die Bevölkerungsverteilung und eingeschränkte Mobilität in vielen ländlichen Gebieten der Ausbreitung des Virus entgegenwirken, sagt die WHO-Regionaldirektorin. Die Verbreitung von SARS-CoV-2 ist zudem in Afrika deutlich ungleichmäßiger als in Europa. Allein ein Drittel der 1,6 Millionen gemeldeten Infizierten kam aus Südafrika. Zusammen mit Marokko, Ägypten und Äthiopien stellen vier Länder mehr als zwei Drittel der Fälle. In Europa ist das Bild etwas homogener. Die vier meistbetroffenen Staaten Spanien, Frankreich, Großbritannien und Italien tragen rund die Hälfte der insgesamt vier Millionen Infizierten bei. Deutschland liegt nicht weit dahinter. Afrikanische Staaten hätten aber „Maßnahmen wie Reisebeschränkungen, Ausgangssperren und Schulschließungen im Vergleich zu anderen Kontinenten früh umgesetzt, oft bevor ein Land einen Fall entdeckt hatte“, schrieb ein
internationales Team aus Wissenschaftlern in einem Artikel in
Science (1).

Die Immunsystem-Hypothese

Wohlstandskrankheiten wie kardiovaskuläre Erkrankungen, Übergewicht und Typ-2-Diabetes wären zudem in Afrika seltener als in Europa oder Amerika, argumentieren die Forscher. Infektionserkrankungen wiederum, beispielsweise HIV, Malaria, Tuberkulose und andere respiratorische Infektionen, hätten eine höhere Prävalenz. Das adaptive, spezifische Immunsystem könne daher ebenfalls eine Rolle spielen. Bisher sei dies nur eine Hypothese. Allerdings gebe es Studien, die „deutliche Unterschiede“ in der Aktivierung sowie den Zytokin- und Gedächtnisprofilen der Immunzellen zeigten. „Nicht nur bei Afrikanern gegenüber Europäern, sondern auch bei Afrikanern mit hoher und niedriger Exposition gegenüber Mikroorganismen und Parasiten“, schrieben die Wissenschaftler. Dadurch könnte der COVID-19-assoziierte Zytokinsturm schwächer ausfallen.

Aufgrund der so ermöglichten hohen Durchseuchung junger asymptomatischer Afrikaner könne sich zwar eine Herdenimmunität eventuell schneller einstellen, vermuten die Autoren. Möglich sei aber auch, dass die Pandemie Afrika nur verzögert treffe. Daher mahnt Moeti trotz der aktuell niedrigen Zahlen zur Vorsicht: „Andere Regionen der Welt haben ähnliche Tendenzen erlebt und mussten feststellen, dass mit der Lockerung der sozialen und gesundheitspolitischen Maßnahmen die Zahl der Fälle wieder ansteigt.“ Die aktuell langsame Ausbreitung des Virus bedeute auch, „dass die Pandemie noch einige Zeit weiter schwelen und gelegentlich wieder aufflammen wird“, so Moeti.

Bei der Bekämpfung spielen in vielen Teilen Afrikas sogenannte „Community Health Worker“ (CHW) eine Schlüsselrolle. Als geschulte Vertrauenspersonen ihrer Gemeinden oder Dörfer übernehmen sie die Kontaktnachverfolgung oder beraten ihre Gemeinde zu lokal umsetzbaren Schutzkonzepten, erklärt Dr. med. Anna Kühne im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. Sie ist epidemiologische Beraterin für Ärzte ohne Grenzen und war mehrfach in Afrika im Einsatz, unter anderem zur Bekämpfung der Ebola-Epidemie. Während solcher Ausbrüche hätten die dortigen Gemeinden viele Erfahrungen gemacht, die ihnen jetzt helfen würden. Der Umgang mit Kontaktpersonen oder die Isolation von Risikogruppen seien beispielsweise bereits eingeübte Vorgehensweisen der CHWs. „Sie können aber auch Kranke identifizieren und dann zusammen mit den Gemeinden Lösungen finden, um sie medizinisch versorgen zu lassen“, sagt Kühne.

Eine medizinische Ausbildung haben die CHWs dafür nicht. Sie werden jedoch in der Regel von Gesundheitseinrichtungen geschult und auf ihre Aufgaben vorbereitet.

