ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2020Coronastrategie: Fachlicher Diskurs, klarer Kurs

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Coronastrategie: Fachlicher Diskurs, klarer Kurs

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Wer sich von den politischen Entscheidern einen klaren Pandemiefahrplan durch das Winterhalbjahr 2020/21 erhofft, wurde in den zurückliegenden Tagen enttäuscht. Das Länderspitzentreffen bei der Bundeskanzlerin brachte keine nationale Einigkeit. Bei Beherbergungsverboten oder Sperrstunden haben Gerichte begradigt, was schon unter Landesoberhäuptern umstritten war. Letztlich haben private Kläger die Entscheidungen vom Tisch gewischt, die auch seitens der Ärzteschaft als überzogen und damit schädlich kritisiert wurden. Wieder einmal hat sich gezeigt: Ein pragmatischer bundesweiter Rahmen für ein gezieltes Agieren gegen das Virus bleibt wohl Wunsch statt Wirklichkeit.

Kein Beinbruch? Doch, denn das föderale Gerangel wirkt demotivierend auf das Verhalten der Bevölkerung. Dabei wurde inzwischen vieles erreicht: Im Umgang mit COVID-19 stehen wir heute weit besser da als zu Beginn der Pandemie. Was aktueller Stand des Wissens ist, was in den kommenden Monaten von Ärztinnen und Ärzten, von Wissenschaft und Forschung, was aus diesem Gesundheitssystem zu erwarten ist, beleuchtet unser COVID-19-Schwerpunkt in dieser Ausgabe des Deutschen Ärzteblattes.

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Letztlich bestimmen erste Erfahrungen, noch keine Weisheiten das aktuelle Geschehen. Das Verhalten des Virus ist nicht hinreichend ausgelotet. Genügend Mittel zur Gegenwehr wie effektive Medikamente (wie das – inzwischen wieder hinterfragte – Remdesivir, Dexamethason oder Heparine) oder gar Impfstoffe zur Abwehr gibt es bisher nicht. Vernünftige und auch nachvollziehbare Teststrategien müssen noch entwickelt werden.

Trotzdem bleibt die Aussicht auf Änderung, vereint mit einem wachsenden Maß an Expertise und Erfahrung. Teil des Erfolges ist der ständige Diskurs unter Wissenschaftlern. Durch Falsifizieren oder Modifizieren schafft er Handlungsflexibilität. Diskurs ist aber Expertenangelegenheit. Laiendiskussionen sind etwas anderes: Sie gehören definitiv nicht auf dieses Terrain.

Unbestrittener Teil des bisherigen Erfolgsrezeptes ist, dass „ambulant“ ein funktionierender Schutzwall für „stationär“ ist. Kapiert wurde, dass der Öffentliche Gesundheitsdienst gezielt vor Ort gegen Ansteckungsherde vorgehen, dafür aber personell aufgestockt und technisch besser ausgerüstet werden muss.

Medizinisches Lernergebnis ist auch, ab wann beatmet wird, dass das Virus multipel Organe angreift, der Krankheitsverlauf komplex ist, die Rehabilitation zum Teil langwierig. Erkenntnis ist, wie die Letalität im Zuge von COVID-19 durch gute Behandlung verringert werden kann. Akzeptanz findet, dass wir für längere Zeit mit dieser Krankheit umgehen werden – auch dann, wenn es Impfstoffe geben sollte.

Erkannt wird zunehmend, was für einen Drahtseilakt COVID-19 zwischen epidemischem Handeln und ökonomischen Folgen, zwischen menschlicher Würde, gesellschaftlichem Zusammenhalt und medizinischer Notwendigkeit abfordert. Überzeugung und gemeinsame Disziplin sind dabei ganz sicher die wichtigsten Erfolgsparameter. Um gut durch das Winterhalbjahr zu kommen, bleibt gesellschaftliche Arbeitsteilung wichtig: Medizin und Wissenschaft beraten und handeln, Politik entscheidet. Fachlicher Diskurs und klarer Kurs sind Mittel der Wahl. Schädlich sind Ignoranz, persönliche Profilierung, Panik – und Verschwörungstheorien.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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