ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2020Coronapandemie: Schuld-Verschiebebahnhöfe

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Coronapandemie: Schuld-Verschiebebahnhöfe

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Es gehört zu den großen Kuriositäten der Demokratie, dass Mitbürger gewählten Volksvertretern öffentlich „Diktatur“ vorwerfen und in den Medien darüber breit diskutiert wird. Gerade in Corona-Zeiten wird die Debatte um die zum Schutz der Menschen getroffenen Maßnahmen zunehmend lauter und kontroverser. Was immer man davon halten mag, ein Indiz für diktatorisches Gebaren sähe anders aus.

Bedauerlich ist, dass es im Umgang mit der Pandemie vielen eher um das Aufdecken von Fehlern und Schuldzuweisungen geht als um konstruktive Lösungen. Der „Troll“ in uns ist scheinbar lauter als unsere Verantwortlichkeit beispielsweise gegenüber Risikopatienten. Nur: Der Kampf gegen Corona ist kein Dschungelcamp. Und trotzdem konkurrieren wir untereinander, statt miteinander gegen die Pandemie vorzugehen. Ideen oder Vorschläge nach oberflächlichem Scannen zu verwerfen, zu brandmarken und andere mit Schuld zu stigmatisieren, ist nicht zielführend.

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Beispiel Intensivbetten: Dass bei steigenden Infektionszahlen der Blick auf die ausreichende Bettenzahl gestellt wird, ist korrekt. Dass angesichts möglicher Eskalationsmodelle die Frage nach der Funktionsfähigkeit dieser Intensiveinrichtungen gestellt wird – jeder Intensivpatient braucht bis zu fünf kundige Pflegekräfte –, ist nur logisch. Den im System Verantwortlichen abzufordern, dass die politisch geforderte Bettenkapazität mit ausreichend Personal haben muss, ist eins. Schuldige dafür zu suchen, dass diese nicht da sind, obwohl seit Jahren ohne merkliche Konsequenzen von fast allen über extremen Arbeitskräftemangel geklagt wurde, führt nicht weiter. Bundesweit fehlen laut Deutscher Interdisziplinärer Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) zwischen 3 500 und 4 000 Fachkräfte für Intensivpflege. Dass jetzt Oppositionelle diesen Mangel beklagen und auf vermeintlich Verantwortliche zeigen, hilft nicht. Wie hieß es vor der Pandemie: Man kann das Personal nicht kurzfristig „backen“. Hat hier nicht, wenn schon, die verantwortliche Gemeinschaft mit versagt?

Beispiel Influenzaimpfung: Schon im Sommer hat – nicht nur – das Bundesgesundheitsministerium dazu aufgerufen, sich als immunisierungsfördernde Maßnahme gegen Grippe impfen zu lassen. Die Zahl der für die Saison vorgehaltenen Impfdosen wurde gegenüber früheren Jahren immens aufgestockt. Jetzt wird Knappheit moniert – und nach Schuldigen gesucht. Eine Analyse, die jetzt anläuft, lässt vermuten, dass noch viel Impfstoff da ist, aber die Vertriebs- und Lagerungslogistik dem höheren Bedarf angepasst werden muss. Dass jetzt die Niedergelassenen in ihren Praxen die Vorhalte für die Risikopatienten steuern, also andere hintenanstellen müssen und dafür noch beschimpft werden, ist ein trauriges Detail dieser Angelegenheit.

Stichwort Teststrategie: Dieser Staat kann sicherlich Berge an Tests vorhalten, aber keine Labore aus dem Boden stampfen, die kurzfristig die analytische Arbeit stemmen können. Schuldfrage? Erübrigt sich. Viele Beispiele dieser Art sind möglich.

Der Diplom-Epidemiologe Klaus Stör, ehemals Leiter des Global-Influenza-Programms und SARS-Forschungskoordinator der WHO, hat gegenüber „Die Welt“ geäußert, es fehle angesichts dieses „Naturereignisses“ die Langzeitstrategie. Die Pandemie sei erst vorbei, wenn „alle infiziert oder geimpft“ sind. Die Suche nach Schuldigen bringt uns dabei nicht voran.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

Kommentare

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NeumannBerlin
am Montag, 30. November 2020, 18:19

Alternative Querdenker Fakten

Herr Scheuerle ist scheinbar Mitglied bei den Antroposophen, zumindest gindet man das bei Google.Grundsätzlich habe ich nichts gegen diese, ich war selbst eine kurze Zeit auf einer Waldorfschule. Dort hatte ich einen Erdkundelehrer, der behauptet hat, man könne nicht nachweisen, dass die Erde keine Scheibe wäre. Genauso weltfremd empfinde ich die Aussagen von Herrn Scheuerle. Es handelt sich um ein hochansteckendes Virus, was wir in vielen Beispielen gesehen haben, angefangen bei Webasto bis zu Tönnies. PCR Tests sind medizinisch etabliert und haben keine hohen Fehlerraten, sie weisen die Viruslast nach und wenn diese bei Corona hoch ist, dann ist man ansteckend. Eine Verharmlosung ist fehl am Platz und gibt Querdenkern nur unnötig Futter. In Telegram Gruppen wird nun bereits auf einen „Fachartikel im Ärzteblatt“ verwiesen und PCR Tests infrage gestellt. Ich hätte mir gewünscht, dass diese Fachzeitschrift soetwas nicht abdruckt.

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