Allein indem sie ihre eigenen Gemeinden und Dörfer zu Gesundheitsthemen aufklären und Gerüchte oder Falschmeldungen entkräften, würden sie einen großen Beitrag zur Eindämmung des Virus leisten, meint die Epidemiologin. Darüber hinaus sorgten sie aber dafür, dass „tatsächlich an relevanten Stellen beispielsweise ausreichend Möglichkeiten für Händehygiene bestehen und es Seife und Wasser gibt“, erklärt Kühne. Theoretisch könne jedes afrikanische Land inzwischen Tests durchführen, aber die Wege für Patienten zu einer Teststation seien teils „unglaublich weit“, sagt sie. Die CHW würden daher eine entscheidende Lücke der oftmals schwachen Gesundheitssysteme schließen. Jonathan Fischer-Fels

Zum Thema COVID-19 in Afrika:
www.aerzteblatt.de/201616

1.
Yazdanbakhsh M et al.: COVID-19 in Africa: Dampening the storm? Science Aug 2020; 6504: 624–6. CrossRef MEDLINE
1.Yazdanbakhsh M et al.: COVID-19 in Africa: Dampening the storm? Science Aug 2020; 6504: 624–6. CrossRef MEDLINE

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Avatar #668468
timocracy
am Freitag, 27. November 2020, 23:42

Der grösste Leugner der Psychosomatik hält die Schillerrede 2020?

Afrika geht es also vorallem wegen der besseren Umsetzung der Massnahmen so gut? Weil sich jeder Afrikaner fünf sterile Masken am Tag und doppelt soviele PCR-Tests im Monat leisten kann? Weil man soviele Polizisten hat, die die Massnahmen so gut durchsetzen? Weil die Märkte so überschaubar sind? Weil die Rückverfolgung dort besser klappt?

Was nehmt Ihr für Drogen?

Afrika hat 120 000 000 Einwohner und bis jetzt 50 000 offizielle Corona-Tote gezählt. Das ist lediglich ein (!) Vierzigstel (!!!!!!!!!! !!!!!!!!!! !!!!!!!!!! !!!!!!!!!!) zur durchschnittlichen Sterberate in Europa. Bis die von Bill Gates prophezeihten 10 000 000 Millionen Toten erreicht wären, müssten noch gut hundert Wellen folgen. Ein derartiges Missverhältnis kann sich weder aus demografischen, meteorologischen, noch genetischen Ursachen heraus erklären. Begreifen, kann das nur derjenige, dem die tatsächliche Bedeutung der Psyche für das menschliche Immunsystem ausreichend klar ist. Bei RKI und Charité werden diese Faktoren traditionell ausgeblendet. Die Massnahmen sind allesamt nicht nur weitgehend wirkungslos bezüglich der Verbreitung, sondern erhöhen die Wahrscheinlichkeit "an diesem Virus" zu erkranken und zu sterben in drastischer Weise. Angst essen Seele auf. Die besten Masken filtern keine 10% der Aerosole, schädigen aber aufgrund der Konditionierung auf Dauerpanik massiv die Psyche, noch schlimmer sind die Isolationsmassnahmen. Bei den Masken kommt auch noch das Problem dazu, dass sie den Eigenschutz einschränken, da man eine infektiöse Nase darunter nicht erkennen kann. Alle negativen Auswirkungen der Massnahmen werden von der Politik gemeingefährlich ausgeblendet und vorsätzlich ignoriert und aggressiv vertuscht. Die einzige Rettung für Europa würde ich in einer sofortigen Beendigung ALLER Massnahmen sehen, doch die Mehrheitsverhältnisse lassen das nicht zu. Ich beabsichtige aus Europa auszuwandern, denn hier wird sich zwangsläufig eine schreckliche Diktatur von völlig durchgedrehten "Wissenschaftlern" entwickeln. Omnia pro salute imperatoris! https://afrika.info/corona/
Avatar #780807
Sigrid Hildegard
am Samstag, 17. Oktober 2020, 09:36

Afrikanische Realität

Die Covid-19-Fälle sind nicht nur wegen der geringeren Anzahl von Tests niedriger. Die afrikanische Bevölkerung ist nicht so überaltert wie die europäische. In Afrika leben viele junge Leute und Kinder, deren Immunsystem noch stark genug ist. Die Menschen, die oft auf kleinstem Raum zusammenleben, können nicht zu Hause drin bleiben, sie müssen raus, das ist auch so in Afrika. Trotzdem Corona ist dort das Leben ganz normal weitergegangen. Und trotzdem relativ wenige Fälle, eben wegen der relativ jungen Bevölkerung.
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