ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2020COVID-Philosophie: Wenn Überleben Pflicht wird ...

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COVID-Philosophie: Wenn Überleben Pflicht wird ...

Sünkel, Henning

Zum „Schwerpunkt COVID-19“ in DÄ 43/2020
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… Im Jahr 2020 kommen mit der Maskenpflicht, der Kontaktverfolgung, erratischen Schulschließungen, einer medizinischen Nachweispflicht vor der Urlaubsreise, der Aussicht auf eine Zwangsimpfung und der ständig latent mitschwingenden Angst vor dieser Infektionserkrankung so viele verkomplizierende Faktoren hinzu, dass das zivilisierte Leben für den einzelnen Menschen kaum mehr erträglich erscheint. Die Antworten des Menschen auf diese Probleme lauten offensichtlich: Resilienter werden! Mehr Psychiater! Effizienter werden! Milliardenschwere Hilfspakete auf Pump! … Schneller, höher, weiter – das ist nicht die Lösung der Coronakrise. …

Wenn wir uns an den März zurückerinnern, dann war der Schutz der Gesundheitssysteme das schlagende Argument für die Verschärfung der öffentlichen Maßnahmen. Pumpen wir also endlich Millionen in unser Gesundheitssystem, anstatt hinterher Milliarden in die Wirtschaft pumpen zu müssen! Das ist die politische Lehre aus dem Coronajahr 2020. …

Die zweite Erkenntnis aus der Coronakrise sollte sein, dass wir endlich eine ehrliche Debatte über das Sterben führen müssen. … Statt Infektions- und Sterbezahlen sachlich einzuordnen, wird seit März ein hochmoralischer Feldzug geführt. … Online-Medien beschwören eine unbedingte Pflicht herauf, jedes Leben pauschal retten und verlängern zu müssen. Millionen alten und schwer kranken Menschen sowie ihren Angehörigen wurde damit eingeredet, dass sie im Falle ihres bevorstehenden Ablebens zunächst noch einen Beatmungsplatz auf einer Intensivstation in Anspruch nehmen müssten. … Die Erfahrung aus der Praxis zeigt aber doch: Wenn man aus Verzweiflung oder falsch verstandenem Pflichtgefühl auf der einen Seite (Patienten, Angehörige) bzw. aus ökonomischem Zwang und Zeitmangel auf der anderen Seite (Ärzte) eine von Anfang an meist aussichtslose Intensivtherapie beginnt – das ist so ungefähr das schlimmste und würdeloseste, was einem alten, schwer kranken Menschen passieren kann.

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„Lebensqualität vor Lebensverlängerung“ ist ein Credo der modernen Palliativmedizin. Sollten wir Menschen also nicht lieber versuchen, das Leben zu verbessern, anstatt den Tod zu besiegen?

Die großen Fragen der Coronakrise sind keine virologischen oder epidemiologischen Fragen. Es sind philosophische und ethische Fragen. Wie wir leben wollen. Und ob wir in Würde sterben wollen. Diese Fragen beantworten wir nicht im Elfenbeinturm. Ärzte aus der Praxis sollten in dieser Debatte zu Wort kommen.

Dr. med. Henning Sünkel, 25746 Heide

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