ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2000Arbeits- und Sozialmedizin: Kompetenz stärkt psychisches Immunsystem

THEMEN DER ZEIT: Tagungsberichte

Arbeits- und Sozialmedizin: Kompetenz stärkt psychisches Immunsystem

Dtsch Arztebl 2000; 97(10): A-602 / B-490 / C-462

Bühring, Petra

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LNSLNS Arbeitsorganisation und Stressbewältigung waren Themen der Veranstaltung "Betriebliches Gesundheitsmanagement".


Arbeitgeber in Japan müssen sich seit einiger Zeit gesetzlich verpflichten, ihre Mitarbeiter in Urlaub zu schicken. Der Grund: Immer mehr Arbeitnehmer starben an "Karoshi", zu Deutsch "plötzlicher Tod durch Überarbeiten". Dieses Phänomen erklärt Diplom-Psychologe Eberhard Fehlau damit, dass Japaner ihre eigenen Belastungsgrenzen oft nicht wahrnehmen. Lange Arbeitszeiten, kaum Pausen und ein ausgeprägter Gruppendruck seien verantwortlich dafür, dass die nach Stressphasen so wichtigen Erholungsphasen ausfallen und mancher Organismus mit "karoshi" reagiert. Stressbewältigung war ein Thema der Tagung "Betriebliches Gesundheitsmanagement", veranstaltet von der Projektgruppe "Gesundheit in der Arbeitswelt" des Kölner Gesundheitsforums. Europäer würden ihre Belastungsgrenzen zwar besser wahrnehmen als Japaner, berichtet Fehlau, doch hier stelle die Vorstufe, das Ausgebranntsein ("Burn-out-Symptomatik"), ein zunehmendes Problem dar. Bevor der Körper mit psychosomatischen Beschwerden reagiere, nehme die Fähigkeit des Einzelnen ab, angemessen auf Stress reagieren zu können und nach Belastungen zu regenerieren. Diese Fähigkeit sei individuell unterschiedlich und abhängig von der privaten Situation: Nicht nur kritische Lebensereignisse wie zum Beispiel Scheidung oder Tod des Kindes schwächten das "psychische Immunsystem". Deutlich gefährdet seien Singles, weil sie bei Problemen im Beruf niemanden haben, der sie "auffängt". Auch Alleinerziehende, die nach der Arbeit direkt "in den zweiten Job, nämlich Haushalt und Kinder, stürzen", übergehen die nach Belastung nötige Erholungsphase. Als Stressfaktoren am Arbeitsplatz bezeichnet Prof. Dr. Holger Pfaff, Institut für Arbeits- und Sozialmedizin der Universität zu Köln, Überstunden, Nacht- und Schichtarbeit, Angst um den Arbeitsplatz, gestörte soziale Beziehungen - beispielsweise Mobbing - und hohen Verantwortungsdruck, wie ihn Ärzte haben. Monotone Aufgaben und wenig Handlungskompetenz seien weitere Stressfaktoren: "Je mehr Handlungsfreiheit man hat, desto höher sind die Widerstandsressourcen." So sei Herzinfarkt auch keine Managerkrankheit, sondern eher in der Arbeiterschicht signifikant. Im Auftauen von autoritären Strukturen sieht Pfaff daher einen Ansatz zur Gesund­heits­förder­ung im Betrieb.
Ressource Gesundheit
Pfaff appelliert an die Unternehmen, die Gesundheit ihrer Mitarbeiter als "Ressource" wertzuschätzen. In jedem Unternehmen "sollte eine Sparte Gesundheitsmanagement eröffnet werden", für die Führungskräfte, Betriebsrat und Gesundheitsexperten zuständig sind. Erkenne man Gesundheit als indirekten Wettbewerbsfaktor, könnten die zusätzlichen Kosten für ihre Pflege als Investition betrachtet werden. Der Arbeitsmediziner ist überzeugt, dass in Zukunft das "Gesundheits-Controlling" verstärkt wird. Neben Parametern zu Gesundheitszustand und Gesundheitsgefahrstoffen werde es Biopsychosoziale Kennzahlen geben, wie "innere Kündigung", Vertrauenskultur, Belastungssituation, Handlungsspielraum und Mobbing. Zur Ermittlung seien dabei Mitarbeiterbefragungen unerlässlich.


Gisbert Jutz, DAG-Bundesvorstand, Hamburg, befasste sich mit der Arbeitszeitgestaltung im Hinblick auf die Gesundheit. Bei der Flexibilisierung der Arbeitszeiten seien in Deutschland bisher keine Erfolge erzielt worden. 1998 seien im Westen 62,6 Überstunden je Jahr und Berufstätiger erfasst worden, im Osten 42,9. Teilzeit gearbeitet hätten nur 18 Prozent der Arbeitnehmer. Bedenklich sei, dass befristete Arbeitsverträge um 12 Prozent zugenommen hätten. Mobilzeit-Modelle
Jutz plädiert für flexible Arbeitszeitmodelle, die die Zufriedenheit der Mitarbeiter und damit die Gesundheit stärken - 22 bis 38 Prozent der Vollzeitkräfte wünschten sich eine Teilzeitbeschäftigung. Möglich seien hier lebensphasenorientierte Modelle, die Entlastung schaffen in Kindererziehungszeiten, wenn Angehörige gepflegt werden müssen, oder um ins Alter hinüberzugleiten. "Mobilzeit"-Modelle* seien zudem für den Arbeitgeber Erfolg versprechend: Erwiesen sei, dass kurze Tages-Arbeitszeiten die Qualität sichern, das heißt deutlich weniger Ausschuss produziert wird. Die Möglichkeit eines zweimonatigen Langzeiturlaubs oder "Sabbaticals" - Aussteigen für ein Jahr - würde dazu beitragen, die Motivation und Zufriedenheit der Mitarbeiter zu steigern.
Petra Bühring


? Informationen zu flexiblen Arbeitszeitmodellen enthält die Broschüre "Teilzeit" vom Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung. Kostenlos erhältlich unter Telefon: 01 80/5 15 15 10 oder im Internet: www.bma. bund.de


Gesund­heits­förder­ung . . . "zielt auf einen Prozess, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung . . . zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen."
Aus der Charta der WHO

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