szmtag Stationäre Versorgung: Grundsätzlich optimistisch
ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2020Stationäre Versorgung: Grundsätzlich optimistisch

SCHWERPUNKT COVID-19

Stationäre Versorgung: Grundsätzlich optimistisch

Osterloh, Falk

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
In den Intensivstationen steigt die Zahl der COVID-19- Patienten wieder an. Foto: Tempura/iStock
In den Intensivstationen steigt die Zahl der COVID-19- Patienten wieder an. Foto: Tempura/iStock

Die Krankenhäuser fühlen sich gut für die zweite COVID-19-Welle gerüstet: Die Infrastruktur steht, es sind viele Intensivbetten vorhanden und der Mangel an Schutzausrüstung ist derzeit behoben. Von der Politik wünschen sie sich jedoch, dass sie von bürokratischen Aufgaben entlastet werden.

Die Krankenhäuser haben schnell reagiert: Innerhalb von Tagen stellten sie sich im März auf die Pandemie ein. Dem Wunsch der Bundesregierung folgend verschoben sie zahlreiche elektive Eingriffe und begannen damit, mehr Intensivbetten und Beatmungsmöglichkeiten aufzubauen. Sie organisierten Schulungen, richteten COVID-19-Bereiche ein und bildeten Personalpools, um kurzfristig auf steigende Fallzahlen reagieren zu können. Die Krankenhäuser wurden vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) dazu verpflichtet, ab April ihre freien Intensivbetten im Register der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) zu melden. Die Bundesregierung modifizierte die Finanzierungsregeln, damit die Krankenhäuser Ersatz für die Einnahmen erhielten, die ihnen infolge der verschobenen Operationen entgingen.

Anzeige

Abstimmung in der Region

Vielfach stimmten sich die Krankenhäuser in einer Region bei der Versorgung der Patienten ab. In Berlin, zum Beispiel, wurden die Häuser für die Behandlung von Intensivpatienten in drei Versorgungsstufen geteilt. Im Level-1-Zentrum, der Charité, werden die schwerkranken COVID-19-Patienten versorgt. In den Level-2-Krankenhäuser werden COVID-19-Patienten behandelt, bei denen die Krankheit einen weniger schlimmen Verlauf nimmt. Level-3-Krankenhäuser übernehmen die Versorgung von Nicht-COVID-19-Patienten. Die Versorgung von COVID-19-Patienten wurde dabei insbesondere von großen Krankenhäusern, häufig von Universitätskliniken, übernommen. Zahlen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) zufolge wurden 70 Prozent der COVID-19-Patienten in 25 Prozent der Krankenhäuser versorgt.

Am Ende kam es nicht so schlimm wie befürchtet. Im Auftrag des BMG untersuchte ein eigens eingesetzter Beirat die Auswirkungen der neuen Finanzierung auf die Krankenhäuser. Wie dessen Abschlussbericht ergab, wurden zwischen Anfang Januar und Ende Mai dieses Jahres im Durchschnitt weniger als zwei Prozent der gesamten Krankenhausbetten und vier Prozent der Intensivbetten für die Versorgung von COVID-19-Patienten benötigt. Insgesamt wurden in deutschen Krankenhäusern 34 000 Nachweise von SARS-CoV-2-Erregern kodiert. Das sind 0,5 Prozent aller Krankenhausfälle im Erhebungszeitraum.

Vielfach Erlöszuwächse

Auch mit den neuen Finanzierungsregeln waren die Krankenhäuser am Ende zufrieden. Wie der Abschlussbericht ebenfalls ergab, konnte etwa die Hälfte der somatischen Krankenhäuser ihre Erlössituation verbessern. Über alle Häuser hinweg beliefen sich die Erlöszuwächse auf durchschnittlich etwa zwei Prozent. Hoch waren die Zuwächse vor allem bei kleineren Krankenhäusern, während große Häuser Defizite einfuhren. Diese können die betroffenen Krankenhäuser nun aber bei Verhandlungen mit den Krankenkassen noch ausgleichen.

Als die Zahl der COVID-19-Infektionen Ende April wieder sank, führten die Krankenhäuser nach und nach wieder vermehrt elektive Operationen durch. „Ab Mai haben wir die OP-Kapazitäten gesteigert und konnten zügig wieder im Vollbetrieb arbeiten“, berichtet Prof. Dr. med. Stefan Schröder dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ), der als Chefarzt in der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie am Krankenhaus Düren arbeitet. Für den Herbst und Winter ist es Schröders Ziel, möglichst lange im Vollbetrieb zu bleiben, um alle Patienten versorgen zu können (siehe Kasten).

Die deutschen Krankenhäuser sind grundsätzlich optimistisch, dass sie COVID-19-Patienten auch in einer zweiten Infektionswelle gut versorgen können. Dem DIVI-Register zufolge liegt die Zahl freier Intensivbetten in Deutschland derzeit bei 9 441. 20 712 Intensivbetten sind belegt, die Notfallreserve beträgt 12 391 Intensivbetten (Stand: 19. Oktober 2020). Mit dem aktuellen Anwachsen der Infiziertenzahlen wächst aber auch die Sorge. „Der neuerliche Anstieg auf jetzt 6 000 neue Infektionen pro Tag zeigt die ungebrochene Dynamik bei der Ausbreitung des Virus in Deutschland“, erklärte der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Dr. rer. pol. Gerald Gaß, am 15. Oktober. „Wir wissen aus der ersten Welle der Pandemie, dass diese steigenden Neuinfektionen in einem Zeitversatz von etwa 14 Tagen auch in den Krankenhäusern ankommen. Schon jetzt sehen wir eine Verdopplung der Neuaufnahmen infizierter Patienten zur Vorwoche. Auch die Zahl der COVID-19-Behandlungen in den Intensivstationen nimmt deutlich zu. Wir müssen davon ausgehen, dass wir schon im November die Zahl von rund 2 000 Intensivpatienten mit Coronainfektion erreichen werden. Dann sind wir nicht mehr weit von der Höchstzahl aus dem Frühjahr entfernt.“

Ausreichend Schutzausrüstung

Mit den Vorbereitungen in den Krankenhäusern auf Herbst und Winter zeigt sich Gaß indes zufrieden. So gebe es heute in deutschen Krankenhäuser mehr als 10 000 Intensivbetten mit Beatmungskapazitäten mehr als noch im Frühjahr. Zwar bleibe die Ausstattung dieser Betten mit Fachpersonal ein Problem. „Eine gewisse Entspannung konnte jedoch dadurch erreicht werden, dass Beschäftigte in Kurzqualifikationen für den Einsatz in Teams im Intensivbereich vorbereitet wurden“, so Gaß. „Wir werden aber von unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erneut eine große Flexibilität und Einsatzbereitschaft abverlangen müssen, um in dieser Ausnahmesituation den Schutz der Bevölkerung zu organisieren.“

Weniger problematisch als noch im Frühjahr sei die Ausstattung der Krankenhäuser mit persönlicher Schutzausrüstung und Desinfektionsmitteln. Die Bevorratung sei aktuell gut und auch die weiteren Lieferungen seien derzeit gesichert, erklärte Gaß. Auch von den in der ersten Welle etablierten regionalen Netzwerken werde man in der zweiten Welle profitieren. Gaß betont, dass er keinen Lockdown der Kliniken in der zweiten Welle wolle. „Wenn wir geplante Behandlungen absagen müssen, soll dies im engen Austausch mit den niedergelassenen Ärzten und den Patienten selbst erfolgen“, erklärt er.

Die Pandemie hat das Gesundheitswesen verändert, zum Beispiel die Digitalisierung der Krankenhäuser. PD Dr. med. Christoph Spinner, Oberarzt in der Infektiologie am Klinikum rechts der Isar in München, befürwortet diese Entwicklung. „Es lohnt sich, die Disruptionskraft der Pandemie zu nutzen, um eine nachhaltige Verbesserung der Versorgung und Kommunikation im Gesundheitswesen durch Digitalisierung, Bündelung von Strukturen und Verbesserung von Prozessen zu erreichen“, sagt er zum . Die Entwicklung müsse weitergehen (siehe Kasten).

Die Krankenhäusern fordern Unterstützung von der Politik, damit sie sich voll auf die Behandlung ihrer Patienten in Herbst und Winter fokussieren können. Insbesondere verlangen sie, dass die für den Januar 2021 angekündigte Ausweitung der Pflegepersonaluntergrenzen nicht umgesetzt wird. Es sei völlig unverständlich, dass Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) in wenigen Tagen eine entsprechende Verordnung erlassen wolle – wohl wissend, dass damit ein flexibler Personaleinsatzes gerade in einer Pandemie nicht mehr im oft notwendigen Maße möglich ist, kritisierte der Verband der Krankenhausdirektoren Deutschlands (VKD). Zudem forderte der Verband, den Krankenhäusern auch in der zweiten Welle finanzielle Sicherheit zu geben. „Wir können gut durch die zweite Welle kommen“, sagte VKD-Pressesprecher Dr. med. Falko Milski. Dazu gehöre aber, dass die Politik in Bund und Ländern die Krankenhäuser, Rehakliniken und Altenpflegeheime mit entsprechenden Maßnahmen unterstütze – und zwar sehr zügig. Falk Osterloh

Einschätzung

Prof. Dr. med. Stefan Schröder, Chefarzt in der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie am Krankenhaus Düren. Foto:privat
Prof. Dr. med. Stefan Schröder, Chefarzt in der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie am Krankenhaus Düren. Foto:privat

Unser Ziel ist es, möglichst lange im Regelbetrieb zu bleiben, um alle unsere Patienten versorgen zu können: die COVID-19- und die Nicht-COVID-19-Patienten. Ich glaube, das kann funktionieren. Denn wir haben gesehen, dass ein Vollbetrieb auch in Zeiten von Corona möglich erscheint, wenn man die richtigen Vorkehrungen trifft. Dazu gehört eine Teilung der zentralen Notaufnahme in einen COVID- und einen Nicht-COVID-Bereich und die Einrichtung einer Isolationsstation. Dazu gehört ein Stufenplan für die Intensivmedizin, der einem erlaubt, flexibel auf steigende Infiziertenzahlen zu reagieren: Wir können unsere Intensivkapazitäten für COVID-19-Patienten von 13 Betten mit Beatmungsmöglichkeiten auf 40 hochfahren. Ob wir noch einmal elektive Eingriffe verschieben müssen, muss in der Dynamik des Prozesses entschieden werden. Solange die Intensivkapazitäten nicht ausgeschöpft sind, ist das aus meiner Sicht nicht notwendig.

Prof. Dr. med. Stefan Schröder, Chefarzt in der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie am Krankenhaus Düren

Zum vollständigen Interview: http://daebl.de/ZK39

Prof. Dr. med. Stefan Schröder, Chefarzt in der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie am Krankenhaus Düren
Prof. Dr. med. Stefan Schröder, Chefarzt in der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie am Krankenhaus Düren

Die Pandemie hat viele Stärken und Schwächen des deutschen Gesundheitssystems offenbart: Während dezentrale Strukturen gezielt und lokal adaptierte Maßnahmen ermöglichen, fehlen insbesondere zentrale Informationstechnologie- und Softwarewerkzeuge zur Verbesserung der Interaktion zwischen Krankenhäusern, Zuweisern und Patienten sowie der Kontaktkettennachverfolgung und sicheren Kommunikation mit dem öffentlichen Gesundheitsdienst. Papiergetriebene Prozesse, die es während der ersten Welle im Frühjahr häufig noch gab, sind langsam, aufwendig und hygienisch ungeeignet. Es lohnt sich, die Disruptionskraft der Pandemie zu nutzen, um eine nachhaltige Verbesserung der Versorgung und Kommunikation im Gesundheitswesen durch Digitalisierung, Bündelung von Strukturen und Verbesserung von Prozessen zu erreichen. Das kann aber nur gelingen, wenn alle Beteiligten mitwirken oder wenn der Druck durch gesetzliche Maßnahmen hoch genug ist.

PD Dr. med. Christoph Spinner, Oberarzt in der Infektiologie am Klinikum rechts der Isar in München

Zum vollständigen Interview: http://daebl.de/AE87

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote