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ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2020Interview mit Prof. Dr. med. Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt am Main: Antigentests sind Fremdschutz

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Interview mit Prof. Dr. med. Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt am Main: Antigentests sind Fremdschutz

Beerheide, Rebecca; Eckert, Nadine; Schmedt, Michael

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Deutschland diskutiert über Zahlen, die die epidemische Lage abbilden sollen, die Politik hofft auf Antigentests, die bei der Eindämmung unterstützen sollen. Die Virologin Prof. Dr. med. Sandra Ciesek im Interview mit dem Deutschen Ärzteblatt.

Wann war Ihnen bewusst, dass SARS-CoV- 2 eine Pandemie auslösen kann?

Ciesek: Wir hatten erstmals Kontakt bei dem Evakuierungsflug aus Wuhan, den wir begleitet haben. Dort waren zwei symptomlose Infizierte an Bord. An dem Tag, dem 1. Februar, ist mir klar geworden, wenn vermehrungsfähige Viren im oberen Respirationstrakt sind und zugleich keine Symptomatik vorliegt, dann wird sich das Virus sehr schwer eindämmen lassen. Es kann sich so unbemerkt übertragen, bevor Patienten Symptome zeigen, manche entwickeln auch gar keine. Bei SARS-CoV-1 dagegen waren die Patienten gut zu erkennen, man konnte sie isolieren und so die Ausbreitung viel besser eindämmen. Womit ich nicht gerechnet hätte, ist die politische Entwicklung mit einem Lockdown, dass die Schulen geschlossen werden und wir alle Masken tragen.

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An welchen Zahlen lässt sich das Fortschreiten der Pandemie gut einschätzen?

Ciesek: An einer Kombination der Zahlen. Ich schaue mir die Neuinfektionen an, die Inzidenzen pro 100 000 Einwohnern und zudem sehr kritisch die Altersverteilung der Fälle. Denn die Frage ist, wann es zu einem Shift in die ältere Bevölkerung kommt. Ob die Grenze von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohnern sinnvoll ist, ist schwierig zu sagen. Man sieht aber gut, dass die Landkreise und Städte, die an diese Grenze kommen, große Probleme mit der Nachverfolgung haben. Deshalb ist die Grenze gar nicht so schlecht, um die Containmentstrategie weiterzuverfolgen. Bei Zahlen deutlich über 50 schafft das Gesundheitsamt die Nachverfolgung einfach nicht mehr.

Sandra Ciesek ist Fachärztin für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie und Fachärztin für Innere Medizin und Gastroenterologie. Foto: Uniklinikum Frankfurt
Sandra Ciesek ist Fachärztin für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie und Fachärztin für Innere Medizin und Gastroenterologie. Foto: Uniklinikum Frankfurt

Es ist also mehr eine organisationspolitische Zahl?

Ciesek: Genau, bei uns in Frankfurt sind wir jetzt über 70. Die Nachverfolgung kann nicht mehr zeitnah erfolgen und die Labore gelangen an ihre Kapazitätsgrenzen. Rein virologisch-medizinisch betrachtet hat diese Zahl eine andere Dimension, je nachdem ob 20-Jährige oder 80-Jährige mit dem Virus infiziert sind. Vor allem auf die Zahl der Intensivpatienten zu schauen – wie viele es sagen – halte ich übrigens für falsch. Denn dann rennt man dem Geschehen nur hinterher. Man hat einen Versatz von zwei bis vier Wochen und kann gar nicht mehr vorausschauend planen.

Wie schätzen Sie die Verlässlichkeit von Antigentests ein?

Ciesek: Die neuen Antigentests der zweiten Generation sind deutlich besser als noch im Frühjahr. Dennoch muss man klar sagen, dass diese nur für bestimmte Indikationen eingesetzt werden sollten: zum Beispiel bei einer PCR-Test-Knappheit oder für ein Screening von Besuchern in Altenheimen. Sie sind aber immer eher ein Fremdschutz. Sie können zum Beispiel den Besuch bei Ihrer Großmutter mit dem Test etwas sicherer machen. Nicht geeignet ist er im Krankenhaus, etwa zur Abklärung einer Pneumonie, dafür ist er zu ungenau.

Verändert ein Blick durch die internistische Brille ihre Sicht auf die Pandemie?

Ciesek: Ich habe vor acht Jahren nach dem Ausbruch der Schweinegrippe auf einer Intensivstation gearbeitet. Das war eine sehr lehrreiche Zeit. Es kamen sehr viele junge Patienten, die durch diese Influenzainfektion schwerst krank waren, einige verstarben sogar daran. Das hat mir gezeigt, was es bedeutet, wenn ein Patient beatmet wird, über Wochen intensivpflichtig ist und wie sehr dies den Patienten, die Familie, aber auch das Krankenhauspersonal belastet. Deshalb sehe ich das wohl anders als mancher Virologe, der diese Erfahrung nie gemacht hat. Es ist daher absolut zu vermeiden, dass es zu solchen Fällen kommt. Zudem sind diese Patienten – auch wenn sie überleben – oft für ihr Leben gezeichnet oder haben noch viele Monate gesundheitliche Probleme.

Das Interview führten Rebecca Beerheide, Nadine Eckert und Michael Schmedt

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Avatar #107472
HFBA
am Dienstag, 27. Oktober 2020, 10:32

Glückwunsch

Alles Wichtige auf den Punkt gebracht !

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