ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2020Symbolismus: Das Erwachen des Unbewussten in der Kunst

KULTUR

Symbolismus: Das Erwachen des Unbewussten in der Kunst

Franzen, Georg

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Die Alte Nationalgalerie Berlin zeigt in einer beispielhaft didaktisch angelegten Ausstellung zum Thema „Dekadenz und dunkle Träume“ bedeutsame Arbeiten des belgischen Symbolismus. Die Künstler des Symbolismus versuchten, die Tiefen der menschlichen Seele zu ergründen.

Abbildung 1: Fernand Khnopff, Die Zärtlichkeit der Sphinx (Des Caresses), 1896, Öl auf Leinwand, 50 x 150 cm. Musées Royaux des Beaux-Arts de Belgique, Brüssel
Abbildung 1: Fernand Khnopff, Die Zärtlichkeit der Sphinx (Des Caresses), 1896, Öl auf Leinwand, 50 x 150 cm. Musées Royaux des Beaux-Arts de Belgique, Brüssel

Fast zeitgleich mit den Entwicklungen und Strömungen der dynamischen Psychiatrie um Janet, Charcot, Freud und Jung versuchten die Künstler des Symbolismus, die Tiefen der menschlichen Seele zu ergründen. Der Symbolismus, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts aufkam, war eine künstlerische Bewegung, die sich gegen den mit der Industrialisierung verbundenen Rationalismus wandte. Brüssel gehörte damals zu den einflussreichen künstlerischen Metropolen in Europa. Besonders Malern wie Fernand Khnopff (Abbildung 1) verstanden es, das ausgehende 19. Jahrhundert „als Zeitalter des Übergangs und der Dekadenz“ seismografisch in ihren symbolischen Bildwelten zu erfassen. „Das Spezifikum des belgischen Symbolismus ist eine Vorliebe für eine morbide und dekadente Motivik. Angeregt durch die zeitgenössische Literatur, versuchten die Künstler um 1900 eine neue Mystik mit einem extravaganten und kostbaren Stil zu verbinden“. Erfasst wurden Themen im „Grenzbereich zwischen Traum und Realität, zwischen Unbewusstem und Bewussten. Aber auch das Unheimliche und Unfassbare fand Raum in Gestaltungen, die zugleich imaginativ anmuten (Abbildung 2).

Abbildung 2: Jean Delville, Die Liebe der Seelen (L’Amour des âmes), 1900, Öl und Tempera auf Leinwand, 238 x 150 cm, Foto: Vincent Everarts
Abbildung 2: Jean Delville, Die Liebe der Seelen (L’Amour des âmes), 1900, Öl und Tempera auf Leinwand, 238 x 150 cm, Foto: Vincent Everarts

Der Blick zurück in die Welt, die von geheimnisvollen Mächten beseelt war, wird um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zum Lebenselixier vieler Künstler, um der entzauberten Realität zu entfliehen. Dennoch kann die Kunst der Symbolisten nicht einfach als Weltflucht gedeutet werden, sondern in der gesamten künstlerischen Bewegung findet sich ein hohes Wandlungspotenzial, welches in der Auseinandersetzung und in den Identifikationen mit den mythologisch-schöpferischen Imaginationen seinen Ausdruck findet. Persönliche Erfahrungen und Botschaften des Unbewussten offenbaren sich in Symbolen. Die Kunst hat die große Gabe, uns diese symbolische Erfahrung zu vermitteln. Der Blick auf das Innere kennzeichnet den Symbolismus: Empfindungen, Träume, Gefühle, die individuelle Wahrnehmung der Welt beschäftigten die Künstler. Ihre geistige Existenz sollte im Kunstwerk auf eine allgemeingültige Weise dargestellt werden. Motive fanden die Symbolisten in Mythen, Märchen und Legenden, welche auf die Seelenzustände des Menschen und dessen unbewusstes Triebleben hindeuteten. Die Künstler des Symbolismus waren die ersten, welche subjektive Ebenen des Unbewussten in bildnerischen Symbolen thematisierten. Den Kern der symbolistischen Auffassungen formulierte der französische Schriftsteller und Kunstkritiker Gustave Kahn 1886, indem er sagte, den Symbolisten gehe es darum, „das Subjektive zu objektivieren statt das Objektive zu subjektivieren“. So finden auch das „Magische“ und „Okkulte“ eine Verortung in den symbolischen Bilderwerken und es darf auch mit Gegensätzlichkeiten gespielt werden, die bis an das Wahnhafte heranreichen (Abbildung 3). Gerade das scheint zugleich die künstlerische Freiheit. Die Bewegung korrespondiert in den Bildern wie auch der Symbolismus als gesamteuropäische Bewegung. Dies nachzuzeichnen ist der Nationalgalerie besonders gut gelungen, sodass in der Ausstellung auch Werke anderer bedeutender Symbolisten wie Arnold Böcklin, Johann Heinrich Füssli oder Franz von Stuck zu sehen sind. Hier sei besonders Böcklins „Die Toteninsel“ (Abbildung 4) als vollkommener Ausdruck eines „elegischen Lebensgefühls“ herausgestellt.

