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ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2020Pandemiekonzepte: Differenzierte Ansätze

SCHWERPUNKT COVID-19

Pandemiekonzepte: Differenzierte Ansätze

Beerheide, Rebecca; Maibach-Nagel, Egbert

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Im Umgang mit SARS-CoV-2 wurde bisher aus ärztlicher Sicht „vieles richtig gemacht“, immer wieder erscheinen die politischen Vorgaben aber auch „mehr als fragwürdig“. Was Experten aus Ärzte- und Wissenschaft für die nächste Zukunft vorschlagen, weisen mehrere dezidierte Konzepte aus.

Weitgehend Konsens: Die AHA+L-Regeln für Abstand, Hygiene, Atemschutz und Lüften. Foto: Stefanie/stock.adobe.com
Weitgehend Konsens: Die AHA+L-Regeln für Abstand, Hygiene, Atemschutz und Lüften. Foto: Stefanie/stock.adobe.com

Fast alle Vorschläge zum Umgang mit der Pandemie haben eins gemeinsam: Abstand, Hygiene und Alltagsmaske, erweitert um Nutzung der Corona-Warn-App und Lüften (AHA+AL-Regel) bleiben für den Alltagsumgang mit SARS-CoV-2 unbestrittener Konsens. Darüber hinaus sind die Perspektiven auf das Pandemie-Geschehen durchaus differenziert.

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Die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) hat ihre Vorschläge in einem „Zehn-Punkte-Papier für ein effektives Krisenmanagement für den Umgang mit der Corona-Pandemie“ dargestellt. Sie will Schwachstellen in der Organisation (Ausstattung von Gesundheitsämtern, Meldestrukturen, Finanzierung von Kliniken und Praxen) beseitigen. Bisher habe die Ärzteschaft gemeinsam mit anderen Gesundheitsfachberufen „durch beispiellose Einsatzbereitschaft“ einen Kollaps des Gesundheitswesens verhindert. Um Fehler aus der Frühphase abzustellen, fordert die BÄK Reservevorhaltung, aber auch mehr innereuropäische Produktion für Schutzausrüstung, Masken und relevante Medizinprodukte. Geboten sei die zentrale Koordination für eine schnelle Auftragsvergabe und Verteilungen, aber auch europaweit vernetzte Meldestrukturen.

Bund und Länder sollten ihr Management durch feste Krisenstäbe unter Einbindung ärztlicher Kammern optimieren. Klare Aufgaben und Handlungsoptionen sowie praktisch umsetzbare und ausreichend finanzierte Personalressourcen und Reservekapazitäten seien ebenso notwendig wie die zusätzliche Nutzung digitaler Mittel, beispielsweise durch Fernbehandlung oder den offenen Zugang zu Datenbankenwissen.

Mehr materielle und personelle Ressourcen sowie tariflich gesicherte arztspezifische Vergütungen für Amtsärzte fordert die BÄK für den öffentlichen Gesundheitsdienst. Die Kammern wollen eine einheitliche, verbindliche Teststrategie mit indizierten Testungen für Patienten und Gesundheitsfachberufe. Dringlich sei ein Ausbau bereits vorhandener Produktionsstandorte für Impfstoffe sowie Abkommen über gemeinsame internationale Forschung sowie Herstellung und Verteilung von Medikamenten und Impfstoffen.

Erfahrung praktisch nutzen

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) rät, das „Management des Pandemiegeschehens“ zu optimieren, dabei saisonale Erkältungskrankheiten, grippale Infekte und Influenza zu berücksichtigen. Regionale Clusterausbrüche, aber auch flächendeckende Infektionsanstiege erforderten spezifische Handlungsnotwendigkeiten. Bisher habe die niedergelassene Ärzteschaft „einen Schutzwall für die stationäre Behandlung“ geboten, sechs von sieben Coronapatienten wurden ambulant behandelt. Jetzt seien regional angepasste Strategien sinnvoll, die sich bei der Testung vorrangig an symptomatischen oder besonders gefährdeten Patienten ausrichten. Ziel sei, neben der Versorgung der COVID-19-Patienten auch die Regelversorgung zu sichern. Regionale Maßnahmen werden konkret auf Handlungsoptionen heruntergebrochen (Festlegung regionaler Entscheidungsträger, Vorhaltung, Verteilung und Finanzierung von Materialien, Planung und Steuerung von Laborkapazitäten). Auf Bundesebene bietet die KBV Unterstützung, weist auf nötige Anpassungen rechtlicher Strukturen hin und bietet Kennzahlen zur Steuerung des Pandemieverlaufs. Viele zeitlich begrenzt geschaffene Möglichkeiten wie AU-Bescheinigungen per Telefon, aber auch entsprechend zu honorierende fernmündliche Konsultationen oder die Videosprechstunden sollen fortgesetzt werden. Teil der Prävention ist indikations- und zeitgerechtes Impfen gegen Grippe. Wichtig sei eine klare Gestaltung aller Regelungen, möglichst mit Abbau bürokratischer Hürden.

Humanität und Würde tolerieren

„Vorbildliche, wirksame und einheitliche und konsequent umzusetzende Regeln“ fordert auch die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina. In ihrer Stellungnahme „Coronavirus-Pandemie: Wirksame Regeln für Herbst und Winter aufstellen“ empfiehlt sie Vorsorge mit dem Ziel, das öffentliche und wirtschaftliche Leben „so weit wie möglich“ aufrechtzuerhalten. Alle politischen Entscheidungen sollten deren ökonomische, soziale, psychische und gesundheitssystemische Folgen berücksichtigen. Die Leopoldina empfiehlt, Schutzmaßnahmen konsequent einzuhalten, aber auch, diese ständig zu überprüfen und anzupassen. Quarantäne- und Isolationszeiten könnten auf etwa eine Woche, bei Personen mit hohem Infektionsrisiko auf zehn Tage verkürzt werden. Um Motivation und verantwortungsvolles Verhalten zu erleichtern, sei adressatenspezifisch aufbereitetes, barrierefrei zugängliches Wissen notwendig.

