ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2020Studie RESTART-19: Konzerte in Zeiten von Corona

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Studie RESTART-19: Konzerte in Zeiten von Corona

Reichardt, Alina

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Wissenschaftler der Universitätsmedizin Halle haben in einer bisher einzigartigen Studie untersucht, unter welchen Bedingungen Großveranstaltungen in Hallen auch in der Pandemie stattfinden können. Die Ergebnisse kommen nun zur Unzeit – sollen der Politik aber trotzdem helfen.

Großexperiment: Im ersten von drei Szenarios spielten die Probanden den Normalbetrieb durch und saßen dicht an dicht in der Arena Leipzig. Foto: pa, Hendrick Schmidt
Großexperiment: Im ersten von drei Szenarios spielten die Probanden den Normalbetrieb durch und saßen dicht an dicht in der Arena Leipzig. Foto: pa, Hendrick Schmidt

Keine Vollauslastung, keine Stehkonzerte, Maskenpflicht und Essen nur noch am Platz. Das sind nur einige der Empfehlungen, die die Autoren der Studie RESTART-19 in der vergangenen Woche in Halle vorstellten.

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Im August hatten die Wissenschaftler der Universitätsmedizin Halle mit Unterstützung der Länder Sachsen-Anhalt und Sachsen in Leipzig die weltweit erste Untersuchung dazu durchgeführt, unter welchen Bedingungen Großveranstaltungen auch in der Pandemie noch stattfinden könnten.

Es sei geradezu Schicksal, dass die Vorstellung der Ergebnisse parallel zu der Regierungserklärung der Kanzlerin zur Situation im November stattfinde, erklärte Professor Dr. med. Michael Gekle, Dekan der Universitätsmedizin Halle, der durch die Präsentation führte. Denn Kultur- und Sportstätten mussten nun vorübergehend wieder schließen – unabhängig von Hygienekonzepten. Dennoch habe man die Ergebnisse schnellstmöglich präsentieren wollen, um Daten zu liefern, anhand derer die Politik Entscheidungen treffen kann. Auch die Publikation wollte man nicht abwarten – das Paper befindet sich noch im Peer-Review.

Politik will sich vorbereiten

„Was die Kanzlerin sagt, gilt jetzt erst mal“, erklärte auch Sachsen-Anhalts Minister für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung, Armin Willingmann. Doch man könne schon Vorbereitungen für die Zeit treffen, wenn sich der Zustand wieder etwas normalisiert habe.

Für diese Vorbereitung präsentierten die Autoren um Dr. med. Stefan Moritz, Leiter der Infektiologie an der Universitätsmedizin Halle, einen umfassenden Maßnahmenkatalog. Rund 1 400 Probanden hatten dafür im Sommer ein Konzert des Sängers Tim Bendzko besucht und dabei drei verschiedene Hygienekonzepte durchgespielt.

Vor der Veranstaltung mussten Probanden einen Selbsttest durchführen. Nur wer negativ auf COVID-19 getestet wurde, durfte teilnehmen. Am Versuchstag hatte jeder Proband einen Tracer dabei, ein kleines elektronisches Gerät, das unablässig Daten aufzeichnete. Aus diesen erstellten die Forscher Modelle, unter anderem dazu, wie viele für eine Infektion relevante Kontakte bei Großveranstaltungen zustande kommen (siehe 35/36).

Beim ersten der drei Szenarien, das den Normalbetrieb widerspiegeln sollte und die Veranstaltungshalle mit bis zu 8 000 Menschen ohne Abstände gefüllt hätte, wären laut den Wissenschaftlern pro Person knapp 60 Kontakte zusammengekommen, etwa neun davon länger als 15 Minuten.

Bei Szenario zwei und drei wurden mehrere Einlässe geöffnet, das Catering nach Sitzplatzbereichen aufgeteilt sowie Abstände zwischen Sitzplätzen und Toiletten eingerichtet. Im strengsten Szenario drei hätten dabei nur noch zwei Personen zusammengesessen, jeweils im Abstand von 1,50 Metern zu anderen Zuschauern.

Auf diese Weise passten nur knapp 1 700 Menschen in die Halle. Es sei aber auch nur noch zu einem einzigen für eine Infektion bedeutsamen Kontakt von mehr als 15 Minuten gekommen – mit dem direkten Sitznachbarn. Es sei davon auszugehen, dass es sich dabei in der Regel um eine Person aus dem gleichen Haushalt handele, so Moritz.

„In Szenario drei kommt es nur noch zu vier Prozent der Begegnungen im Verhältnis zur voll besetzten Halle im Szenario eins“, erklärte Moritz.

Die Empfehlung des Wissenschaftlers: Ausschließlich Sitzkonzerte, strenge Regulierung bei Einlass und Pausen, damit keine unnötigen Wartezeiten entstehen. Mehrere Eingänge, Essen und Trinken möglichst nur am Platz. „So lässt sich die Anzahl der Kontakte auf den Sitzpartner reduzieren. Der Sitzplan fixiert dabei die möglichen Kontakte“, so Moritz.

Wichtiger Aspekt Belüftung

Mit einem aufwendigen Studiendesign hatten die Wissenschaftler auch die Verteilung der Aerosole in der Halle gemessen. Dabei verglichen sie unter anderem das in der Arena Leipzig vorhandene Lüftungskonzept mit Belüftungsanlagen unter den Sitzen und an der Decke sowie Abzugsvorrichtungen an allen vier Hallenecken mit einem alternativen Konzept einer Ablüftungsanlage an der Decke.

„Das alternative Lüftungskonzept erwies sich als deutlich schlechter“, so Moritz. Ganze Seen an Aerosolen hätten sich im simulierten Modell am Computer im Zuschauerraum ausgebreitet. Der einzelne Zuschauer hätte deutlich mehr Fremd-aerosole eingeatmet als er direkte Kontakte gehabt hätte.

Welches Belüftungssystem nun optimal für die pandemische Lage sei, habe sich anhand der Ergebnisse nicht feststellen lassen. „Aber wir konnten zeigen, dass eine adäquate Raumlufttechnik sehr wichtig ist“, so Moritz. Die Autoren schlagen vor, ein Bewertungssystem für Belüftungsanlagen zu erstellen und Investitionsprogramme von Bund und Ländern aufzulegen, um Veranstaltungsstätten bei der Umrüstung zu unterstützen.

Darüber hinaus erstellten die Forschenden ein epidemiologisches Modell, das zeigen soll, welche Konsequenzen eine Großveranstaltung für die pandemische Lage der Veranstaltungsstadt oder -region bedeuten kann.

Der ebenfalls an der Untersuchung beteiligte Professor Dr. med. Rafael Mikolajczyk, Direktor des Instituts für Medizinische Epidemiologie, Biometrie und Informatik an der Universitätsmedizin Halle, und sein Team zogen als Grundlage eine Studie aus dem Jahr 2007 heran, in der die Kontaktstrukturen der Menschen in europäischen Städten gemessen wurden.

Unter Berücksichtigung dessen, wie viele Kontakte Menschen im eigenen Haushalt, durch Arbeit und Schule sowie in der Öffentlichkeit täglich haben, berechneten die Autoren, wie viel mehr Ansteckungen durch eine Großveranstaltung entstehen könnten.

„Veranstaltungen ohne Hygienekonzept können ein hohes Risiko darstellen und eine große Bedeutung für die Pandemie haben“, so Mikolajczyk. Die Studie habe aber gezeigt, dass ein geeignetes Konzept dieses Risiko merklich minimieren kann.

Bei einer Inzidenz von 100 Fällen pro 100 000 Einwohner pro Woche, was nach aktuellen Zahlen des Robert Koch-Instituts in etwa dem derzeitigen Stand in Deutschland entspricht, käme es bei einer Veranstaltung mit geeigneter Belüftung, bei der alle Teilnehmer Masken tragen und das strengste der drei möglichen Hygienekonzepte befolgt wird, den Angaben zufolge zu nur einer zusätzlichen Ansteckung.

Die Forscher gingen dabei davon aus, dass ein Mund-Nasen-Schutz das Ansteckungsrisiko im Schnitt um knapp 50 Prozent reduzieren kann. Bei gleicher Ausgangslage, aber einer schlechten Belüftung, keinerlei Hygienekonzept und keiner Maskenpflicht könne es im Schnitt zu 70 Ansteckungen kommen. Für den Raum Leipzig würden dies zusätzlich zu den rund 2 400 Fällen pro Monat weitere 170 Ansteckungen bedeuten.

Basierend auf den Ergebnissen schlug Moritz vor, bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von unter 50 das zweite Szenario anzuwenden und die maximale Zuschauerzahl pro Woche auf 50 Prozent der üblichen Auslastung des Veranstaltungsortes zu deckeln. Liege die Sieben-Tage-Inzidenz bei über 50 sei das strengste Szenario sinnvoll sowie eine Deckelung der Zuschauer auf 25 Prozent der üblichen Hallenkapazität.

Zudem sollten Veranstalter darüber nachdenken, ebenso wie in der Studie, sogenannte Hygiene-Stewards einzusetzen, die das Einhalten der Maskenpflicht überprüfen. „Ein normaler Mund-Nasen-Schutz reicht unserer Meinung nach aus“, ergänzte Moritz.

Bei der Studie hatten alle Teilnehmer höher filtrierende FFP2-Masken getragen, ein Großteil hatte in einer anschließenden Umfrage angegeben, diese als unangenehm empfunden zu haben. Über 70 Prozent erklärten aber, einen normalen Mund-Nasen-Schutz bei einer Veranstaltung tragen zu wollen. Auch generell war die Zustimmung der Probanden für die Hygienemaßnahmen groß: 90 Prozent fühlten sich beim strengsten Szenario sicher, knapp die Hälfte hätte sich ohne Hygienemaßnahmen nicht wohlgefühlt. Alina Reichardt

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