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ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2020Risikomanagement in der Erkältungssaison: Praxen müssen sich wappnen

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Risikomanagement in der Erkältungssaison: Praxen müssen sich wappnen

Spielberg, Petra

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Mit der beginnenden Erkältungssaison sind die Arztpraxen vor dem Hintergrund zu erwartender weiterer COVID-19-Fälle und zahlreicher Grippeinfizierter dieses Jahr besonders gefordert. Ein gutes Risikomanagement hilft, das Infektionsgeschehen zu bewältigen.

Foto: juanorihuela/iStockphoto
Foto: juanorihuela/iStockphoto

Was bislang für Arztpraxen schon eine große Herausforderung war, nämlich ein gutes Risikomanagement, um sowohl COVID-19-Infizierten als auch allen übrigen Patientinnen und Patienten gerecht werden zu können, kann sich alsbald potenzieren, wenn Erkältungen, Bronchitis und die Grippe Hochkonjunktur haben.

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„Wenn es halbwegs so weitergeht wie bisher, werden es die hessischen Praxen gut hinkriegen“, gibt sich Christian Sommerbrodt, Bezirksvorsitzender Wiesbaden im Hausärzteverband Hessen, zuversichtlich. Dennoch feilt der Allgemeinarzt zusammen mit weiteren hausärztlichen Kolleginnen und Kollegen, unterstützt von der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH), an einem konkreten Konzept, das den niedergelassenen Ärzten helfen soll, das zu erwartende Infektionsgeschehen zu bewältigen.

So reicht es bei Clustern von bis zu 19 Infizierten pro 100 000 Einwohnern nach Meinung von Sommerbrodt aus, wenn sich die Praxen an die empfohlenen Abstands- und Hygieneregeln halten und Schutzzonen für Risikopatienten, wie Alte und chronisch Kranke, einrichten, je nach den individuellen räumlichen Möglichkeiten einer Praxis.

Zeitlich getrennte Versorgung

Sofern eine räumliche Trennung nicht möglich sei, empfehle sich eine zeitlich getrennte Versorgung von Patienten mit Erkältungssymptomen und den übrigen Erkrankten. Dies gelte erst recht bei steigenden Infektionszahlen und erhöhtem Patientenaufkommen. „Vor allem ein verstärktes Angebot von Telefon- und Videosprechstunden sowie eine möglichst kurze Verweildauer der Patienten von maximal fünfzehn Minuten helfen, Querinfektionen zu vermeiden“, sagt Sommerbrodt. Ganz wichtig sei zudem, dass alle Patienten in den Praxisräumen konsequent einen Mund-Nasenschutz tragen.

Videosprechstunden sind auch für den Kemptener Allgemeinarzt und gesundheits- und pflegepolitischen Sprecher der FDP-Fraktion im Bayerischen Landtag, Dr. med. Dominik Spitzer, ein wichtiges Instrument zur Ersteinschätzung und Betreuung von Infizierten, das sich die Hausarztpraxen nicht von kommerziellen Telemedizinanbietern aus der Hand nehmen lassen sollten, da sie ihre Patienten mit ihren individuellen Bedürfnissen am besten kennen würden.

Auch Spitzer ist davon überzeugt, dass die Vertragsärzte gut gewappnet sind. „Wir haben in den vergangenen Monaten sehr schnell dazugelernt“, so der Allgemeinarzt. Und obwohl derzeit niemand vorhersagen könne, wie groß der Ansturm von hustenden, niesenden und schnupfenden Patienten in den kommenden Wochen und Monaten werde, rät er dazu, schon jetzt Vorsorge zu treffen und Schutzausrüstungen, Desinfektionsmaterial und Tests für Abstriche in ausreichenden Mengen zu bestellen, auch um zu verhindern, mit etwaigen Preissteigerungen konfrontiert zu werden. Wünschenswert wäre hier aus seiner Sicht eine zentrale Beschaffung durch die KVen.

Um die Praxisorganisation an ein dynamisches Infektionsgeschehen anzupassen, rät die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) wiederum dazu, regelmäßige Teamsitzungen zur Fortbildung und zum Informationsaustausch sowie zur weiteren zeitlichen, strukturellen und personellen Planung abzuhalten und zum Beispiel Vertreter bei Abwesenheit zu bestimmen oder Infektteams zu bilden. Auch schlägt sie vor, die Verteilung der Zuständigkeiten und die Definition der „neuen“ Aufgabenfelder in einem Organigramm zu dokumentieren, wie es viele Praxen im Rahmen des Qualitätsmanagements bereits tun.

