ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2020Notwendigkeit geschlossener Reposition dorsal dislozierter instabiler distaler Radiusfrakturen vor einer Operation
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Hintergrund: Dorsal dislozierte distale Radiusfrakturen werden in der Regel vor Anlage des Gipses geschlossen reponiert. Es gibt Hinweise darauf, dass die Reposition weder vor konservativer noch vor operativer Behandlung Vorteile bringt. Bislang ist nicht untersucht, wie schmerzhaft die präoperative Gipsbehandlung abhängig von einer zuvor durchgeführten Reposition ist.

Methode: Prospektiv randomisiert wurden 22 Patienten nach reponierter Radiusfraktur mit 25 Patienten, bei denen die Radiusfraktur ohne Reposition behandelt wurde, verglichen. Primärer Endpunkt war die Differenz zwischen dem Schmerzniveau (bestimmt mit der visuellen Analogskala) an Tag 1 nach der Behandlung und dem initialen Schmerzniveau bei Vorstellung. Zu den sekundären Endpunkten zählten das klinisch-radiologische Ergebnis und die Erfassung eventueller Schädigungen des Nervus medianus. Zudem wurden Krimmer-Score (Kraft, Beweglichkeit, Schmerz, Funktionalität des Handgelenks) und DASH-Score (Disability of the Arm, Shoulder and Hand) nach 3 und 12 Monaten erhoben. Die Studie ist unter folgender Nummer registriert: DRKS00010570.

Ergebnisse: Bezüglich des primären Endpunktes an Tag 1 nach Behandlung ergab sich eine statistisch signifikante Nichtunterlegenheit der Gruppe ohne Reposition gegenüber der Gruppe mit Reposition. Sensibilitätsstörungen traten nach vier bis sechs Wochen in beiden Gruppen mit ähnlicher Häufigkeit auf (9,5 % mit Reposition, 9,1 % ohne Reposition). Krimmer- und DASH-Score bei Patienten ohne reponierte Fraktur (96 und 7) waren denen bei Patienten mit Reposition (96,5, und 4,5) nach einem Jahr (p = 0,004, beziehungsweise p = 0,008) nicht unterlegen.

Schlussfolgerung: Die Studie zeigt, dass ein Unterlassen der geschlossenen Reposition vor Gipsanlage bei geplanter Operation keine Nachteile bringt. Eine grundsätzliche Durchführung der Reposition ist daher aus Sicht der Autoren nicht zu empfehlen.

LNSLNS

Die distale Radiusfraktur zählt zu den häufigsten Knochenbrüchen beim Menschen. Dabei ist das Lebenszeitrisiko bei Frauen (15 %) osteoporosebedingt höher als bei Männern (2 %) (1). In den letzten Jahren werden die distalen Radiusfrakturen zunehmend operativ behandelt (Kasten 1) (2), auch wenn Studien keinen Vorteil gegenüber der konservativen Behandlung zeigen konnten (3, 4). Instabile Extensionsfrakturen werden meist mittels winkelstabiler palmarer Plattenosteosynthese versorgt (5), da bei diesen Knochenbrüchen die durch die Reposition gewonnene anatomiegerechte Stellung wieder verloren geht. Obwohl bei Instabilität folglich eine Operation geplant wird, ist es üblich, die Fraktur initial zu reponieren, bevor zur Schmerzlinderung ein Gips angelegt wird (6). Dies soll die knöcherne Impaktion vermindern und die vermehrte Spannung der Weichteile, insbesondere auch des Nervus medianus, verringern. Selbst wenn die Frakturmorphologie eine operative Behandlung nahelegt, sollen dadurch bei etwaigen Hinderungsgründen gegen eine Operation bessere Ausgangsbedingungen für eine konservative Behandlung geschaffen werden (7).

Übliches Behandlungsprozedere bei instabiler dislozierter Radiusfraktur
Kasten 1
Übliches Behandlungsprozedere bei instabiler dislozierter Radiusfraktur

Tatsächlich zeigten aber prospektive Studien teils signifikant schlechtere klinische und radiologische Ergebnisse, wenn die Frakturen vor Gipsanlage reponiert wurden (8, 9). Dabei ist bis zur knöchernen Heilung meist mit einem vollständigen Verlust der zuvor reponierten, verbesserten Stellung zu rechnen (10).

Für operativ behandelte Frakturen zeigte eine retrospektive Studie an 1 511 Patienten zudem keine negativen Auswirkungen auf das klinische oder radiologische Ergebnis, wenn in der Initialbehandlung die Reposition unterlassen wurde (6).

Zwar vermindert das Reponieren die Impaktion der Fraktur zunächst. Mit anhaltender Korrektur der Dislokation ist aber nicht zu rechnen, sodass man auch mutmaßen kann, dass die Reposition die relativ stabile Impaktion wieder in eine schmerzhafte instabile Situation überführt. In einer Vorgängerstudie fand sich nach Reposition trotz Gipsruhigstellung noch ein mittleres Schmerzniveau von immerhin 4 auf der visuellen Analogskala (VAS) (11).

Bislang ist das Ausmaß des Schmerzes während der Gipsbehandlung abhängig von einer zuvor durchgeführten Reposition noch nicht untersucht. Ziel dieser monozentrischen randomisierten Studie war es daher zu prüfen, ob es sich nachteilig auf die Schmerzhaftigkeit in der Zeit bis zur Operation auswirkt, wenn das geschlossene Reponieren vor Anlage des Gipses unterlassen wird. Ein weiteres Studienziel bestand darin zu klären, ob die länger andauernde Dislokation zu einem häufigeren Auftreten einer Medianussymptomatik oder zu schlechteren klinisch-radiologischen Ergebnissen führt.

Methoden

Primäres Studienziel

Die Studie analysierte im Sinne der Nichtunterlegenheit, ob das Unterlassen der Reposition instabiler distaler Radiusfrakturen vor Anlage des Gipses zu stärkeren Schmerzen in der Zeit bis zur Operation führt. Das Ausmaß der Schmerzen wurde vom Patienten selbst anhand der VAS (von 0 = keine Schmerzen bis 10 = unerträgliche Schmerzen) eingeschätzt und auf einem Fragebogen zu folgenden Zeitpunkten dokumentiert:

  • vor Beginn der ärztlichen Behandlung
  • während der Reposition
  • während der Gipsanlage
  • am Abend nach der Initialbehandlung
  • an jedem folgenden Tag nach Initialbehandlung bis einschließlich des Operationstages.

Primärer Endpunkt war die Differenz der Schmerzen am ersten Tag nach der Reposition verglichen mit den initialen Schmerzen. Dabei wurde ein Unterschied zwischen den beiden Gruppen auf der Skala von mindestens 1 als relevant erachtet.

Sekundäre Studienziele

Als Nebenkriterien sollten nachteilige Folgen für Patienten durch Unterlassen der Reposition untersucht werden. Dies betrifft einerseits einen etwaigen Traktionsschaden des N. medianus durch die Dislokation des Radius mit erwarteter Hypästhesie im Versorgungsgebiet des Nervs. Um dies zu erfassen, wurden die Patienten vier Wochen postoperativ zu Kribbelmissempfinden und Sensibilitätsminderungen befragt. Als weiteres Kriterium hierfür wurden die subjektiven Angaben der Patienten zu Kribbelmissempfinden auf dem „Disability of the Arm, Shoulder and Hand“-(DASH)-Fragebogen nach 3 und 12 Monaten herangezogen (Frage 26 des Fragebogens: „Kribbeln [Nadelstiche] in Schulter, Arm und Hand“; 1 = keine, 5 = extrem).

Weitere Nebenkriterien waren das funktionelle Ergebnis der Behandlung zu den Nachuntersuchungen 4 Wochen sowie 3 und 12 Monate postoperativ. Als rein subjektives Messinstrument für die Funktion der Hand und der oberen Extremität wurde der aus 30 Fragen bestehende DASH-Bogen herangezogen. Die Skala umfasst einen Bereich von 0 bis 100, wobei niedrigere Werte einem besseren Ergebnis entsprechen (12). Als gemischt subjektiv-objektives Messinstrument wurde der Krimmer-Score angewandt. Dieser beinhaltet Fragen nach Schmerzen, Funktion in Beruf und Alltag, Kraft (im Seitenvergleich) und Beweglichkeit (in Extension/Flexion, Ulnarduktion/Radialduktion und Pronation/Supination) des Handgelenks (13). Auch dieser umfasst eine Skala von 0 bis 100, wobei niedrigere Werte ein schlechteres Ergebnis bedeuten. Für beide Scores wurde ein Unterschied von 10 als relevant erachtet.

Studiendesign

Es handelte sich um eine prospektiv randomisierte Studie an einem regionalen Traumazentrum. Das Studienprotokoll wurde von der zuständigen Ethikkommission (Vorlage-Nummer 300/15) genehmigt und im Deutschen Register Klinischer Studien (DRKS) unter der Nummer DRKS00010570 registriert. Für alle Patienten lag eine informierte Zustimmung vor. Es wurden Patienten im Zeitraum vom 16. 06. 2016 bis 31. 03. 2018 akquiriert.

Ein- und Ausschlusskriterien

In die Studie eingeschlossen wurden erwachsene Männer und Frauen mit instabiler distaler Radiusfraktur, die sich primär in der Klinik vorstellten (Kasten 2). Geeignete Patienten wurden über die Hintergründe und den Ablauf aufgeklärt und bei Zustimmung in die Studie aufgenommen. Danach erfolgte die Zuteilung zu einer der beiden Gruppen, indem ein vorsortierter verschlossener Umschlag geöffnet wurde. Dieser beinhaltete neben der Gruppenzugehörigkeit Informationen zum genauen Ablauf der weiteren Behandlung. Die Reihenfolge der Gruppenzugehörigkeiten war zu Beginn der Studie zufällig und in 1:1-Blockrandomisierung festgelegt worden.

Ein- und Ausschlusskriterien der Studie
Kasten 2
Ein- und Ausschlusskriterien der Studie

Interventionen

Gruppe 1 – Gipsanlage mit vorheriger geschlossener Reposition der Fraktur

Die Frakturen der Patienten dieser Gruppe wurden nach 15-minütigem Aushang unter axialer Traktion unter Durchleuchtungskontrolle sowie unter intravenöser Analgosedierung mittels Midazolam und Ketanest geschlossen reponiert. Anschließend wurde noch im Aushang ein zirkulärer, längs gespaltener Unterarmgips angelegt.

Gruppe 2 – Gipsanlage ohne vorherige geschlossene Reposition der Fraktur

Die Patienten dieser Gruppe erhielten ohne vorherige Reposition einen zirkulären, längs gespaltenen Unterarmgips. Bei Bedarf wurde dabei eine intravenöse Analgesie mit Novaminsulfon oder Paracetamol verabreicht.

Gruppe 1 und 2

Nach Gipsanlage erfolgte eine radiologische Kontrolle der Frakturstellung im Gips. Die Patienten erhielten einen Schmerzbogen, auf dem sie das Niveau der Schmerzen der bisherigen Behandlung, sowie an jedem Tag bis zum Operationstag einschätzen sollten. Als Bedarfsmedikation bis zur Operation erhielten die Patienten beider Gruppen Ibuprofen und Novaminsulfon rezeptiert. Die Planung der chirurgischen Eingriffe erfolgte je nach Verfügbarkeit von Operationssaal-Kapazitäten. Die Eingriffe selbst wurden in standardisierter Technik durchgeführt (15). Über einen palmaren Zugang wurden die Frakturen offen reponiert und mittels winkelstabiler Platte stabilisiert. Dem Operateur wurde die Entscheidung zwischen den beiden verfügbaren Plattensystemen freigestellt. Die Patienten erhielten für die Dauer von in der Regel zwei Wochen eine palmare Unterarmgipsschiene. Bei Vorliegen weicher Knochenverhältnisse oder Begleitverletzungen konnte die Gipsbehandlung individuell auf vier Wochen verlängert werden. Im Anschluss an die Gipsbehandlung wurde Physiotherapie verordnet.

Nachuntersuchungen

Vier bis fünf Wochen postoperativ wurden die Patienten von einem unabhängigen Unfallchirurgen klinisch und radiologisch untersucht, dem die Gruppenzugehörigkeit der Patienten unbekannt war. Zu diesem Zeitpunkt wurde den Patienten gestattet, die Belastung des Armes schmerzadaptiert zu steigern. Weitere Physiotherapie wurde bei Bedarf verordnet.

Jeweils 3 und 12 Monate postoperativ wurden die Patienten erneut klinisch untersucht. Die Beweglichkeit wurde mit einem Goniometer, die grobe Griffkraft mit einem Jamardynamometer auf Stufe 3 gemessen. Aus den gemessenen Werten und den subjektiven Angaben des Patienten wurde der Handgelenkscore nach Krimmer ermittelt. Zudem wurden die Patienten gebeten, den DASH-Fragebogen auszufüllen. Bei der abschließenden Untersuchung nach 12 Monaten wurde auch eine abschließende radiologische Untersuchung des Handgelenks in zwei Ebenen durchgeführt. Beurteilt wurde jeweils die palmare und die ulnare Inklination der Radiuskonsole, sowie der Ulnaüberstand in der Technik nach Gelberman et al. (16). Die Plattenprominenz wurde nach Soong et al. beurteilt (17).

Biostatistik

Die Fallzahlberechnung erfolgte mittels der Software PASS, Version 13 und einem t-Test auf Nichtunterlegenheit anhand der Daten einer Pilotstudie (11). Demnach sollten je Gruppe 19 Patienten untersucht werden (eKasten). Zur Prüfung der Mittelwertgleichheit wurden die Mittelwertdifferenzen mit dem 95-%-Konfidenzintervall (KI) verwendet, wobei entsprechend des Studienprotokolls zunächst die Differenzen der Schmerzniveaus während der Gipsbehandlung in Relation zu dem Niveau vor Beginn der Behandlung herangezogen wurden. Hiermit sollte der schmerzlindernde Effekt der Gipsruhigstellung untersucht werden. Als relevante Nichtunterlegenheitsgrenze wurde hierfür ein Wert von 1 auf der jeweiligen Skala angenommen, entsprechend einer sonst üblichen Äquivalenzgrenze von 10 %. Für den Vergleich der absoluten Schmerzniveaus wurde die in der Übersichtsarbeit von Schomacher (18) empfohlene Grenze von 2 als relevant gewertet. Für die Parameter der klinisch-radiologischen Untersuchung zeigte sich in der grafischen Darstellung eine schiefe Verteilung, weshalb der Mann-Whitney-U-Test verwendet wurde. Angegeben wurden entsprechend Mediane und Interquartilsabstände (IQA). Zur Nichtunterlegenheitsprüfung des Krimmer- und DASH-Scores wurde in der einseitigen U-Test-Statistik die Nichtunterlegenheitsgrenze von 10 festgelegt. Entsprechend dem „intention to treat“-Prinzip wurden auch Daten sekundär aus der Studie ausgeschiedener Patienten in die Analyse einbezogen.

Ergebnisse

Das Studienprofil ist entsprechend der „consolidated standards for reporting trials“ (CONSORT) in der Grafik dargestellt. Tabelle 1 zeigt die Patientendaten, die in beiden Gruppen vergleichbar waren.

CONSORT-Flussdiagramm der Studie zur Rekrutierung, Randomisierung und Nachuntersuchung der Teilnehmer
Grafik
CONSORT-Flussdiagramm der Studie zur Rekrutierung, Randomisierung und Nachuntersuchung der Teilnehmer
Gruppenvergleich der Patientendaten*1
Tabelle 1
Gruppenvergleich der Patientendaten*1

Komplikationen

Ein Repositionsverlust mit Durchwandern der Schrauben nach intraartikulär bei einer 85-jährigen Patientin aus der Repositions-Gruppe und ein Repositionsverlust durch Versagen der winkelstabilen Verankerung mit palmarer Plattenprominenz bei einem 53 Jahre alten Patienten aus der Nichtrepositions-Gruppe erforderten jeweils ein frühzeitiges Entfernen der Platten. Ein Patient je Gruppe beklagte Beschwerden eines posttraumatisch verstärkten Karpaltunnelsyndroms, sodass deren Platten entfernt und eine gleichzeitige Karpaldachspaltung vorgenommen wurde. Infekte oder sonstige Komplikationen wie auch ein komplexes regionales Schmerzsyndrom traten nicht auf. Bei zehn Patienten aus der Repositions-Gruppe und bei zwölf Patienten aus der Nichtrepositions-Gruppe wurde die Platte bis oder nach der Abschlussuntersuchung entfernt.

Schmerzhaftigkeit der präoperativen Behandlung

Die 22 Patienten der Repositions-Gruppe empfanden ihre Schmerzen vor Beginn der Behandlung (4,73 ± 2,76 [Mittelwert ± Standardabweichung]) schwächer als die 25 Patienten der Nichtrepositions-Gruppe (5,84 ± 2,75) (Tabelle 2). Nach der Analgosedierung gaben diese Patienten noch mittlere Schmerzen von 1,50 ± 2,54 während des Repositionsmanövers und von 1,14 ± 1,94 während der Gipsanlage an. In der Nichtrepositions-Gruppe wurde meist auf eine Analgosedierung verzichtet, weshalb während der Gipsanlage noch Schmerzen von 4,24 ± 2,20 bestanden. Nachdem das initiale Schmerzniveau der Nichtrepositions-Gruppe höher war, fanden sich in dieser Gruppe auch zu allen Zeitpunkten nach der Gipsanlage bis zur Operation höhere mittlere Schmerzen als in der Repositions-Gruppe. An Tag 1 und 2 zeigte das Schmerzlevel ohne Reposition dennoch Nichtunterlegenheit zum Schmerzniveau mit Reposition, während für den Abend nach der Gipsanlage und die Tage 3 bis 5 die Gleichheit der Gruppen aufgrund der unterschiedlichen Ausgangswerte nicht bewiesen werden konnte. In Bezug auf den schmerzlindernden Effekt der Gipsbehandlung (Tabelle 2; unterer Teil; Differenz aus Schmerzen zum Zeitpunkt X und Schmerzen vor Beginn der Behandlung) fand sich an den Tagen 1 bis 3 ein leichter Vorteil ohne Reposition. An Tag 4 fand sich dagegen ein leichter Vorteil für die Repositions-Gruppe. Die Schmerzlinderung durch die Gipsbehandlung ohne Reposition zeigte an Tag 1 (primärer Endpunkt) mit −1,5 ± 3,0 signifikante Nichtunterlegenheit verglichen mit der Schmerzlinderung der Repositions-Gruppe mit −0,7 ± 2,5. Auch für Tag 2 ergab sich eine Nichtunterlegenheit, während die Gleichheit für die anderen Zeitpunkte nicht gezeigt werden konnte.

Vergleich der Schmerzintensitäten beider Behandlungsgruppen während des Behandlungsverlaufes
Tabelle 2
Vergleich der Schmerzintensitäten beider Behandlungsgruppen während des Behandlungsverlaufes

Nebenkriterium Sensibilitätsstörungen

In beiden Gruppen klagten vier Wochen nach Eingriff jeweils zwei Patienten über Sensibilitätsstörungen im Medianusversorgungsgebiet (Tabelle 3). Nach drei Monaten gaben 19 Patienten aus der Nichtrepositions-Gruppe und 17 Patienten aus der Repositions-Gruppe keine oder geringe Kribbelmissempfindungen an. Jeweils vier Patienten je Gruppe gaben mittlere, erhebliche oder extreme Missempfindungen an. Nach zwölf Monaten beklagten 22 Patienten aus der Nichtrepositions-Gruppe keine oder geringe und nur ein Patient mittlere Kribbelmissempfindungen, während 14 Patienten mit Reposition über keine oder geringe, aber vier Patienten über mittlere Kribbelmissempfindungen klagten.

Ergebnisse der Nachverfolgung bezüglich Sensibilitätsstörungen und Funktionalitätseinschränkungen im operierten Arm
Tabelle 3
Ergebnisse der Nachverfolgung bezüglich Sensibilitätsstörungen und Funktionalitätseinschränkungen im operierten Arm

Nebenkriterium klinisch-radiologisches Ergebnis

In der Repositions-Gruppe fand sich postoperativ eine um 3° bessere Aufrichtung der palmaren Inklination (p = 0,029) . Dagegen bestand in dieser Gruppe ein um 0,45 mm größerer Ulnaüberstand (p = 0,044) und eine nahezu gleiche ulnare Inklination der Radiuskonsole. Nach zwölf Monaten unterschied sich keiner der radiologischen Parameter zwischen den Gruppen (Tabelle 3). Die um 9° (p = 0,008) bessere Extension, die sich in der Repositions-Gruppe vier Wochen postoperativ zeigte, war bereits nach drei Monaten fast vollständig ausgeglichen. Die nach drei Monaten in dieser Gruppe um 13 Prozentpunkte bessere Kraft (p = 0,048), zeigte zur Abschlussuntersuchung keinen Unterschied mehr. Krimmer- und DASH-Score betrugen nach drei Monaten im Median 73 (95-%-KI: [62; 87]), beziehungsweise 18 (7; 35) ohne Reposition und 85 (73; 93,5), beziehungsweise 19 (6,5; 35) mit Reposition. Nach zwölf Monaten waren Krimmer-Score mit 96 (85; 100) und DASH-Score mit 7 (0; 22,25) ohne Reposition dem Krimmer-Score von 96,5 (84,5; 100) und DASH-Score von 4,5 (0,75; 31,25) mit Reposition nicht unterlegen (p = 0,004, beziehungsweise p = 0,008) (eGrafik).

Diskussion

In der vorliegenden Studie war das Schmerzempfinden während der präoperativen Gipsbehandlung unabhängig von einer vorherigen geschlossenen Reposition. Für Tag 1 (primärer Endpunkt) nach der Initialbehandlung konnte nicht nur signifikante Nichtunterlegenheit statistisch belegt werden, sondern es fand sich auch eine etwas effektivere Schmerzlinderung, wenn vor der Gipsanlage auf die Reposition verzichtet wurde. Auch für Tag 2 konnte dies gezeigt werden. Noch an Tag 3 fand sich ein leichter Vorteil in der Schmerzlinderung, wenn auf die Reposition verzichtet worden war. Da zu diesem Zeitpunkt aber bereits 14 der ursprünglich 47 in die Studie eingeschlossenen Patienten operiert waren, konnte die Nichtunterlegenheit nicht mehr statistisch belegt werden. Die Reposition selbst war unter Analgosedierung meist wenig schmerzhaft. Einzelne Patienten empfanden das Repositionsmanöver dennoch als extrem schmerzhaft (VAS von bis zu 10), sodass in Zukunft noch mehr auf einen konsequenten Einsatz einer effektiven Analgosedierung geachtet werden muss. Die mittleren Schmerzen von 1,50 während des Repositionsmanövers in dieser Studie verglichen mit denen der Vorgängerstudie von 7,47 (11) verdeutlichen, wie wichtig regelmäßige Qualitätskontrollen selbst standardisierter Abläufe in der Klinik sind. Vor diesem Hintergrund fällt auf, dass die Patienten beider Gruppen am Abend der Initialbehandlung kaum weniger Schmerzen hatten als vor Vorstellung in der Klinik. Da Schmerzlinderung eines der Hauptanliegen eines frisch Verletzten ist, muss bei der Erstversorgung der Patienten der Einsatz von Analgetika dringend verbessert werden.

Wurde nun auf eine Reposition vor Gipsanlage verzichtet, so fanden sich in der vorliegenden Studie keine nachteiligen Auswirkungen auf den N. medianus im Sinne eines Traktionsschadens, vorausgesetzt, dass es durch die Frakturdislokation nicht direkt zu einer Medianussymptomatik gekommen ist.

Analog zur umfangreichen retrospektiven Vorgängerstudie (6) zeigt die hier vorgestellte prospektive randomisierte Studie keinen Nachteil bei Unterlassen der Reposition vor Gipsanlage, wenn die Fraktur ohnehin einer operativen Behandlung zugeführt wird.

Schlussfolgerungen

Instabile distale Radiusfrakturen werden heute vorzugsweise operativ mittels winkelstabiler Plattenosteosynthese versorgt. Das Unterlassen der in der Initialbehandlung meist üblichen geschlossenen Reposition vor Anlage des Gipses birgt weder einen Nachteil im Hinblick auf die Schmerzlinderung während der präoperativen Gipsbehandlung, noch für das klinisch-radiologische Ausheilungsergebnis nach einem Jahr. Sofern initial keine Medianussymptomatik besteht, sollte die primäre geschlossene Reposition vor einer operativen Therapie nicht mehr grundsätzlich durchgeführt werden.

Data-sharing-Statement

Anonymisierte Daten, inklusive Metadaten, wie auch das Studienprotokoll können bis zehn Jahre nach Veröffentlichung vom Erstautor angefragt werden, wenn diese für weitere Analysen innerhalb größerer Kohorten relevant sein könnten.

Interessenkonflikt
PD Dr. Spies bekam Kongressgebühren- und Reisekostenerstattung sowie Vortragshonorare von der Firma Medartis AG, Basel, Schweiz.

Prof. Unglaub erhielt Kongressgebühren- und Reisekostenerstattung sowie Vortragshonorare von der Firma IBRA, Basel, Schweiz.

Die übrigen Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 24. 1. 2020, revidierte Fassung angenommen: 9. 6. 2020

Anschrift für die Verfasser
PD Dr. med. Steffen Löw
Praxis für Handchirurgie und Unfallchirurgie
Ledermarkt 8–10
97980 Bad Mergentheim
steffen_loew@hotmail.com

Zitierweise
Löw S, Papay M, Spies CK, Unglaub F, Eingartner C: The requirement for closed reduction of dorsally displaced unstable distal radius fractures before operative treatment—a randomized controlled study.
Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 783–9. DOI: 10.3238/arztebl.2020.0783

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

Zusatzmaterial
eKasten, eGrafik:
www.aerzteblatt.de/20m0783 oder über QR-Code

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Praxis für Handchirurgie und Unfallchirurgie, Bad Mergentheim: PD Dr. med. Steffen Löw
Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Caritas-Krankenhaus, Bad Mergentheim:
Marion Papay, Prof. Dr. med. Christoph Eingartner
Handchirurgie, Vulpiusklinik, Bad Rappenau: PD Dr. med. Christian Karl Spies,
Prof. Dr. med. Frank Unglaub
Medizinische Fakultät Mannheim: Prof. Dr. med. Frank Unglaub
CONSORT-Flussdiagramm der Studie zur Rekrutierung, Randomisierung und Nachuntersuchung der Teilnehmer
Grafik
CONSORT-Flussdiagramm der Studie zur Rekrutierung, Randomisierung und Nachuntersuchung der Teilnehmer
Übliches Behandlungsprozedere bei instabiler dislozierter Radiusfraktur
Kasten 1
Übliches Behandlungsprozedere bei instabiler dislozierter Radiusfraktur
Ein- und Ausschlusskriterien der Studie
Kasten 2
Ein- und Ausschlusskriterien der Studie
Gruppenvergleich der Patientendaten*1
Tabelle 1
Gruppenvergleich der Patientendaten*1
Vergleich der Schmerzintensitäten beider Behandlungsgruppen während des Behandlungsverlaufes
Tabelle 2
Vergleich der Schmerzintensitäten beider Behandlungsgruppen während des Behandlungsverlaufes
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