ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2020Schwangerschaften und SARS-CoV-2-Infektionen in Deutschland – das CRONOS-Register
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Mit Beginn der COVID-19-Pandemie im März 2020 ließen die zumeist aus China stammenden Daten keine ausreichende Bewertung des Risikos einer SARS-CoV-2-Infektion für Schwangere und deren Neugeborene zu (1, 2). Um auf Grundlage von in Deutschland generierten Daten beraten und handeln zu können, hat das Forschungsnetzwerk der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin (DGPM) die „COVID-19 Related Obstetric and Neonatal Outcome Study“ (CRONOS) initiiert. Informationen zur Studie sind auf der Webseite www.dgpm-online.org und im Deutschen Register Klinischer Studien (DRKS00021208) erhältlich. Vor dem Hintergrund einer erneut steigenden Infektionszahl werden die ersten Erkenntnisse aus dem seit dem 03. 04. 2020 bestehenden Register präsentiert.

Methode

Alle deutschen Geburtskliniken wurden zur Teilnahme am CRONOS-Register eingeladen. Geburtshelferinnen/-helfer und Neonatologinnen/Neonatologen aus 121 deutschen Kliniken sowie der Uniklinik Linz (A) folgten dieser Einladung. Ein Ethikvotum besteht (UKSH Kiel, AZ: D 451/20). Mit der „cloud-based electronic data capture platform“ des Anbieters castoredc.com (Amsterdam, Niederlande) wurde eine studienspezifische elektronische Case-Report-Form erstellt. Eingeschlossen werden Frauen mit nachweislicher SARS-CoV-2-Infektion in der Schwangerschaft. Neben COVID-19-spezifischen Symptomen und Behandlungen werden schwangerschafts- und geburtsspezifische Ereignisse sowie das Outcome beim Neugeborenen erfasst. Die Daten werden durch die behandelnde Klinik eingegeben. Nach Aufklärung und Zustimmung der Patientinnen wird der weitere Verlauf der Schwangerschaft beziehungsweise des Wochenbetts und der Neonatalzeit prospektiv bis sechs Wochen post partum/natum beobachtet. Die hier präsentierten Daten wurden mit dem Stand am 01. 10. 2020 abgerufen. Die statistische Auswertung erfolgte deskriptiv mit Prism 8.3.0 (GraphPad Software, San Diego, USA).

Ergebnisse

98 der 122 Kliniken beteiligen sich aktiv am Register. Diese Kliniken betreuten im vorigen Jahr 185 787 und somit > 20 % der Geburten in Deutschland. Zwischen dem 03. 04. 2020 und dem 01. 10. 2020 wurden 247 Fälle von 65 Kliniken registriert. Die betroffenen Schwangeren waren in der Mehrzahl (71 %) jünger als 35 Jahre und hatten überwiegend (79 %) einen Body-Mass-Index (BMI) < 30 kg/m2. 38 % der Frauen befanden sich in ihrer ersten Schwangerschaft. Eine medizinische Vorerkrankung mit dauerhafter ärztlicher Behandlung (Medikamenteneinnahme) wurde bei 11,8 % der Schwangeren dokumentiert. Wichtige Parameter von Mutter und Kind zur SARS-CoV-2-Infektion und zum Outcome werden in der Tabelle dargestellt. 14 (5,6 %) Frauen wurden wegen COVID-19 intensivmedizinisch behandelt. Bei der Mehrzahl dieser Patientinnen lagen keine spezielle Risikofaktoren vor. Fünf Patientinnen waren entweder adipös, hatten hypertone Blutdruckwerte bei Klinikvorstellung, einen präexistenten Diabetes mellitus/Gestationsdiabetes oder die Kombination aus diesen Risikofaktoren. 10 der 14 Frauen infizierten sich im 3. Trimester. In 9 der 14 Fälle hat die SARS-CoV-2-Infektion die Entscheidung zur Beendigung der Schwangerschaft oder den Geburtsmodus beeinflusst. 205 Frauen sind zwischenzeitlich von SARS-COV-2 genesen, 185 haben entbunden. Eine positive SARS-CoV-2-PCR (PCR, Polymerasekettenreaktion) am ersten oder zweiten Lebenstag wurde bei 4 Neugeborenen (2,2 %) berichtet, die alle in die häusliche Umgebung entlassen wurden. Eine Follow-up-Abfrage nach der Neonatalzeit bei 56 Familien erbrachte keinen Fall einer neonatalen Neuinfektion.

Charakteristika und Outcome von Mutter und Kind bei SARS-CoV-2-Infektion
Tabelle
Charakteristika und Outcome von Mutter und Kind bei SARS-CoV-2-Infektion

Diskussion

Die Daten des CRONOS-Registers legen bei den untersuchten Schwangeren in Deutschland einen überwiegend günstigen Verlauf einer Infektion mit SARS-CoV-2 nahe. Die hohe Rate asymptomatischer Patientinnen im CRONOS-Register erklärt sich durch die Einführung flächendeckender Screenings in Krankenhäusern (3) und spiegelt sich im günstigen Outcome wider. Gleichwohl scheint in der untersuchten Gruppe die Rate einer zu frühen Geburt sowie die Rate der Kaiserschnittentbindung im Vergleich zum bundesdeutschen Durchschnitt vergangener Jahre leicht höher zu sein – jedoch geringer im Vergleich zu international publizierten Daten (4). Wenngleich kürzlich der Nachweis einer intrauterinen Transmission des Virus mit neuronaler Beteiligung beim Neugeborenen berichtet wurde (5), so scheint ein solches Ereignis sehr selten zu sein.

Einschränkend sei erwähnt, dass die tatsächliche Prävalenz unter Schwangeren in Deutschland aufgrund des kohortenbasierten Charakters des Registers aus den vorliegenden Daten nicht abgeleitet werden kann. Auch kann aufgrund der aktuell geringen Fallzahl in Bezug auf Risikofaktoren zu schweren maternalen Verläufen und neonatalen Infektionen noch keine abschließende Aussage getroffen werden. Bekannte Risikofaktoren wie Diabetes, Hypertonie und Adipositas sollten jedoch besonders bei Infektion im dritten Trimester zu Achtsamkeit veranlassen. Für die Beratung und Betreuung Schwangerer und deren Neugeborenen sind die CRONOS-Daten eine wichtige Information. Um möglichst alle SARS-CoV-2-positiven Schwangeren in der deutschen Population zu erfassen, sind weitere Kliniken zur Teilnahme eingeladen.

CRONOS-Netzwerk

Ulrich Pecks, Lars Mense, Bettina Kuschel, Peter Oppelt, Mario Rüdiger für das CRONOS-Netzwerk: Alexander Hein, Angela Lihs, Anja Leonhardt, Ann Christin Longardt, Antonella Iannaccone, Asimina Kartsiouni, Babett Ramsauer, Barbara Filsinger, Bastian Riebe, Carla Maier, Carsten Hagenbeck, Carsten Lehment, Cathleen Heinemann, Charlotte Rohlwink, Christian Schindlbeck, Christine Morfeld, Christoph Scholz, Claudia Lässer, Claudia Roll, Constantin von Kaisenberg, Corinna Keil, Cosmin Paul Sarac, Dietmar Schlembach, Edith Reuschel, Elisa Mendez Martorell, Elsa Hollatz-Galuschki, Franz Edler von Koch, Georgi Popivanov, Gunnar Schwennicke, Hendrik Veldink, Ines Erhardt, Ioannis Kyvernitakis, Iris Dressler-Steinbach, Irmgard Drost, Jacqueline Lammert, Janine Zöllkau, Jeannette Teeuwen-Mutter, Johannes Stubert, Katharina Weizsäcker, Katrina Kraft, Kerstin Regner, Kerstin Spranger, Lars Hellmeyer, Lisa Kaup, Loredana Delle Chiaie, Maike Manz, Marek Struck, Maria Delius, Markus Schmidt, Martin Berghäuser, Michael Abou-Dakn, Michael Bohlmann, Mirjam Kunze, Monika Palz-Fleige, Nadine Mand, Nadja Hirschfeld, Nina Axnick, Norman Doehring, Olaf Parchmann, Parnian Parvanta, Peter Jakubowski, Ralf Schild, Rolf Maier, Sabine Enengl, Sarah Malfertheiner, Sebastian Häusler, Silvia Lobmaier, Sönke Ebert, Sven Seeger, Tamina Rawnaq, Tamme Goecke, Tanja Groten, Tanja Ruebelmann, Thomas Kolben, Ulrich Henning, Ute Schäfer-Graf, Uwe Herwig, Vanessa Hepp, Verena Bossung, Vincent Winkler, Zoltan Takacs und Weitere.

Ulrich Pecks, Bettina Kuschel, Lars Mense, Peter Oppelt, Mario Rüdiger, CRONOS-Netzwerk

Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Campus Kiel, Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe, Kiel (Pecks), Ulrich.Pecks@uksh.de

Klinikum Rechts der Isar Technische Universität München, Sektion Geburtshilfe und Perinatologie, München (Kuschel)

Medizinische Fakultät der Technischen Universität Dresden, Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Fachbereich Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin, Dresden (Mense, Rüdiger)

Kepler Universitätsklinikum Linz, Universitätsklinik für Gynäkologie, Geburtshilfe & gyn. Endokrinologie, Linz, Österreich (Oppelt)

Zentrum für feto/neonatale Gesundheit an der Technischen Universität Dresden (Rüdiger)

Interessenkonflikt

Prof. Oppelt erhält Forschungsförderung in Bezug auf COVID-19 (Corona Grant, Johannes-Keppler-Universität, Linz).

Die übrigen Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 10. 8. 2020, revidierte Fassung angenommen: 12. 10. 2020

Zitierweise
Pecks U, Kuschel B, Mense L, Oppelt P, Rüdiger M, CRONOS-Netzwerk: Pregnancy and SARS CoV-2 infection in Germany—the CRONOS registry. Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 841–2. DOI: 10.3238/arztebl.2020.0841

Dieser Beitrag erschien online am 09. 11. 2020 (online first)

auf www.aerzteblatt.de

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Longardt AC, Winkler VP, Pecks U: SARS-CoV-2 and perinatal aspects. Z Geburtshilfe Neonatol 2020; 224: 181–6 CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.
Zöllkau J, Hagenbeck C, Hecher K, et al.: Aktualisierte Empfehlungen zu SARS-CoV-2/COVID-19 und Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Z Geburtshilfe Neonatol 2020; 224: 217–22 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.
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4.
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5.
Vivanti AJ, Vauloup-Fellous C, Prevot S, et al.: Transplacental transmission of SARS-CoV-2 infection. Nat Commun 2020; 11: 3572 CrossRef MEDLINE PubMed Central
Charakteristika und Outcome von Mutter und Kind bei SARS-CoV-2-Infektion
Tabelle
Charakteristika und Outcome von Mutter und Kind bei SARS-CoV-2-Infektion
1.Longardt AC, Winkler VP, Pecks U: SARS-CoV-2 and perinatal aspects. Z Geburtshilfe Neonatol 2020; 224: 181–6 CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.Zöllkau J, Hagenbeck C, Hecher K, et al.: Aktualisierte Empfehlungen zu SARS-CoV-2/COVID-19 und Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Z Geburtshilfe Neonatol 2020; 224: 217–22 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.Zöllkau J, Baier M, Scherag A, Schleußner E, Groten T: Period prevalence of SARS-CoV-2 in an unselected sample of pregnant women in Jena, Thuringia. Z Geburtshilfe Neonatol 2020; 224: 194–8 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.Knight M, Bunch K, Vousden N, et al.: Characteristics and outcomes of pregnant women admitted to hospital with confirmed SARS-CoV-2 infection in UK: national population based cohort study. BMJ 2020; 369: m2107 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.Vivanti AJ, Vauloup-Fellous C, Prevot S, et al.: Transplacental transmission of SARS-CoV-2 infection. Nat Commun 2020; 11: 3572 CrossRef MEDLINE PubMed Central

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