ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2020Intensivpflege: Drohende Personalausfälle
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Während sich die Intensivstationen des Landes wieder mit schwerkranken COVID-19-Patienten füllen, zeichnet eine Umfrage unter Intensivmedizinern und -pflegern ein beunruhigendes Bild: Viele der Betten werden wegen zu erwartender Unterbesetzungen auf den Stationen nicht zu betreiben sein.

Foto: picture alliance/dpa/Fabian Strauch
Foto: picture alliance/dpa/Fabian Strauch

Seit April müssen deutsche Krankenhäuser ihre freien und betreibbaren Intensivbetten täglich an das Register der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung der Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) melden. Als betreibbar gilt ein Intensivbett, wenn pflegerisches und ärztliches Fachpersonal vorhanden ist, um die darin liegenden Intensivpatienten zu versorgen. Eine Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) legt nun allerdings nahe, dass der Personalmangel in der Intensivpflege im Verlauf der kommenden Monate zunehmen wird und dadurch deutlich weniger Intensivbetten betrieben werden können, als im DIVI-Register ausgewiesen sind.

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An der Online-Umfrage beteiligten sich 1 098 Mitglieder der DGIIN, davon 72 Prozent Pflegekräfte und 25 Prozent Ärzte. 64 Prozent der Befragten haben eine Berufserfahrung von mehr als zehn Jahren. Von den Teilnehmenden arbeiten 50 Prozent bei einem Maximalversorger, 23 Prozent bei einem Schwerpunktversorger und 25 Prozent bei einem Grund- und Regelversorger. Diese Untersuchung stellt ein aktuelles Stimmungsbild in der Intensivmedizin dar und erhebt nicht den Anspruch einer wissenschaftlichen Studie.

Der Ausblick in die Zukunft ist unter den Mitarbeitern der Intensivstationen eher pessimistisch. Fast alle Befragten befürchten eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und zweifeln daran, dass es ausreichend Intensivpflegende für die etwa 30 000 im DIVI-Intensivregister gemeldeten Intensivbetten gibt. Es ist zudem zu befürchten, dass in einigen Regionen auch ein Ärztemangel in der Intensivmedizin besteht und analog zur Intensivpflege fachfremdes Personal ad hoc geschult und eingesetzt werden muss. Lediglich ein Viertel der Teilnehmenden berichtet über Pläne zur Aufstockung des Pflegepersonals im Krisenfall, wobei nur 16 Prozent der angelernten Kräfte ausreichend eingearbeitet sind. Dies lässt darauf schließen, dass eine qualitativ hochwertige und vor allem sichere intensivpflegerische Versorgung im Ernstfall nicht flächendeckend gewährleistet werden kann.

Schlechter Betreuungsschlüssel

Der Betreuungsschlüssel von Pflegefachpersonen zu Patienten liegt derzeit in der Tagschicht bei einer Pflegekraft zu 2,7 Patienten. Damit ist er bereits jetzt schlechter als der von der DGIIN empfohlene Schlüssel von 1:2, obwohl bisher noch keine COVID-19-bedingte Überlastung in der Intensivmedizin stattgefunden hat. Dies ist insbesondere in Anbetracht der Schwere der COVID-19-Erkrankung und dem damit verbundenen hohen pflegerischen Versorgungsaufwand kein guter Ausgangswert, da davon auszugehen ist, dass die Zahl der COVID-19-Patienten deutlich steigen wird und einzelne Intensivstationen überlastet sein werden.

Arbeitsbedingungen in der Intensivmedizin
Tabelle 1
Arbeitsbedingungen in der Intensivmedizin

48 Prozent der Befragten berichten über eine Verringerung der Motivation im Vergleich zur ersten Pandemiewelle. Insbesondere besteht bei den meisten Befragten eine Frustration angesichts der Entwicklungen um die Auszahlung der in der ersten Pandemiewelle angekündigten Coronaprämie für Pflegekräfte im Krankenhaus. Trotz der vielen Maßnahmen im Frühjahr dieses Jahres empfinden die Befragten so gut wie keine gesteigerte Wertschätzung ihres Berufes durch die Pandemie, was sicher im Widerspruch zur Wahrnehmung in der Bevölkerung steht. Bei über 80 Prozent der Befragten steht eine ausreichende persönliche Schutzausrüstung für sieben Tage zur Verfügung. Deren Qualität wird jedoch in der Hälfte der Fälle nicht den Anforderungen gerecht, die vor der Pandemie vorgesehen waren.

Ein Aspekt bei der Entwicklung der Personalsituation ist die Kinderbetreuung, die einen erheblichen Einfluss auf den Ausfall insbesondere der Intensivpflegenden hat. 36 Prozent der Umfrageteilnehmer haben betreuungspflichtige Kinder. Mehrheitlich wird angegeben, dass die Belastung in der Kinderbetreuung in den letzten Monaten deutlich zugenommen hat. In 72 Prozent der Fälle muss das Kind aus der Kita oder aus der Schule genommen werden, wenn Husten oder Schnupfen als Symptome vorliegen. Das ist besonders bemerkenswert, da diese Regelung zwischen den Bundesländern unterschiedlich gehandhabt wird. Dadurch entstehen gewichtige Kollateralschäden der Corona-Schutzverordnungen im Bereich der Intensivmedizin, denn die bereits bestehende personelle Unterversorgung wird zusätzlich verschärft. Bei alternativen Betreuungsmöglichkeiten besteht die Angst, die Kinder zu den Großeltern zu geben, die als vulnerable Gruppe gelten und nicht einer möglichen Infektion mit SARS-CoV-2 ausgesetzt werden sollen. Darüber hinaus wird fast keine alternative Betreuungsmöglichkeit durch den Arbeitgeber bereitgestellt. Eine fehlende Eingewöhnungszeit gerade bei sehr jungen Kindern bleibt unabhängig von allen Lösungsansätzen ein immanentes Problem. Viele rechnen daher mit einem zusätzlichen Personalausfall durch die Betreuungssituation der Kinder. Bedenklich erscheint, dass fast die Hälfte der Befragungsteilnehmer Ressentiments aus der Gesellschaft bemerken, da sie beruflich Kontakt mit COVID-19-Patienten haben.

Kinderbetreuung
Tabelle 2
Kinderbetreuung

Zweiter Rettungsschirm

Die Lage in den Intensivstationen ist bereits jetzt angespannt. Deshalb ist eine Überlastungssituation zu befürchten, wenn kein Personal aus anderen Bereichen rekrutiert und zur Unterstützung auf den Intensivstationen eingesetzt wird. Da dies unweigerlich mit einer Einschränkung elektiver Leistungen einhergeht, brauchen die Krankenhäuser dringend einen zweiten Rettungsschirm zur Kompensation der finanziellen Ausfälle und zur Finanzierung von Fremdarbeit und notwendigen Personalschulungen.

Zusammenfassend zeigt sich durch die Umfrage ein eher düsteres Bild für die kommenden Monate. Denn es ist, aggraviert durch die Corona-Schutzverordnungen, mit erheblichen Personalausfällen in der Intensivmedizin zu rechnen. Vor diesem Hintergrund muss alles darangesetzt werden, dass das Intensivpersonal, und zwar sowohl Pflegefachpersonen als auch Ärzte, maximal unterstützt wird.

Prof. Dr. med. Christian Karagiannidis, Carsten Hermes,
Tobias Ochmann,
Prof. Dr. med. Stefan Kluge,
Thomas van den Hooven,
Prof. Dr. med. Uwe Janssens

Arbeitsbedingungen in der Intensivmedizin
Tabelle 1
Arbeitsbedingungen in der Intensivmedizin
Kinderbetreuung
Tabelle 2
Kinderbetreuung

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