ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2020Coronaregeln: Die Unvernunft Weniger

SEITE EINS

Coronaregeln: Die Unvernunft Weniger

Schmedt, Michael

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Die Neuinfektionszahlen explodieren zu Redaktionsschluss (26. Oktober), die Politik warnt vor einem Kontrollverlust. Gemeint ist: SARS-CoV-2 breitet sich unkontrolliert aus und die Gesundheitsämter können die Nachverfolgung der gemeldeten Infektionsfälle nicht mehr leisten. Kontrollverlust ist aber ein Wort, dass erst recht seit der Flüchtlingskrise 2015 eine so negative Konnotation hat, dass es nicht geeignet ist, die Bevölkerung mitzunehmen. Vor allem nicht für einen Appell an die Eigenverantwortung jedes Einzelnen in der Pandemie, Kontakte zu reduzieren und Hygieneregeln einzuhalten.

Kontrollverlust macht Angst, verbreitet den Anschein von Hilflosigkeit und damit Unsicherheit. Man kann und soll die Zahlen nicht kleinreden. Dennoch muss man sie ins Verhältnis setzen, zum Beispiel zur Intensivbettenbelegung, die aktuell beruhigend ausreichend ist. Daher muss der Fokus jetzt auf einer freiwilligen Kontaktreduzierung und den Regeln liegen, die seit Monaten bekannt und von Wissenschaftlern empfohlen werden: Abstand, Hygiene, Masken, verbunden mit Lüften und der Corona-Warn-App. Sämtliche Hygienekonzepte – von Sport- und Kulturveranstaltungen über die Gastronomie bis hin zu Schulen und dem öffentlichen Nahverkehr – fußen auf diesen Regeln. Und dort ist kein größeres Ausbruchsgeschehen zu verzeichnen. Dieses hat sich in den privaten Bereich (Stichwort „Feiern“) verlagert.

Anzeige

Daher ist die Bevölkerung gefragt. Diese erreicht man aber nicht mit dramatischen Szenarien. Es geht nicht um Weiß (Freiheit) oder Schwarz (Einschränkungen). Denn das eine ist ohne das andere nicht möglich. Das heißt, unter Einhaltung der Regeln kann man sich treffen, ins Theater oder Fitnessstudio gehen. Das muss die Politik nachvollziehbar kommunizieren. Warum erklärt man der Bevölkerung nicht offensiver, dass die Einhaltung der Regeln es nicht nur möglich macht, weiter an einem – wenn auch eingeschränkten – gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, sondern auch Schulen und Kitas offenhält. Dass allein das Achten auf die Hygiene dazu geführt hat, das andere Infektionskrankheiten wie die Masern zurückgegangen sind? Die Politik beschäftigt sich mehr damit, ab wann und wo weitere Einschränkungen greifen sollen. Von kreativen Lösungen, wie man vulnerable Gruppen schützt, hört man ebenso wenig wie von sozial- und kulturverträglichen Maßnahmen. Dabei ist schon lange klar, dass die Infektionszahlen zum Herbst steigen. Einen hundertprozentigen Schutz kann es aber nicht geben. Daher ist es so wichtig, sich bewusst zu machen, dass jede vernünftige Entscheidung zugunsten der bestehenden Regeln einen ebenso großen Einfluss auf das Infektionsgeschehen hat wie das Ignorieren der Regeln.

Die Solidarität aus dem Frühjahr, als man den sogenannten Coronahelden wie Supermarktangestellten und Gesundheitspersonal dankte, muss wiederbelebt werden. Jetzt aber muss Generationensolidarität gelten. Ein Polarisieren zwischen dem „schuldigen“ jungen Partyvolk und der älteren gefährdeten Generation ist nicht zielführend. Die Jungen sind weniger gefährdet, sollen dennoch Verzicht üben. Sie schützen so aber die Älteren. Wenn dies immer wieder erklärt, diskutiert und vor allem gewürdigt wird, stärkt das den Zusammenhalt und (hoffentlich) auch das Bewusstsein in der Gesellschaft, viel selbst bewirken zu können. Solidarität und Eigenverantwortung sind die Gebote der Stunde. Ansonsten leiden viele unter der Unvernunft Weniger.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #760158
wilhem
am Sonntag, 1. November 2020, 09:23

Stimmt wahrscheinlich

die Zahlen des RKI sagen eindeutig aus, dass bei den 25 Prozent bekannten Infektionsfällen, eindeutig der überwiegenden Teil im privaten Umfeld stattfindet (fast die Hälfte). Die Beschreibung des RKI deckt sich mit Studienergebnissen. In der Fachzeitschrift „Science“ erschien in der vergangenen Woche ein Übersichtsartikel von Forschern von der US-Universität Johns Hopkins, der den Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Corona-Treibern zusammenfasst. Und kommen auch zu dem Ergebenis, dass private Haushalte der größte Treiber ist. https://science.sciencemag.org/content/370/6515/406
Avatar #802314
showfl
am Sonntag, 1. November 2020, 01:52

Stichwort Feiern?

Ich verstehe nicht, wie Sie zu diesem Statement gelangen:
"Und dort ist kein größeres Ausbruchsgeschehen zu verzeichnen. Dieses hat sich in den privaten Bereich (Stichwort „Feiern“) verlagert."
Hatte die Bundeskanzlerin nicht bestätigt, dass für 3/4 der Fälle eben KEIN Ansteckungsort /-szenario zugeordnet werden konnte.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote