szmtag Interview mit Prof. Dr. med. Andreas Stang, MPH, Direktor des Instituts für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie am...
ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2020Interview mit Prof. Dr. med. Andreas Stang, MPH, Direktor des Instituts für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie am Universitätsklinikum Essen: Sinnvoll ist das Reiseverbot nicht

SCHWERPUNKT COVID-19

Interview mit Prof. Dr. med. Andreas Stang, MPH, Direktor des Instituts für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie am Universitätsklinikum Essen: Sinnvoll ist das Reiseverbot nicht

Beerheide, Rebecca; Eckert, Nadine; Schmedt, Michael

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Während Deutschland über Reisebeschränkungen diskutiert, untersuchen Epidemiologen die Effekte, die sich aus solchen Reisen ergeben. Prof. Dr. med. Andreas Stang erläutert, warum die Datenlage für solche Analysen verbessert werden muss und warum innerdeutsche Reiseverbote nicht sinnvoll sind.

Welche Zahlen sind für Sie zur Beurteilung der Pandemie – und damit sinnvoller Bekämpfungsmaßnahmen – wichtig?

Stang: Ich schaue auf die Intensivbettenbelegung und die Verstorbenen mit oder an COVID-19, bei aller Schwierigkeit dieser Datenkörper. Und ich versuche diese Daten immer gemeinschaftlich und zeitgleich zu betrachten. Ich schaue auch die Infektionszahlen an, obwohl diese die größte Schwierigkeit in der Interpretation haben. Die Intensivbettenbelegung liefert für mich die klarste Auskunft darüber, wie problematisch der Verlauf der Pandemie aktuell ist.

Anzeige

Ist die Datenlage ausreichend?

Stang: Die Pandemie hat einen neuen, großen Druck mit sich gebracht, tagesaktuelle Daten zu produzieren. Vom Robert Koch-Institut bekommen wir jetzt tagesaktuelle Informationen, auch das Statistische Bundesamt hat erstmals in der Mitte eines Jahres Daten zur Sterblichkeit veröffentlicht. Für uns als forschende Epidemiologen hat diese Pandemie beim Thema Daten einiges vorangetrieben, was vorher nicht denkbar oder möglich war. Ich wundere mich aber, wie unklar viele Fragen zur Pandemie noch sind, wie viele Widersprüchlichkeiten in den Studien zu finden sind, obwohl weltweit zu Corona geforscht wird. Wenn ich mich tagesaktuell belesen wollen würde, müsste ich täglich Hunderte von Arbeiten anschauen. Ein eigenes Bild über die Evidenzlage kann man sich kaum noch machen, die Menge ist nicht mehr bewältigbar.

Muss die Politik datengetriebene Analysen besser unterstützen?

Stang: Wir müssen in Zukunft schauen, wie man die Datenströme besser lenkt. Einige Daten kommen aus 16 Bundesländern und müssen zusammengefasst werden, und das zeitnah und in hoher Qualität. Die Gesundheitsämter waren dafür nicht gut ausgestattet, bekommen erst jetzt Unterstützung. Die Datenbasis muss größer werden, da wir sonst keine Grundlage für evidenzbasierte Entscheidungen haben.

Andreas Stang ist klinischer Epidemiologe und verfügt über einen Master of Public Health der Boston University. Foto: UK Essen
Andreas Stang ist klinischer Epidemiologe und verfügt über einen Master of Public Health der Boston University. Foto: UK Essen

Die Belegung der Intensivbetten ist noch zu bewältigen. Wird das so bleiben?

Stang: Aktuell ist ein deutlicher Anstieg der Intensivbettenbelegung zu beobachten. Nach Berechnungen aus der ersten Welle können wir inzwischen erkennen, wie lange die Infektionszahlen steigen müssen, damit korrespondierend auch die Todesfälle nach oben gehen. In der ersten Welle waren das exakt 18 Tage. Laut einer Analyse, an der wir gerade arbeiten, stieg die Zahl der Infektionen am 30. September wieder deutlich. Ab dem 18. Oktober müsste es einen Anstieg an Todesfällen geben, wenn es sich so verhält wie im Frühjahr. Bisher sehen wir aber nur minimale Anstiege. Meine vorsichtige Prognose: Es wird milder ausfallen. Wir werden nicht so einen massiven Anstieg wie bei der ersten Welle sehen.

Wie sinnvoll sind basierend auf den vorliegenden Daten Reise- oder Beherbergungsverbote?

Stang: Sinnvoll ist ein Reiseverbot in Deutschland nicht. Wir haben keine Signale aus den Daten im Sommer, dass es durch inländische Reiseaktivität zur Verbreitung kam. Wir müssen darauf pochen, dass wir die AHA-Regeln weiter einhalten. Diese drei Maßnahmen werden die Pandemie wesentlich steuern.

Reagieren Politik und Gesellschaft womöglich an den falschen Stellen streng?

Stang: Mich hat tatsächlich überrascht, wie die Gesellschaft auf SARS-CoV-2 reagiert hat. Denn die vielen Todesfälle und die Übersterblichkeit einer saisonalen Grippe nehmen wir tiefenentspannt in Kauf. Wir sind Impfmuffel, obwohl es Impfungen gibt. Im Vergleich zur Influenza ist es an einigen Stellen schon unverhältnismäßig, welche Maßnahmen getroffen wurden.

Das Interview führten Rebecca Beerheide, Nadine Eckert und Michael Schmedt

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Themen:

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote