ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2020Universitäten: Allgemeinmedizin etabliert sich

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Universitäten: Allgemeinmedizin etabliert sich

Beerheide, Rebecca; Richter-Kuhlmann, Eva

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Sie gehören zu den neuen Sternen am akademischen Himmel: Abteilungen oder Institute für Allgemeinmedizin gibt es mittlerweile an nahezu allen medizinischen Fakultäten in Deutschland. Mit dem Innovationsfonds haben sich auch die Forschungsmöglichkeiten deutlich verbessert.

Foto: anttoniart/stock.adobe.com
Foto: anttoniart/stock.adobe.com

Die Allgemeinmedizin befindet sich auf Erfolgskurs. Sie wird an den medizinischen Fakultäten nicht mehr als „Stiefkind der Medizin“ belächelt und auch ein „Newcomer“ ist sie mittlerweile nicht mehr: Derzeit gibt es einer Übersicht der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM) zufolge an nahezu allen medizinischen Fakultäten in Deutschland vollständige Abteilungen oder Institute für Allgemeinmedizin. Aktuell laufen weitere Berufungsverfahren in Aachen, Augsburg, Bielefeld, Essen, Göttingen, Heidelberg, Mannheim, Münster und Köln. Schlusslichter dieser Entwicklung sind derzeit noch Gießen und Regensburg (Grafik). In Gießen bestehe der Plan, am Fachbereich Medizin ein Institut für Hausärztliche Medizin und Primärärztliche Versorgung einzurichten und auch eine W3-Professur für Allgemeinmedizin auszuschreiben. „Als Zeitraum zur Vorbereitung sind zwei bis vier Jahre vorgesehen“, teilte die Universität auf Anfrage des Deutschen Ärzteblattes mit. Diese Pläne seien im November 2018 auch der DEGAM mitgeteilt worden, hier „mittelfristig“ eine eigene Professur am Fachbereich Medizin zu verankern, hieß es. Auch in Regensburg befindet man sich „aktuell in konkreten Planungen zur Gründung eines vollwertigen Instituts für Allgemeinmedizin“, hieß es auf Anfrage. Derzeit laufen die Gespräche, damit Finanzierung und Ausstattung eines neuen Institutes an der Universität Regensburg geklärt werden können. Das Institut selbst soll in den Räumlichkeiten des Universitätsklinikums angesiedelt werden, erklärte die Uni.

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Abteilungen/Institute für Allgemeinmedizin 2020
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Abteilungen/Institute für Allgemeinmedizin 2020

Das Resümee der DEGAM ist positiv: In den vergangenen Jahren habe sich das Image der Allgemeinmedizin bereits nachhaltig gewandelt, sagt Prof. Dr. med. Martin Scherer, Präsident der DEGAM, dem Deutschen Ärzteblatt. Insgesamt habe sich die Allgemeinmedizin an den meisten Fakultäten als ein akademisches Fach etabliert. Dies gelte sowohl für die Lehre als auch mittlerweile für die Forschung (siehe Kurzinterview).

„Aber bei aller Zunahme von allgemeinmedizinischen Lehrstühlen müssen wir auch darauf achten, diese adäquat besetzen zu können“, erklärt Scherer. „Das ist eine große Aufgabe für die wissenschaftliche Allgemeinmedizin“, so der Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin und Leiter der klinischen Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Generell ist er aber zuversichtlich, dass Maßnahmen wie das verpflichtende ambulante Quartal im Praktischen Jahr (PJ) und eine Prüfung im Fach Allgemeinmedizin den Nachwuchs sichern können.

Diese grundlegende Einschätzung deckt sich mit den Erfahrungen von Prof. Dr. med. Antje Bergmann. Die Lehrstuhlinhaberin für Allgemeinmedizin an der Medizinischen Fakultät der Technischen Universität Dresden und Sektionssprecherin „Studium und Hochschule“ der DEGAM ist mit dem Auf- und Ausbau des Faches Allgemeinmedizin an den medizinischen Fakultäten zufrieden. Innovative Lehrkonzepte zur Vermittlung von Fertigkeiten, neue Prüfungskonzepte und die longitudinale Verankerung des Fachs in den Curricula hätten dazu geführt, dass die allgemeinmedizinische Lehre an vielen Fakultäten und nicht nur in den Modellstudiengängen zunehmend fest etabliert ist. „Der Entwurf zur Änderung der Ärztlichen Approbationsordnung (ÄApprO) sieht ebenfalls eine Stärkung der Allgemeinmedizin vor und ist ein weiterer wichtiger Schritt“, sagt sie dem Deutschen Ärzteblatt.

Zudem könnten allerorten weitere Lehrpraxen gewonnen und auf die zukünftigen Herausforderungen vorbereitet werden. So würden beispielsweise in den speziellen Didaktikschulungen Hausärztinnen und Hausärzte, die aktiv in der Lehre tätig sein wollen, in enger Kooperation mit der Gesellschaft der Hochschullehrer für Allgemeinmedizin Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie theoretisches Wissen vermittelt. „Damit steht das Fach Allgemeinmedizin den kommenden Veränderungen einer neuen ÄApprO gut vorbereitet gegenüber“, betont Bergmann.

Aktuell musste die allgemeinmedizinische Lehre an den Fakultäten – wie die anderen medizinischen Fächern auch – durch die Coronapandemie starke Einschränkungen hinnehmen. Die Präsenzlehre ist deutlich reduziert – gerade in den Fächern, die ein hohes Maß an Kommunikation verlangen, ein deutlicher Einschnitt. „Wir haben uns innerhalb kürzester Zeit in alternative Unterrichtsformate eingearbeitet, um über Videokonferenzen und Chats Kontakt zu den Studierenden halten zu können“, berichtet Dr. med. Maren Ehrhardt vom Institut für Allgemeinmedizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, stellvertretende Sektionssprecherin „Studium und Hochschule“ der DEGAM, dem Deutschen Ärzteblatt.

Größere Lücken in der Lehre sollen so vermieden werden: Fälle könnten interaktiv in webbasierten Fallszenarien bearbeitet werden und auch die Prüfungen könnten größtenteils stattfinden. „Es ist bisher nicht zu Verzögerungen im Studienverlauf oder beim Studienabschluss gekommen“, konstatiert Ehrhardt. „In Hamburg waren wir beispielsweise bislang durchgehend in der Lage, das Blockpraktikum Allgemeinmedizin dank der großartigen Kooperationsbereitschaft der niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen auch in dieser extrem schwierigen Situation anzubieten.“ Auch Praktika und die Ausbildung der Studierenden im Praktischen Jahr in den Praxen seien fortgesetzt worden.

Doch nicht nur die Lehre spielt eine Rolle bei der Etablierung der Allgemeinmedizin in der akademischen Welt der Universitäten. Optimierungsbedarf gab (und gibt) es teilweise bezüglich der Ausstattung der Lehrstühle und bei der Intensivierung von Forschungsaktivitäten, auch wenn es auch da – zum Teil aufgrund der Politik – ebenfalls bereits Fortschritte gibt. „Mit dem Innovationsfonds haben sich die Forschungsmöglichkeiten deutlich verbessert, da sehr praxisnahe Projekte und viele Themen mit Bezug zur Primärversorgung gefördert werden“, erläutert Prof. Dr. med. Stefanie Joos, Ärztliche Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin und interprofessionelle Versorgung an der Universität Tübingen und Sprecherin der Sektion „Forschung“ der DEGAM.

Das Interesse an praxisnaher Versorgungsforschung in der Primärversorgung, an innovativen Versorgungsformen und an interprofessionellen Ansätzen, das das Bun­des­for­schungs­minis­terium (BMBF) und die Landesministerien zeigten, sei zu begrüßen und sollte weiter verstärkt werden. „Forschungspraxen-Förderung durch das BMBF ist ein wichtiger Baustein für den Aufbau nachhaltiger Forschungsstrukturen in der Primärversorgung“, betont Joos.

Hier müssten jedoch nach ihrer Ansicht einerseits weitere Ausschreibungen folgen, um diese auch am Leben zu halten. Andererseits bedürfe es in der Allgemeinmedizin einer geförderten Vernetzung mit den Forschungsstrukturen des stationären Bereichs, um in der Forschung eine sektorenübergreifende Struktur zu ermöglichen.

Nach Ansicht von Prof. Dr. med. Ildikó Gágyor, Lehrstuhlinhaberin für Allgemeinmedizin an der Universität Würzburg und stellvertretende Sektionssprecherin „Forschung“ der DEGAM, fehlen jedoch immer noch gezielte Nachwuchsprogramme, um auch für die Allgemeinmedizin wissenschaftlichen Nachwuchs zu gewinnen. Der Bedarf wäre da, wie der Blick nach Würzburg zeigt: „Wir dürfen uns beispielsweise über eine seit zwei Jahren stetige Zunahme unserer Forschungsaktivität freuen“, erklärt sie. „Es gibt neben dem Bayerischen Forschungspraxennetz (BayFoNet), das von Würzburg aus koordiniert wird, eine zunehmende Zahl an drittmittelgeförderten Projekten, die Kooperationen innerhalb der Fakultät, zwischen den Bayerischen Instituten für Allgemeinmedizin, bundesweit und international ermöglichen“, berichtet sie.

„Wir sind durch Gremienarbeit, gemeinsame Forschungsprojekte und interdisziplinäre Lehre an der Fakultät gut sichtbar.“ Ildikó Gágyor, Anne Simmenroth. Foto: Daniel Peter
„Wir sind durch Gremienarbeit, gemeinsame Forschungsprojekte und interdisziplinäre Lehre an der Fakultät gut sichtbar.“ Ildikó Gágyor, Anne Simmenroth. Foto: Daniel Peter

Gágyor bildet seit Januar 2018 gemeinsam mit Prof. Dr. med. Anne Simmenroth an der Medizinischen Fakultät der Universität Würzburg eine weibliche Doppelspitze. Die beiden befreundeten Ärztinnen bauten den ordentlichen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin bewusst zusammen auf, um mit diesem Modell zu zeigen, dass Lehrstühle in Zukunft (auch in anderen Fächern) geteilt werden können (Das Deutsche Ärzteblatt berichtete.).

Doch hat sich das Modell der Doppelspitze bewährt? Die beiden Ärztinnen und Hochschullehrerinnen sind nach wie vor davon überzeugt. „Das Modell ist aus unserer Sicht sehr erfolgreich, wir konnten ein großes und vielfältiges Team aufbauen und haben sehr erfolgreich Drittmittel eingeworben“, berichtet Simmenroth dem Deutschen Ärzteblatt. Zudem sei die Präsenz in der Lehre erheblich gewachsen. „Wir sind in der Gremienarbeit, durch gemeinsame Forschungsprojekte und interdisziplinäre Lehre in der Fakultät gut sichtbar“, meint sie. Auch die Vernetzung mit den ärztlichen Kollegen vor Ort funktioniere gut. So hätten sie in Würzburg auch interdisziplinäre Vorlesungen gemeinsam mit der Gynäkologie (zum Thema „Bauchschmerzen“) und der Rechtsmedizin („Häusliche Gewalt“) eingeführt.

Auch die Vernetzung im ambulanten Bereich funktioniert: Lehrpraxen stehen in Würzburg ausreichend zur Verfügung. 85 sind es derzeit. Zudem konnte Simmenroth neue Inhalte im Bereich Prävention in die Lehre integrieren, beispielsweise die Beratung von Patienten mit Nikotinkonsum oder riskantem Alkoholkonsum oder die Beratung von Patienten mit kardiovaskulärem Risiko) und schon vorhandene Inhalte ausbauen, wie das Erheben einer Anamnese mit Simulationspatienten, das Überbringen schwerer Nachrichten und die Vermittlung von Gesprächskompetenzen. Auch der fallbezogene Unterricht für PJler wurde komplett überarbeitet.

Während der Pandemie im Sommersemester 2020 war die Lehre komplett auf Onlineformate umgestellt. „Wir haben uns viel Mühe gegeben, die Studierenden auf verschiedenen Ebenen zu fordern, beispielsweise durch das Schreiben von Reflexionen nach dem Lesen von Artikeln oder durch Filmen bei Beratungsgesprächen, die zu Hause mit Angehörigen oder Freunden geführt wurden. Von den Mitarbeitern unseres Institutes wurden diese dann angeschaut und einzeln schriftlich kommentiert.“ Auch das Blockpraktikum Allgemeinmedizin konnte in Würzburg während der Pandemie ungekürzt stattfinden. „Das haben unsere großartigen Lehrpraxen ermöglicht“, lobt Simmenroth.

Auch wenn abermals den Studierenden ein digitales Semester bevorsteht: Mit dem jetzt startenden Wintersemester 2020/2021 setzt die Uni Würzburg dank des großen Engagements der Lehrpraxen trotzdem das Programm „Beste Landpartie Allgemeinmedizin (BeLA) des Bayerischen Ge­sund­heits­mi­nis­teriums um, mit dem Medizinstudierende bereits früh im Studium mit einer späteren allgemeinmedizinischen Tätigkeit im ländlichen Raum in Kontakt gebracht werden.

Seit Februar 2019 ist Prof. Dr. med. Jutta Bleidorn Direktorin am Institut für Allgemeinmedizin des Uniklinikums Jena. Die Wahrnehmung der Allgemeinmedizin an der Medizinischen Fakultät ist „insgesamt sehr gut“, erklärt Bleidorn. Auch in der Forschung werde die Allgemeinmedizin nun wahrgenommen, ein Schwerpunkt, der Bleidorn sehr wichtig ist: „Auch mit den anderen Instituten und Kliniken bin ich schnell ins Gespräch gekommen, gerade mit meiner Forschung zum Einsatz von Antibiotika, ein Thema, das gut in den infektiologischen Schwerpunkt des Uniklinikums Jena passt.“ Sie wirbt dafür, dass Forschung und Lehre sowie die ambulante Versorgung besser verknüpft werden. „Wir brauchen ein Verständnis für die Primärmedizin auch im Forschungsbereich und müssen hier mehr in gemeinsamen Projekten arbeiten.“ Nur über das gegenseitige Verständnis für die einzelnen Versorgungssettings lässt sich intersektorale patientenrelevante Forschung realisieren.

„Wir brauchen ein Verständnis für die Primärmedizin auch im Forschungsbereich und müssen hier mehr in gemeinsamen Projekten arbeiten.“ Jutta Bleidorn. Foto: privat
„Wir brauchen ein Verständnis für die Primärmedizin auch im Forschungsbereich und müssen hier mehr in gemeinsamen Projekten arbeiten.“ Jutta Bleidorn. Foto: privat

Die Studierenden in Jena können sich für den zweiten Abschnitt des Studiums für eine der drei „Neigungslinien“ – Klinisch-orientierte Medizin (KOM), Forschungsorientierte Medizin (FOM) und Ambulant orientierte Medizin (AOM) – entscheiden. Dabei wählen knapp 30 Prozent in die Studienlinie AOM. Für die Hospitationstage in diesem Bereich gibt es nicht nur hausärztlich tätige Praxen, sondern auch Hospitationen bei HNO-Ärzten, Gynäkologen, Pädiatern oder Augenärzten. In den Modulen werden dabei neben den Besonderheiten der ambulanten ärztlichen Tätigkeit auch einige Unterrichtseinheiten für die Themen Koordination der Patientenversorgung, der Langzeitversorgung oder auch die rechtlichen wie unternehmerischen Tätigkeiten verwendet. „Mit diesen Linien wird den Studierenden ein hervorragendes Schwerpunktformat geboten. Dadurch, dass die AOM über die Allgemeinmedizin hinaus den Einblick in andere ambulante Fachdisziplinen bietet, wird ein breites Spektrum ambulanter Tätigkeit zugänglich“, so Bleidorn.

Eine weitere Besonderheit in der Weiterbildung Allgemeinmedizin in Jena: Neben dem von der KV-geführten Kompetenzzentrum bietet das Uniklinikum Jena ein am Institut verankertes strukturiertes Rotationsprogramm Allgemeinmedizin „Weiterbildung und mehr“. Auf Initiative von Prof. Dr. med. Jochen Gensichen entstanden, bietet es zusätzlich zu klinischen Grundlagen in einem sechsmonatigen Weiterbildungsabschnitt am Institut den Erwerb von Kompetenzen in allgemeinmedizinischer Forschung und Lehre. Dabei werde das Interesse über die Patientenversorgung hinaus gefördert. „Die hoch engagierten Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung sind die zukünftigen Bindeglieder zwischen hausärztlicher Praxis, Forschung und Lehre.“

Die Erfolge des Programms lassen sich sehen: Absolventen des Rotationsprogramms sind inzwischen entweder selbst in der akademischen Allgemeinmedizin oder haben sich niedergelassen und fördern so die Kooperation zwischen Uni und Hausarztpraxis.

Für die Zukunft sieht Bleidorn große Herausforderungen auf die Universitäten zukommen: Durch die absehbare Veränderung der Approbationsordnung mit einem Pflichtquartal Allgemeinmedizin im PJ und mehr Blockpraktika in der Hausarztpraxis werden weit mehr Lehrpraxen benötigt wie bisher. Jena hat derzeit 250 Praxen im Netzwerk, aber vermutlich werden künftig mindestens zwei bis dreimal so viele Praxen gebraucht. Das bringt Herausforderungen, aber auch Chancen mit sich: So muss ein Konzept zur Gewinnung und Qualifizierung von Lehrpraxen vorbereitet werden, die Kosten für die Ausbildung der Studierenden ebenso wie die Unterkunft und Fahrtkosten für Famulaturen in ländlichen Gebieten geregelt werden.

Dennoch: „Viele unserer Lehrpraxen sehen die Ausbildung Studierender als Win-win-Situation: Auch wenn es Zeit und Engagement kostet, so bringen Studierende ‚frisches‘ Wissen mit, bieten Anlass, die eigene Tätigkeit zu reflektieren. Auch die Vernetzung im Netz der Lehrpraxen ist ein Pluspunkt“, sagt Bleidorn.

Lohnenswert ist zudem ein Blick nach Bochum und nach Ostwestfalen-Lippe (OWL). Vor einigen Jahren – konkret zum Wintersemester 2016/2017 – wurde die Lehre der Medizinischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum (RUB), die sowieso an einem dezentralen Universitätsklinikum stattfindet, zusätzlich nach Ostwestfalen-Lippe ausgeweitet. Die Zielsetzung des ursprünglichen Auftrags des Landtags Nordrhein-Westfalen war die Schaffung von zusätzlichen Studienplätzen im klinischen Studienabschnitt. Ein Fokus lag dort insbesondere auf der Allgemeinmedizin. Ziel war und ist es, dem Landärztemangel in OWL mit dem erhofften „Klebeeffekt“ entgegenzuwirken.

„Die Allgemeinmedizin braucht von Beginn an engagierte Menschen für Lehre, Forschung und Verwaltung vor Ort.“ Horst Christian Vollmar. Foto: privat
„Die Allgemeinmedizin braucht von Beginn an engagierte Menschen für Lehre, Forschung und Verwaltung vor Ort.“ Horst Christian Vollmar. Foto: privat

Mit der Allgemeinmedizin kommen die Medizinstudierenden der RUB deshalb bereits in den ersten drei Semestern in Berührung: „Die Grundlagen der Patient-Arzt-Kommunikation werden von erfahrenen Kolleginnen und Kollegen aus dem primärärztlichen Bereich mit Blick auf die psychosoziale Situation des Patienten von Anfang an unterrichtet“, erklärt Prof. Dr. med. Horst Christian Vollmar, Leiter der Abteilung Allgemeinmedizin der RUB, dem Deutschen Ärzteblatt. Dies stelle den Beginn eines longitudinalen Stranges zur Ärztlichen Interaktion dar, der sich dann durch das gesamte Studium zöge. „Allgemeinmedizin aus einem Guss – so lautet unser Motto“, sagt er.

Nach dem 6. Semester erfolgt an der RUB die Teilung des Studienganges: 60 der 250 Studierenden eines Jahrgangs wechseln nach Ostwestfalen-Lippe und an die dort beteiligten Krankenhäuser in Minden, Herford, Bad Oeynhausen und Lübbecke. „Bisweilen wird die Allgemeinmedizin für den Standortwechsel verantwortlich gemacht und auch in den Kliniken wird zuweilen das Bild kolportiert, dass ja sowieso alle Studierenden in OWL Landärzte würden“, berichtet Vollmar. Um Verstimmungen zu vermeiden, sei deshalb ein frühzeitiger Dialog sinnvoll.