Abbildung 3: Fernand Khnopff, I lock my door upon myself, 1891, Öl auf Leinwand, 72,7 x 141,0 cm. bpk/Bayerische Staatsgemäldesammlungen
Abbildung 3: Fernand Khnopff, I lock my door upon myself, 1891, Öl auf Leinwand, 72,7 x 141,0 cm. bpk/Bayerische Staatsgemäldesammlungen
Abbildung 4: Arnold Böcklin, Die Toteninsel, 1883, Öl auf Holz, 80 x 150 cm, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie. Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie/Andres Kilger
Abbildung 4: Arnold Böcklin, Die Toteninsel, 1883, Öl auf Holz, 80 x 150 cm, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie. Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie/Andres Kilger

Sigmund Freuds Forschungen über die Traumdeutung und seine Trieblehre hinterließ ebenso Spuren in den künstlerischen Werken wie die Auseinandersetzung mit den Werken Nietzsches und Schopenhauers und der Musik von Wagner. In der nur subjektiv erlebbaren Musik fand die im Symbolismus angestrebte Evokation von Sinn durch freie Assoziation ihren unmittelbarsten Ausdruck. Aber auch bedeutende Komponisten wie zum Beispiel Sergei Rachmaninow ließen sich über das symbolische Erleben einzelner Kunstwerke zu großartigen Meisterwerken inspirieren, wie die an Arnold Böcklin angelehnte Komposition „Op.29-Die Toteninsel“. Hier finden wir zugleich eine Annäherung an den synästhetischen Ansatz in der Kunst, die dann auch von den Künstlerinnen und Künstlern späterer Generationen aufgegriffen und erweitert wurden. Prof. Dr. phil. Georg Franzen

Informationen zur Ausstellung

Die Ausstellung „Dekadenz und dunkle Träume – Der belgische Symbolismus“ ist bis zum 17. Januar in der Alten Nationalgalerie, Bodestraße 3, 10178 Berlin, zu sehen (https://belgischersymbolismusinberlin.de).

Begleitend zur Ausstellung ist im Hirmer Verlag ein Katalog erschienen mit dem Titel: Dekadenz und dunkle Träume. Der belgische Symbolismus, 320 Seiten, 220 Abbildungen in Farbe, Preis der Museumsausgabe: 32 Euro (regulär: 45 Euro).

Abbildung 1: Fernand Khnopff, Die Zärtlichkeit der Sphinx (Des Caresses), 1896, Öl auf Leinwand, 50 x 150 cm. Musées Royaux des Beaux-Arts de Belgique, Brüssel
Abbildung 1
Abbildung 1: Fernand Khnopff, Die Zärtlichkeit der Sphinx (Des Caresses), 1896, Öl auf Leinwand, 50 x 150 cm. Musées Royaux des Beaux-Arts de Belgique, Brüssel
Abbildung 2: Jean Delville, Die Liebe der Seelen (L’Amour des âmes), 1900, Öl und Tempera auf Leinwand, 238 x 150 cm, Foto: Vincent Everarts
Abbildung 2
Abbildung 2: Jean Delville, Die Liebe der Seelen (L’Amour des âmes), 1900, Öl und Tempera auf Leinwand, 238 x 150 cm, Foto: Vincent Everarts
Abbildung 3: Fernand Khnopff, I lock my door upon myself, 1891, Öl auf Leinwand, 72,7 x 141,0 cm. bpk/Bayerische Staatsgemäldesammlungen
Abbildung 3
Abbildung 3: Fernand Khnopff, I lock my door upon myself, 1891, Öl auf Leinwand, 72,7 x 141,0 cm. bpk/Bayerische Staatsgemäldesammlungen
Abbildung 4: Arnold Böcklin, Die Toteninsel, 1883, Öl auf Holz, 80 x 150 cm, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie. Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie/Andres Kilger
Abbildung 4
Abbildung 4: Arnold Böcklin, Die Toteninsel, 1883, Öl auf Holz, 80 x 150 cm, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie. Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie/Andres Kilger

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