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Teststrategie: Erst schnell, dann sicher

Fischer-Fels, Jonathan

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Im Winter dürfte es schwierig werden, alle Menschen mit Erkältungssymptomen per PCR auf SARS-CoV-2 zu testen. Doch Risikogruppen und Gesundheitsberufe müssen geschützt werden. Antigentests sollen daher helfen, schneller und häufiger zu testen. Ob die Strategie aufgeht, wird sich zeigen.

Probengewinnung: Wie für PCR-Untersuchungen sollen auch die Proben für die neuen Antigentests aus dem Nasen-Rachen-Raum entnommen werden. Foto: rclassenlayouts/ iStock
Probengewinnung: Wie für PCR-Untersuchungen sollen auch die Proben für die neuen Antigentests aus dem Nasen-Rachen-Raum entnommen werden. Foto: rclassenlayouts/ iStock

Wer, wie und wo im Winter auf das SARS-CoV-2-Virus getestet werden soll – diese zentralen Regelungen wurden in der neuesten Teststrategie des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) aktualisiert und erweitert. Sie ist Teil des sich stetig weiterentwickelnden Gesamtkonzepts, das auch die präventiven Verhaltensregeln, Veranstaltungs- und Gewerbeeinschränkungen sowie die Kontaktnachverfolgung durch die Öffentlichen Gesundheitsdienste (ÖGD) einschließt. Die Tests können dabei nur zeigen, wie erfolgreich diese Maßnahmen gewesen seien, erklärte der Vorstandsvorsitzende der akkreditierten medizinischen Labore in Deutschland (ALM), Dr. med. Michael Müller, bei einem Expertenforum. Darüber hinaus seien die PCR-Kapazitäten, aufgrund der weltweit hohen Nachfrage nach Verbrauchsmaterialien, auch in Deutschland nicht unbegrenzt, mahnte der Labormediziner. In den kommenden kalten Herbst- und Wintermonaten werde es „wahrscheinlich unmöglich“, alle Menschen, die respiratorische Symptome zeigen, auf SARS-CoV-2 zu testen, fügte der Hygiene- und Umweltmediziner Dr. med. Tim Eckmanns, Fachbereichsleiter für nosokomiale Infektionen beim Robert Koch-Institut (RKI), hinzu. Es müsse daher priorisiert werden, wer einen Test bekomme.

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Neue bundesweite Teststrategie

„Am Anfang haben wir nicht alles für alle“, sagte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) zur neuen „Coronavirus-Testverordnung“ (TestV), die am 15. Oktober die vorherige Verordnung vom Juni ersetzt hat. Um vor allem Risikogruppen und das Gesundheitspersonal zu schützen, setzt das BMG darin auf Antigentests (Ag-Tests). Zu unterscheiden sind dabei einerseits fluoreszenz- oder chemilumineszenzbasierte Ag-Labortests, die maschinell ausgewertet werden müssen. Andererseits sind mittlerweile Ag-Schnelltests erhältlich, die als Lateral-flow-Teststreifen zwar überall schnell verwendet werden können (Point-of-Care-Test), aber durch ihre geringere Sensitivität fehleranfälliger sind. Positive Ag-Tests sollen daher per PCR bestätigt werden.

Um Ausbrüche zu vermeiden, können Gesundheitseinrichtungen wie Krankenhäuser, Arzt- und Zahnarztpraxen, ambulante OP-Zentren, Dialysekliniken und Pflegeheime in ihren Testkonzepten festlegen, wie sie Ag-Schnelltests einsetzen wollen. Wenn diese Konzepte einen Test „zur Verhütung der Verbreitung des Coronavirus SARS-CoV-2 verlangen, haben asymptomatische Personen Anspruch auf Testung“, heißt es in der TestV. Die Anzahl der verfügbaren Ag-Schnelltests bestimmt der ÖGD anhand der ihm vorgelegten Konzepte und je nach Patientenstand: Die oben genannten Gesundheitseinrichtungen erhalten maximal 20 Ag-Schnelltests pro Patient und Monat. Eine Einrichtung mit 80 Patienten könnte so bis zu 1 600 Tests im Monat nutzen. Patienten und Besucher haben Anspruch auf einen Ag-Schnelltest pro Woche. Asymptomatischen Mitarbeitenden hingegen steht wöchentlich ein Ag-Labortest zu.

Wird dabei eine Infektion mit SARS-CoV-2 festgestellt, hat jeder, der in den vorherigen zehn Tagen in dem betroffenen Teil der Einrichtung anwesend war, Anspruch auf einen PCR-Test. Ebenso sollen Patienten vor Aufnahme in eine Einrichtung bevorzugt einen PCR-Tests bekommen, da falsch-negative Ergebnisse besonders schwere Konsequenzen haben könnten. Auch asymptomatische Personen, die von einem Arzt, dem ÖGD, der Corona-Warn-App oder einer infizierten Person als Kontakt identifiziert wurden, sollen vornehmlich per PCR getestet werden.

Neue Kontaktpersonendefinition

Während ambulante Pflegedienste oder betreute Wohngruppen zehn Ag-Schnelltests pro betreuter Person erhalten können, finden sich in der TestV weder Testansprüche für Tageskliniken, Geburtshäuser und Rettungsdienste noch für Obdachlosen- und Asylbewerberunterkünfte oder Gefängnisse.

Für Menschen in diesen Einrichtungen und für die asymptomatische Bevölkerung greift allein die erweiterte Kontaktpersonendefinition. Darin wurden neben 15-minütigen Gesprächspartnern nun auch Personen einbezogen, die einem Infizierten in den vergangenen zehn Tagen über 30 Minuten „in relativ beengter Raumsituation oder schwer zu überblickender Kontaktsituation“ nahe waren. Als Beispiele nennt die Verordnung Feiern, gemeinsames Singen, Sportstudios oder Schulklassen.

Reisende, die in den vergangenen 14 Tagen in einem Risikogebiet im In- oder Ausland waren, können nur dann einen PCR- oder Ag-Test bekommen, wenn der ÖGD ihn anordnet. Weitere Details regelt eine Musterverordnung, die den Bundesländern empfiehlt, einheitliche Quarantäneregeln festzuschreiben. Sie soll ab dem 8. November gelten.

Testsicherheit und -beschaffung

Da die Qualität aller Tests sehr untersucherabhängig ist, schreibt die TestV vor, dass nur medizinisch geschultes Personal die Abstriche durchführen darf. Auch müssen die neuen Ag-Tests Mindestkriterien des RKI und Paul-Ehrlich-Instituts erfüllen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) prüft die Herstellerangaben darauf und führt online eine Liste darüber, welche Ag-Tests verwendet werden dürfen. Bislang sind darin rund 30 verschiedene Ag-Tests mit Sensitivitäten zwischen 87,3 und 97,6 Prozent freigegeben. Eine vergleichende Qualitätsprüfung finde dabei nicht statt, sagte eine BfArM-Sprecherin. Solche unabhängigen Validierungen zur Aussagekraft der verschiedenen Ag-Testverfahren finden derzeit an mehreren Zentren statt, schreibt das RKI auf seinen Informationsseiten. Die Ergebnisse stünden noch aus.

Für die Beschaffung der Testsysteme ist jede Gesundheitseinrichtung selbst zuständig. Ärztinnen und Ärzte können die Tests mit der jeweiligen Kassenärztlichen Vereinigung abrechnen. Für ein beratendes Gespräch, den Abstrich und die Befundmitteilung können unabhängig von der Art des Tests 15 Euro geltend gemacht werden. Bei Testung des eigenen Personals sind nur Sachkosten berechnungsfähig. Ein Ag-Schnelltest wird mit sieben Euro vergütet, inklusive Beschaffungskosten. Dem Labor bringt der Nachweis per PCR pauschal 50,50 Euro ein, Transport- und Materialkosten einbezogen. Der weniger zeitaufwendige Ag-Labortest ist 15 Euro wert. Die Kosten werden aus dem Gesundheitsfonds finanziert.