Wichtig ist dem Hochschullehrer zufolge gute Kommunikation aber auch für den Aufbau der Netzwerke, gerade in der Allgemeinmedizin: „Die Allgemeinmedizin braucht von Beginn an engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für Lehre, Forschung und Verwaltung vor Ort, die sich den Aufbau des neuen Standortes auf die Fahne schreiben“, betont Vollmar. Die Hausärzteschaft der Region sollte frühzeitig informiert und für eine Mitarbeit als Lehrpraxis für die unterschiedlichen Ausbildungsstufen gewonnen werden. Nur so könne ein tragfähiges lokales Lehrpraxennetz aufgebaut werden. „Entscheidend sind die Menschen vor Ort für die Errichtung einer Dependance“, ist Vollmar überzeugt.

Zu diesen Menschen gehört beispielsweise Dr. med. Beate Lubbe, Hausärztin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung Allgemeinmedizin der RUB. „Ich liebe es, für die Hausarztmedizin auf dem Lande zu werben“, sagt sie. Das Engagement und die Mitarbeit ihrer hausärztlichen Kollegen in OWL seien hervorragend und eine stetige Motivation, Wissen vor Ort weiterzugeben.“ Der Transfer des Bochumer Modells nach Ostwestfalen-Lippe zeige, dass ländliche Regionen in der Allgemeinmedizin nicht hinter städtischer Versorgung zurückstünden.

Die Kommunikation untereinander, insbesondere auch zwischen verschiedenen Standorten, hält Dr. med. Barbara Woestmann, Lehrkoordinatorin der Abteilung Allgemeinmedizin der RUB, ausschlaggebend für den Erfolg. „Die aktuell durch die Pandemie erfolgte digitale Kommunikation hat unsere Standorte noch besser zusammenwachsen lassen“, berichtet sie. Mehr als 80 Lehrpraxen gestalteten die allgemeinmedizinische Ausbildung in OWL mit, 24 Lehrbeauftragte engagierten sich in der allgemeinmedizinischen Lehre zusätzlich zu drei hauptamtlichen ärztlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Teilzeit.

Stolz ist auch RUB-Studiendekan Prof. Dr. med. Thorsten Schäfer: „Der Export unseres Lehrkonzeptes in dem Raum OWL kann als voller Erfolg gewertet werden“, erklärt er. Jedes Jahr entschieden sich mehr Studierende, auch ihr PJ in OWL zu absolvieren.

Das Zentrum für Allgemeinmedizin und Geriatrie wurde in Mainz im Dezember 2015 mit einer eigenen Professur gegründet. Zuvor wurde das Fach von einem Lehrbereich vertreten. Das Zentrum wird von Prof. Dr. med. Michael Jansky geleitet. Zusätzlich ist er in seiner allgemeinmedizinischen Praxis in Böhl-Iggelheim tätig.

„Wenn ein gutes Team zusammengestellt ist, geht die Entwicklung auch in der allgemeinmedizinischen Forschung voran.“ Foto: Universitätsmedizin Mainz
„Wenn ein gutes Team zusammengestellt ist, geht die Entwicklung auch in der allgemeinmedizinischen Forschung voran.“ Foto: Universitätsmedizin Mainz

Das Ansehen der Allgemeinmedizin ist in den vergangenen Jahren bei Studierenden wie Hochschulkollegen deutlich gestiegen. Während früher durchschnittlich drei Studierende als PJ-Wahlfach die Allgemeinmedizin wählten, sind es im kommenden Semester 23 Studierende. Die Universität Mainz hat knapp 200 Lehrpraxen, die sich im Rahmen des Blockpraktikums und des PJ Zeit für Studierende nehmen. „Wir haben viele Anfragen aus der Vertragsärzteschaft.“ Viele seien dabei auch auf der Suche nach einer Praxisnachfolge. „Bei solchen Anfragen warnen wir davor, nicht zu spät mit der Suche zu beginnen und sich rechtzeitig um erste Kontakte zu bemühen.“ Wenn die neue Approbationsordnung mit Allgemeinmedizin als Pflichtprüfungsfach kommt, wird die Nachfrage nach PJ-Plätzen wahrscheinlich steigen. Jansky rechnet dann mit über 100 Studierenden.

Seine Abteilung will er in den kommenden Jahren als Bindeglied zwischen universitärer Forschung und niedergelassener Allgemeinmedizin aufstellen. Schwerpunkte der Forschungstätigkeit sind momentan die Versorgung demenzkranker Patienten und digitale Entwicklungen. „Welche der Gesundheits-Apps wünschen sich Ärzte für die Versorgung ihrer Patienten? Zusätzlich machen wir Wartezimmerbefragungen, um zu erfahren, was sich Patienten von einer digitaleren Versorgung erhoffen.“ Die Befragung Angehöriger von Demenzpatienten gehört auch zum Forschungsportfolio. In Kooperation mit Experten aus der Gerontropsychiatrie wird an einem Innovationsfondsprojekt mitgearbeitet, bei dem eine hausarztbasierte Demenzversorgung mit Einsatz von Pflegekräften in einer Koordinatorenrolle erprobt wird.

Auch die Zahl der Publikationen der Abteilung ist deutlich gestiegen: Von neun Veröffentlichungen in 2018 auf bereits 24 in diesem Jahr. „Wenn einmal ein gutes und harmonisierendes Team zusammengestellt ist, geht die Entwicklung auch im Bereich der allgemeinmedizinischen Forschung deutlich voran.“ In der Abteilung sind derzeit drei wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angestellt.

Mit der Pandemie hat sich auch Mainz auf die Onlinelehre konzentriert. „Wir mussten schnell ein digitales Semester implementieren.“ Theoretische Inhalte konnten per Lerneinheiten mit Videounterstützung vermittelt werden. „Wir müssen sehen, wie wir die Erfahrungen in die zukünftige Lehre einfließen lassen, sodass wir theoretische Inhalte als Onlinelerneinheiten vermitteln und so mehr Zeit für die praktischen Inhalte im Kleingruppenunterricht gewinnen.“

Foto: privat
Foto: privat

3 Fragen an . . .

Prof. Dr. med. Martin Scherer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM)

Wie zufrieden sind Sie mit der akademischen Präsenz, die die Allgemeinmedizin erreicht hat?

Unser Fach hat in den vergangenen zehn Jahren einen enormen Sprung gemacht und die Präsenz an den Universitäten ist kontinuierlich gestiegen. Viele neue Lehrstühle konnten durch Allgemeinmediziner besetzt werden. Natürlich gibt es nach wie vor ein Steigerungspotenzial, das auch sehr standortspezifisch ist. Aber bei aller Zunahme von allgemeinmedizinischen Lehrstühlen müssen wir auch darauf achten, diese adäquat besetzen zu können. Das ist eine große Aufgabe für die wissenschaftliche Allgemeinmedizin.

Erhalten Sie ausreichend politische Unterstützung – auch auf Landesebene?

Als wissenschaftliche Fachgesellschaft kümmern wir uns vorwiegend um die Inhalte und machen Vorschläge anhand der vorliegenden Evidenz. Wir werben nicht um politische Unterstützung, machen aber auf Missstände aufmerksam. Ich habe das Gefühl, dass die hausärztliche Versorgung auf der politischen Ebene längst angekommen ist und intelligente Zukunftslösungen eine große Rolle spielen – man denke nur an den Masterplan Medizinstudium 2020 und die darin an vielen Stellen formulierte, notwendige Stärkung der Allgemeinmedizin. Und auch auf Länderebene spüre ich durchaus den Willen, einem sich abzeichnenden Mangel an hausärztlicher Versorgung entgegenzuwirken.

Liefert die allgemeinmedizinische Forschung bereits Ergebnisse, die Benefit für die tägliche Arbeit bringen?

Auf jeden Fall. Zum Beispiel die ganzen DEGAM-Leitlinien, die auf den Ergebnissen allgemeinmedizinscher Forschung fußen. Sie sind fester Bestandteil der täglichen hausärztlichen Arbeit. Es ist auch nicht so, als würde allgemeinmedizinische Forschung erst seit gestern betrieben. Die Versorgungsforschung beispielsweise ist ein etablierter Teil der Gesundheitssystemforschung, der maßgeblich von der Allgemeinmedizin geprägt wird.

Rebecca Beerheide,
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Abteilungen/Institute für Allgemeinmedizin 2020
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