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ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2020Pflegeheime: Angst vor dem Ausbruch

SCHWERPUNKT COVID-19

Pflegeheime: Angst vor dem Ausbruch

Osterloh, Falk

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Mit dem Anstieg der Neuinfektionen in Deutschland steigt auch die Sorge in den Pflegeheimen vor einem Eindringen des Virus. Die Heime versuchen, sich mit strengen Hygienemaßnahmen vor dem Virus zu schützen, um ein erneutes Besuchsverbot zu verhindern. Das funktioniert nicht immer.

Während der ersten Welle der Coronapandemie kam es zu verschiedenen Ausbrüchen von COVID-19 in stationären Pflegeeinrichtungen. Die Folgen waren gravierend. Denn in den Heimen leben die Menschen, für die eine Infektion mit SARS-CoV-2 besonders gefährlich ist: betagte Multimorbide. In einem Heim in Wolfsburg starben zum Beispiel 43 der 165 Bewohner mit COVID-19, in einem Heim in Würzburg waren es 22 von etwa 100.

Um die Bewohner zu schützen, hat die Bundesregierung strenge Besuchsregeln in den Pflegeheimen erlassen, die im Frühjahr zur Isolation der Menschen führte. „Die Besuchsverbote waren sehr belastend für die Bewohner“, sagt Bernhard Schneider dem Deutschen Ärzteblatt, Geschäftsführer der Evangelischen Heimstiftung, dem mit 86 Heimen größten Träger stationärer Pflegeeinrichtungen in Baden-Württemberg (siehe Kasten). Aus seiner Sicht muss ein erneutes Besuchsverbot in der zweiten Welle verhindert werden. „Die Gesellschaft muss akzeptieren, dass auch alte Menschen ein Grundrecht auf Teilhabe, Selbstbestimmung und Freiheit haben“, meint Schneider. „Das darf ihnen niemand nehmen, indem man sie auf ihre Schutzbedürftigkeit reduziert.“

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Neue Ausbrüche

Um ein Eindringen von SARS-CoV-2 zu verhindern, haben die Pflegeheime überall im Land Pandemiepläne erstellt und strenge Hygienemaßnahmen ergriffen. Das Robert Koch-Institut hat dazu Empfehlungen für Alten- und Pflegeeinrichtungen veröffentlicht, die zuletzt am 7. Oktober aktualisiert wurden. Darin wird zum Beispiel empfohlen, Teams mit klarer Zuordnung von Verantwortlichkeiten für die verschiedenen Bereiche wie Hygiene, Kommunikation oder Beschaffung notwendiger Materialien zu bilden. Das Personal sollte hinsichtlich der praktischen Umsetzung der Hygienemaßnahmen geschult werden. Es sollten keine oder zeitlich gestaffelte gemeinsame Maßnahmen vorgenommen und spezielle Zugangsregelungen für Besucher implementiert werden. Unter bestimmten Umständen werden auch Aufnahmestopps und erneute Isolierungen empfohlen, die in Abstimmung mit den Gesundheitsbehörden zu treffen seien.

Derzeit häufen sich wieder die Meldungen von COVID-19-Ausbrüchen in Pflegeheimen. Das Ge­sund­heits­mi­nis­terium Nordrhein-Westfalen hat erlassen, dass Pflegebedürftige isoliert werden müssen, bei denen bei einem konkreten Anlass eine COVID-19-Infektion nicht ausgeschlossen werden kann. Die Bewohnerin eines Pflegeheims im Kreis Lippe hat gegen diese Verfügung geklagt und vom Verwaltungsgericht Minden recht bekommen. Die Pflegeheimbewohner zu schützen und gleichzeitig ihr Recht auf Teilhabe zu ermöglichen, wird für die Heime auch in der zweiten Pandemiewelle zu einer großen Herausforderung werden. Falk Osterloh

Einschätzung

Bernhard Schneider, Geschäftsführer der Evangelischen Heimstiftung, Stuttgart. Foto: Evangelische Heimstiftung
Bernhard Schneider, Geschäftsführer der Evangelischen Heimstiftung, Stuttgart. Foto: Evangelische Heimstiftung

Die Besuchsverbote im März und April waren sehr belastend für die Bewohnerinnen und Bewohner. In den ersten Wochen haben viele noch gesagt: „Wir haben Schlimmeres erlebt in unserem Leben.“ Mit den Wochen wurde die Belastung aber größer, vor allem auch, weil zum Besuchs- auch noch ein Ausgehverbot dazukam. Dass die Pflegeheime im Frühjahr, als wir noch wenig über das Virus wussten, durch eine politische Verordnung geschlossen und Besuche verboten wurden, war zum Schutz der Menschen notwendig. Das darf aber auf keinen Fall noch einmal passieren.

Das Wichtigste ist jetzt, dass wir uns alle an die AHA-Regeln halten. Auch eine Evaluation, die wir in unseren Heimen durchgeführt haben, hat gezeigt, dass diese einfachen Maßnahmen ausreichen, um das Infektionsgeschehen zu begrenzen. Wenn die Infektionszahlen die kritische Marke von 50 Neuinfektionen je 100 000 Einwohner überschreiten sollten, werden wir bei allen Gästen die Temperatur messen, bevor sie den Wohnbereich betreten, und keine Gruppen mehr in die Heime lassen. Kommt es zu einem Ausbruch, bleiben die infizierten Bewohner in ihren Zimmern isoliert, die man nur noch mit FFP2-Masken und Schutzausrüstung betreten darf. Wichtig ist aber, dass alle anderen, nicht betroffenen Wohnbereiche für Angehörige offen bleiben und dass auch in den betroffenen Bereichen Besuche weiterhin möglich sind. Denn wir haben gesehen, wie schlimm es für die Bewohner und ihre Angehörigen ist, sich nicht mehr sehen zu können. Das müssen wir auf jeden Fall verhindern.

Bernhard Schneider, Geschäftsführer der Evangelischen Heimstiftung, Stuttgart

Zum vollständigen Interview: http://daebl.de/CQ99

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