Zusammenspiel der Sektoren

„Arztpraxen müssen die erste Anlaufstelle für Verdachtsfälle bleiben, Testzentren können bei der Durchführung der Tests entlasten, Krankenhäuser versorgen die schwer Erkrankten“, fasste der Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Laborärzte (BDL), Dr. rer. nat. Andreas Bobrowski, zusammen. Die TestV regelt dafür die Finanzierung der Testzentren: Das BMG hat für ihren Betrieb einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag veranschlagt. Die genaue Summe hänge von der weiteren Infektionsdynamik ab.

„Sollten die Infektionszahlen im Herbst wieder deutlich steigen, sind erneut Tausende von Freiwilligen nötig, um Infektionsketten nachzuverfolgen und Quarantänemaßnahmen zu kontrollieren“, sagte die Vorsitzende des Berufsverbands der Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, Dr. med. Ute Teichert im September. Jonathan Fischer-Fels

Einschätzung

Dr. med. Anne Bunte, Leiterin des Gesundheitsamts Gütersloh. Foto: Kreis Gütersloh
Dr. med. Anne Bunte, Leiterin des Gesundheitsamts Gütersloh. Foto: Kreis Gütersloh

„Gerade als Routine- oder Schutztestungen sind PCR-Tests zu aufwendig, wenn man sieht, wie wenige Infizierte wir damit bisher gefunden haben. Beim Tönnies-Ausbruch haben wir mehr als 100 000 Tests durchgeführt und ganz klar gesehen: Bei symptomatischen Menschen oder Kontaktpersonen finden wir auch Infektionen. Aber überall dort, wo Leute zum Beispiel einen Test zum Reisen haben wollten, fanden wir fast nichts. Die PCR-Kapazitäten werden durch solche anlasslosen Tests blockiert. In dieser Hinsicht können die Antigentest-Screenings sicherlich unser sensitivstes Instrument, die PCR, entlasten. Da die Infektionszahlen gerade immens ansteigen, wird es umso wichtiger, dass sich die Sektoren ergänzen und zusammenarbeiten, statt Patienten hin- und herzuschieben. Das braucht klare Zuständigkeiten und gute Kommunikation. Dabei sollten wir uns alle auf unsere Kernkompetenzen konzentrieren. Wir haben hier ein solches Zusammenspiel erlebt und daraus gelernt: Es gibt jeden Mittwochabend eine Telefonkonferenz, in der sich viele Akteure der Region intensiv austauschen.“

Dr. med. Anne Bunte,
Leiterin des Gesundheitsamts Gütersloh

Zum vollständigen Interview: http://daebl.de/AR99

Dr. med. Frank Berthold, Mikrobiologe und Laborarzt, Frankfurt/Oder. Foto: IMD Labor Oderland
Dr. med. Frank Berthold, Mikrobiologe und Laborarzt, Frankfurt/Oder. Foto: IMD Labor Oderland

„Der Markt ist sehr angespannt. Wir haben beispielsweise Geräte bestellt, um unsere Kapazitäten zu erhöhen und Testzeiten zu verkürzen. Ich rechne aber erst im zweiten Quartal 2021 mit einer Lieferung. Die Hersteller haben auch einen Engpass an verfügbaren Technikern, die die gelieferten Geräte installieren können. Die Reagenzienlieferungen haben sich inzwischen einigermaßen stabilisiert. Es gibt aber nach wie vor erhebliche Engpässe bei der Belieferung mit Plastikmaterial. Wenn ich etwas pipettieren will, brauche ich eine Pipettenspitze. Wenn ich die nicht habe, nützen mir tolle Geräte oder Reagenzien gar nichts. Bei solchem Verbrauchsmaterial hat es eine echte Preisinflation gegeben. Das ging mit den Abstrichtupfern los, die ein Vierteljahr nicht lieferbar waren. Jetzt sind es die Pipettenspitzen, Testplatten und anderes. Noch haben wir keinen der neuen laborbasierten Antigen-Tests. Sie kommen für uns auch nur infrage, wenn sie auf einem Gerät etabliert werden können, das bei uns bereits unter Routinebedingungen läuft.“

Dr. med. Frank Berthold,
Mikrobiologe und Laborarzt, Frankfurt/Oder

Zum vollständigen Interview: http://daebl.de/UM54

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