Mit separaten Infektionssprechstunden in dafür räumlich und personell geeigneten Praxen, vor allem der Fachgebiete Allgemeine und Innere Medizin, HNO- sowie Augen- und Kinderheilkunde, ließen sich nach Meinung der KVWL ferner Ressourcen und Kompetenzen im ambulanten Sektor bündeln und andere Praxen sowie stationäre Einrichtungen entlasten. Grundsätzlich empfehlenswert sei zudem die Einführung von speziellen Terminsprechstunden, da durch den telefonischen Erstkontakt bereits eine Triage durch eine Medizinische Fachangestellte erfolgen könne. Dienlich zur Lenkung der Patientenströme seien außerdem an prominenter Stelle platzierte Informationsmaterialen, Hinweisschilder in oder an der Praxis sowie eine Aktualisierung der Internetseiten beziehungsweise Informationen in den lokalen Medien.

Auch die KVH setzt auf eine verzahnte Versorgung, um die Belastungen für Vertragsärzte und Krankenhäuser in der anstehenden Erkältungssaison so gering wie möglich zu halten. Hierbei solle das ambulante Management von COVID-19-Infizierten oder Verdachtsfällen mit milder Symptomatik weiterhin in den Vertragsarztpraxen erfolgen, wobei die Patienten nach Abschluss der Routinediagnostik bis zur vollständigen Genesung im häuslichen Umfeld verbleiben könnten.

Schwerpunktpraxen

Stabile Patienten mit moderater Symptomatik, wie Fieber oder dem Verdacht auf eine Pneumonie, sollten dagegen an eine der derzeit rund 70 Corona-Schwerpunktpraxen in Hessen überwiesen werden. Voraussetzung ist, dass die ambulante Versorgung medizinisch vertretbar sei und sowohl Diagnostik als auch Behandlung sichergestellt werden könnten. Die Schwerpunktpraxen sollten über ein 12-Kanal-EKG, ein Sonografiegerät sowie Messgeräte zur Überprüfung von Lungenfunktion und O2-Sättigung verfügen und eine Notfallausrüstung inklusive Defibrillator, Sauerstoff und Ambubeutel vorhalten. Der normale Praxisbetrieb könne fortgeführt werden, sofern ein Kontakt zwischen den Patientengruppen vermieden werden kann, so die KVH.

Die Einrichtung von COVID- Schwerpunktpraxen beziehungsweise die Zertifizierung einzelner Praxen als „infektiologische“ Zentren sowie die Etablierung von COVID- Testzentren hat sich auch nach Meinung der Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz der Länder (GMK) bewährt.

Für wichtig hält Sommerbrodt ferner eine Vernetzung sowie eine regelmäßige Kommunikation der niedergelassenen Ärzte untereinander und mit den zuständigen Behörden. In Wiesbaden beispielsweise haben sich rund 60 Ärzte in einem Chat organisiert, um sich kontinuierlich auszutauschen und gegenseitig mit Rat und Tat zu helfen. Die Praxen halten darüber hinaus alle 14 Tage eine Telefonkonferenz mit dem Gesundheitsamt ab, um sich über das aktuelle Ausbruchsgeschehen zu informieren. Petra Spielberg

Organisatorische Tipps

  • Wo räumlich möglich, Patientenmanagement im Eingangs- beziehungsweise Wartebereich, um Infektionsrisiken zu minimieren
  • Ausweitung von Telefon- und Videosprechstunden
  • Postzustellung von Rezepten und Überweisungen oder Abholung nach terminlicher Vereinbarung
  • Praxen in Mehrfamilienhäusern sollten die regelmäßige Desinfektion aller Handkontaktflächen sicherstellen und die übrigen Mietparteien über Hygienemaßnahmen informieren

Abrechnungshinweise

Alle ärztlichen Leistungen, die aufgrund des klinischen Verdachts auf eine Infektion oder einer nachgewiesenen Infektion mit dem Coronavirus erforderlich sind, werden seit dem 1. Februar in voller Höhe extrabudgetär bezahlt. Wichtig ist, dass Ärztinnen und Ärzte dazu die Ziffer 88240 an allen Tagen dokumentieren, an denen sie Patientinnen und Patienten wegen des klinischen Verdachts auf eine Infektion oder wegen einer nachgewiesenen Infektion mit dem Coronavirus behandeln. Extrabudgetär vergütet werden alle Leistungen, die sie an diesen Tagen für die Patienten durchführen sowie die in diesem Quartal abgerechnete Versicherten-, Grund- oder Konsiliarpauschale, die Zusatzpauschale für Pneumologie (GOP 04530 und 13650) und die Zusatzpauschale fachinternistische Behandlung (GOP 13250).

Nützliche Links

  • Sonderregelungen für Praxen:

http://daebl.de/PU67

  • Befristete Sonderregelungen der Richtlinienbestimmungen:

http://daebl.de/FE63

  • Broschüre „Pandemieplanung in der Arztpraxis“:

http://daebl.de/AR16

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