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ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2020Digitalisierung im Gesundheitswesen: Schub durch Coronapandemie

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Digitalisierung im Gesundheitswesen: Schub durch Coronapandemie

Haserück, André

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Die SARS-CoV-2-Pandemie hat Ärzten und Patienten gleichermaßen die Vorteile telemedizinischer und digitaler Gesundheitsangebote deutlich vor Augen geführt. So gab es, auch aufgrund angepasster Rahmenbedingungen, gravierende Zuwächse bei Videosprechstunden und Telekonsilien.

Ortsunabhängige digitale Angebote für Patienten wie die Videosprechstunde wurden vor der Coronapandemie nur zögerlich von Ärzten und Psychotherapeuten angeboten. Zu groß waren zumeist die Sicherheitsbedenken und Sorgen vor dem nötigen Umstellungsaufwand – auch schien der Nutzen „prä-Corona“ oft unklar. Zudem ergaben sich aus den regulativen Vorgaben ohnehin Beschränkungen bei Fallzahl und Leistungsmenge.

Angesichts der Ausbreitung des Coronavirus hatten Kassenärztliche Bundesvereinigung und GKV-Spitzenverband die für Videosprechstunden geltenden Begrenzungsregelungen aber ab dem zweiten Quartal 2020 aufgehoben. Da die Patienten nach Möglichkeit nur in medizinisch dringenden Fällen die Praxen aufsuchen sollten, war eine Alternative für den persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt gefragt.

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Geschätzt nutzten beziehungsweise nutzen im Zuge der Coronapandemie rund 25 000 Arzt- und Psychotherapeutenpraxen – also etwa ein Viertel aller Praxen – die Videosprechstunde. Noch bis Ende Februar hatten lediglich rund 1 700 Praxen Videosprechstunden angeboten. Die Bundes­ärzte­kammer bietet im Internet eine Handreichung für Ärztinnen und Ärzte zur Durchführung von Videosprechstunden an (http://daebl.de/QN76). Auch von der telefonischen Betreuung machten Patienten und Ärzte sowie Psychotherapeuten verstärkt Gebrauch. Allein im März wurden rund 500 000 telefonische Beratungen mehr abgerechnet als im Vorjahreszeitraum.

Zum 1. Oktober 2020 wurden zudem neue Leistungen in den Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) aufgenommen, welche die Abrechnungsmöglichkeiten von Telekonsilien deutlich ausweiten. Nun können Ärzte, Psychotherapeuten und Zahnärzte bei komplexen fachlichen Fragestellungen leichter einen ambulant oder stationär tätigen Kollegen digital zu Rate ziehen – auch ein Videokonsilium, an dem der betreffende Patient teilnimmt, ist möglich. Das solche Angebote gerade in Pandemiezeiten sinnvoll sind, zeigt das Beispiel des Virtuellen Krankenhauses in Nordrhein-Westfalen. Seit März wurden im Rahmen des Projektes über 900 intensivmedizinische Telekonsile durchgeführt.

Die Coronakrise hat also unmittelbare und auch in den Versorgungsdaten ablesbare Auswirkungen auf das Verhalten von Ärzten, Psychotherapeuten und Patienten. Inwieweit sich hier nachhaltige Veränderungen ankündigen oder ob es wieder zu einer Rückkehr zu etablierten Mustern kommt, wird die Zeit nach dem Abklingen der SARS-CoV-2-Pandemie zeigen. André Haserück

Einschätzung

Professor Dr. med. Claudia Spies, Charité. Foto: Charité – Universitätsmedizin Berlin
Professor Dr. med. Claudia Spies, Charité. Foto: Charité – Universitätsmedizin Berlin

Deutschland ist in der Digitalisierung der Medizin nicht Weltspitze, aber bewegt sich vorwärts. Die Coronapandemie hat von 3-D-Druckern bis hin zu telemedizinischen Applikationen diesen Weg beschleunigt – es ist gut zu sehen, dass wir in der Lage sind, patientenzentrierte Technologien schnell umzusetzen. Im Rahmen des Projekts ERIC haben wir eine Tele-Intensivstation etabliert. Wir konnten dem Berliner Senat so eine telemedizinische Versorgungsstruktur anbieten, um eine Überlastung zu vermeiden und Wissenstransfer über 16 Krankenhäuser zu generieren. Das ist in der ersten Welle gelungen.

Professor Dr. med. Claudia Spies, Charité

Zum vollständigen Interview: http://daebl.de/LR76

Universitätsprofessor Dr. med. Gernot Marx, Uniklinik Aachen. Foto: Uniklinik RWTH Aachen
Universitätsprofessor Dr. med. Gernot Marx, Uniklinik Aachen. Foto: Uniklinik RWTH Aachen

Die Pandemie hat uns gelehrt, dass der orts- und zeitunabhängige Transfer von Expertenwissen einen erheblichen Mehrwert für die Patientenversorgung darstellt. So können zum Beispiel seit Ende März 2020 alle Krankenhäuser der Grund- und Regelversorgung in NRW bei intensivpflichtigen COVID-19-Patienten über das Virtuelle Krankenhaus NRW auf die Expertise der Unikliniken Aachen und Münster zurückgreifen. Dies fördert eine wohnortnahe, hochqualitative Versorgung schwerst erkrankter Patienten und macht so die intensivmedizinische Gesamtbettenkapazität des Landes nutzbar.

Universitätsprofessor Dr. med. Gernot Marx,
Uniklinik Aachen

Zum vollständigen Interview: http://daebl.de/AH99

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