Für rationalen Diskurs und Entscheidungsfindung plädieren die Autoren um Prof. Dr. med. Matthias Schrappe (Uni Köln), Franz Knieps, Prof Dr. med. Klaus Püschel (Hamburg) sowie Prof. Dr. rer. nat. Gerd Glaeske (Uni Bremen) und weitere in einem in der vierten Version vorliegenden Strategiepapier (Stand 30. August): „Auch die Pandemie rechtfertigt nicht, von der Grundnorm einer begründet abwägenden Entscheidungsfindung abzugehen und die Erfordernisse eines transparenten, fairen und faktenbegründeten Diskurses zwischen Politik, Wissenschaft und Medien zu relativieren.“

Die Autoren fordern bessere Daten: „Wir brauchen in Deutschland repräsentative (nicht anlassbezogene) Kohortenuntersuchungen mit zufallsgenerierten Stichproben.“ Bei einem Anstieg der Neuinfektionen bleibe die Lage bewältigbar, wenn spezifische Präventionsprogramme für verletzliche Gruppen entwickelt und die Ressourcen des Gesundheitssystems aufrechterhalten werden: „Diese Schutzkonzepte müssen die Ziele der Infektionskontrolle genauso berücksichtigen wie Humanität und Würde der einzelnen Person.“ Zielgruppenorientierte Prävention müsse gerade in Pflegeheimen die soziale Teilhabe, die Bedürfnisse der Bewohner sowie die Sicherung der Lebensqualität gleichrangig garantieren. Notwendig sei eine „stabile Kontrolle“ der Epidemie: „Eine Eradikation scheidet ebenso aus wie die Strategie einer Herdenimmunität.“ In einem zusätzlichen Ad-hoc-Papier vom 18. Oktober fordern die Autoren eine bessere Interpretation von Daten: „Ein erfolgreiches Krisenmanagement bedarf verständlicher und transparenter Zahlen.“ Vor allem die Validität von Grenzwerten für weitere Einschränkungen des öffentlichen Lebens wird kritisiert. Die Autorengruppe setzt auf Kommunikation und „die Trennung von Fakten und Meinungen, die Transparenz bei Entscheidungen unter Unsicherheit und das Vertrauen in die nicht angst-, sondern begründungs- und überzeugungsvermittelte demokratische Entscheidungsfähigkeit der Bürger“ berücksichtigt. Im November soll eine aktualisierte Version der Strategie erscheinen.

Für eine gute Kommunikationsstrategie plädieren auch die Autoren des Public-Health-Netzwerkes Covid-19. Die Durchsetzung restriktiver Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie wie auch deren schrittweise Lockerung beziehungsweise Anpassung bedürfe „einer klaren Kommunikationsstrategie in Politik und Medien“, die politische Entscheidungen „gleichermaßen transparent wie nachvollziehbar macht“, heißt es. Erforderlich sei eine „Dachkampagne“ unter Leitung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA), die zielgruppenspezifische klare Botschaften entwickelt.

Mediale wie ärztliche Kritik löste ein Strategiepapier des Deutschen Netzwerks Evidenz-basierte Medizin (EbM-Netzwerk) aus. Es konstatierte eine „sehr wenig belastbare Evidenz“ und Effektivität der von der Politik ergriffenen Maßnahmen: Nicht auszuschließen sei, dass „die Maßnahmen inzwischen größeren Schaden anrichten könnten als das Virus selbst“. Nötig sei mehr wissenschaftliche Begleitung, um „das Verhältnis von Nutzen und Schaden zu dokumentieren.“ Nach Veröffentlichung entstand eine kontroverse Diskussion, sodass das Netzwerk am 14. Oktober in einer Erklärung klarstellte: „Unsere Absicht war keine Polarisierung der Debatte und keine pauschale Ablehnung von Pandemiemaßnahmen, sondern eine Einladung zur kritischen Reflexion und konstruktiven Zusammenarbeit zur Bewältigung der Krise.“

Rebecca Beerheide, Egbert Maibach-Nagel

Strategiepapiere

Bundes­ärzte­kammer:
„Zehn Punkte für ein effektives Krisenmanagement“

http://daebl.de/KD25

Kassenärztliche Bundesvereinigung
„White Paper – Management des Pandemiegeschehens“

http://daebl.de/NL17

Leopoldina Nationale Akademie der Wissenschaften: „Coronavirus-Pandemie: Wirksame Regeln für Herbst und Winter aufstellen“

http://daebl.de/KP61

Kompetenznetz Public Health COVID-19: „Kontext- und adressat*innenorientierte Risikokommunikation bei COVID-19; Ein Beitrag zur wirksamen Verhaltensprävention“

http://daebl.de/AA85

Netzwerk evidenzbasierte Medizin
„COVID-19: Wo ist die Evidenz“ und Reaktion auf Kritik

http://daebl.de/ZW28

Schrappe et al.-Autorengruppe
„Thesenpapier 4.0 – Die Pandemie durch SARS-CoV-2/ Covid-19 – der Übergang zur chronischen Phase“

http://daebl.de/WA67

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