ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2020Herz und Psyche: Einsamkeit ist deutlich mit kardiovaskulären Ereignissen assoziiert

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Herz und Psyche: Einsamkeit ist deutlich mit kardiovaskulären Ereignissen assoziiert

Gerste, Ronald D.

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Foto: highwaystarz/stock.adobe.com
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Einsamkeit lässt sich als ein subjektives Empfinden beschreiben: einer Diskrepanz zwischen den gewünschten und den vorhandenen sozialen Beziehungen; zu diesem Gefühl kann beitragen, wenn die bestehenden Kontakte nicht die gewünschte Qualität haben.

Während der Coronapandemie werden direkte Kontakte reduziert (Social Distancing). Für Menschen, die sich schon unter „normalen Umständen“ einsam fühlen, kann eine physische Distanz zu anderen das Gefühl der Einsamkeit und damit den Leidensdruck verstärken.

Ein Team vom University College London hat die gesundheitlichen Folgen von Einsamkeitsempfindungen untersucht. Die Autoren haben Informationen aus der English Longitudinal Study of Ageing, bei der alle 2 Jahre eine Selbsteinschätzung der individuellen Situation älterer Menschen erfolgt (ergänzt durch den Besuch eines Mitarbeiters des Gesundheitswesens alle 4 Jahre), mit Daten aus dem Admitted-Patient-Care-Register des britischen National Health Service verlinkt wurden. Ziel war es zu prüfen, ob es möglicherweise eine Assoziation zwischen Einsamkeit und sozialer Isolation mit kardiovaskulären Erkrankungen (CVD) gibt. Zur Quantifizierung der Einsamkeit wurde die Likert-Skala herangezogen, die von 3 bis 9 reicht und ein mit steigendem Wert zunehmendes Einsamkeitsgefühl beschreibt.

Erfasst wurden 5 850 Personen ohne kardiovaskuläre Erkrankung bei Baseline, bei 4 279 von ihnen lagen Überschneidungen mit parallel ausgewerteten Daten zur stationären Aufnahme in einem Krankenhaus vor. Die Patienten waren im Durchschnitt 64 Jahre alt und zu 45 % männlich. Die mittlere Nachbeobachtungszeit betrug 9,6 Jahre. In diesem Zeitraum hatten 17 % der Teilnehmer eine selbstberichtete CVD und 16 % wurden wegen einer CVD stationär aufgenommen.

Die Auswertung ergab, dass Einsamkeit unabhängig von potentiellen Stör- und Risikofaktoren deutlich mit kardiovaskulären Erkrankungen assoziiert ist. Der Anstieg um 1 Punkt auf der Einsamkeitsskala ging mit einer Erhöhung des Risikos einer CVD um 5 % einher ([95-%-Konfidenzintervall] [1,01; 1,09]). Das Risiko war für Menschen mit dem höchsten Scorewert um 30 % höher als für jene mit einem Wert von 3.

Das Risiko einer Klinikaufnahme wegen einer kardiovaskulären Erkrankung stieg mit jedem höheren Punkt auf dieser Skala um 8 % an [1,03; 1,14]. Menschen mit dem höchsten Einsamkeitsscorewert hatten somit eine um 48 % größere Wahrscheinlichkeit, wegen einer CVD stationär aufgenommen zu werden, als jene mit dem niedrigsten Wert.

Fazit: „Die Studie zeigt sehr eindrucksvoll, dass Isolation und Einsamkeit mit einer erhöhten Häufigkeit kardiovaskulärer Erkrankungen verbunden sind“, erläutert Prof. Dr. med. Hans-Joachim Trappe, Direktor der Medizinischen Klinik II (Kardiologie und Angiologie) am Marien Hospital Herne/Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum. „Menschen jeden Alters sollten deshalb, auch in den schwierigen ‚Coronazeiten‘, versuchen, soziale Kontakte zu pflegen, sich zu beschäftigen und mit anderen Menschen zu kommunizieren.“

Dr. med. Ronald D. Gerste

Bu F, Zaninotto P, Fancourt D: Longitudinal associations between loneliness, social isolation and cardiovascular events. Heart 2020; 106: 1394–9.

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