ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2020Vertragsärztliche Versorgung: Bürokratieaufwand gestiegen

POLITIK

Vertragsärztliche Versorgung: Bürokratieaufwand gestiegen

Haserück, André

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Der von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung erhobene Bürokratieindex in der vertragsärztlichen Versorgung ist um 1,30 Prozent auf 96,10 Punkte gestiegen. Damit werden im Jahr 2020 voraussichtlich rund 715 000 Stunden Bürokratieaufwand mehr anfallen als 2019.

Foto: smolaw11/stock.adobe.com
Foto: smolaw11/stock.adobe.com

Die Bürokratiekosten für die Praxen werden sich laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) im laufenden Jahr 2020 um knapp 31 Millionen Euro auf insgesamt etwa 2,44 Milliarden Euro erhöhen. Das geht aus Berechnungen des aktuellen Bürokratieindex (BIX) hervor, den die KBV Anfang November gemeinsam mit der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) zum fünften Mal vorstellte. Der BIX wird jährlich aktualisiert veröffentlicht und soll die öffentliche Diskussion um die bürokratische Belastung in Praxen regelmäßig mit empirischen Fakten begleiten.

Anzeige

„Unser erklärtes Ziel war und ist, den Bürokratieaufwand in den Praxen zu senken und so die niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten zu entlasten“, betonte Dr. rer. pol. Thomas Kriedel, Vorstandsmitglied der KBV. Mit dem diesbezüglich Erreichten könne man aber noch nicht zufrieden sein. „Gerade für junge Ärztinnen und Ärzte ist der hohe Bürokratieaufwand ein großes Niederlassungshemmnis“, so Kriedel.

Coronaeffekte spürbar

Wie Professor Dr. Dr. h. c. Volker Wittberg von der FHM betonte, konnten in den Berechnungen mögliche Coronaeffekte noch nicht abgebildet werden. Eventuell aufgetretene zusätzliche pandemiebedingte Bürokratiebelastungen für Ärzte und Psychotherapeuten hätten nicht vollumfänglich erfasst werden können, da die aktuelle Datengrundlage für das Jahr 2020 erst im Folgejahr zur Verfügung stehe.

Ergänzend seien deshalb zu diesem Aspekt Befragungen in Fokusgruppen durchgeführt worden. FHM und KBV führten mit Haus- und Fachärzten aus ganz Deutschland über die Erfahrungen der Praxen im Umgang mit SARS-CoV-2 Gespräche. Diese hätten das große Engagement und den persönlichen Einsatz der Niedergelassenen in der Krise deutlich gemacht. Zugleich würden die Ergebnisse laut KBV zeigen, dass viele Praxen durch komplexe und schwer nachvollziehbare Vorgaben, vermehrten Kommunikationsbedarf sowie häufig unklare Zuständigkeitsregelungen an den Rand ihrer Belastbarkeit gebracht würden. Die Verbesserungsvorschläge aus den Erfahrungen in der Praxis betreffen folgerichtig unter anderem die Vereinheitlichung der Regeln für Coronatestungen, eine abgestimmte Information und Kommunikation der Behörden mit den Praxen oder auch die Vereinheitlichung von Regeln für Bescheinigungen.

Bürokratieindex 2013–2020
Grafik 1
Bürokratieindex 2013–2020

„Mit COVID-19 sahen und sehen sich die Praxen einer nie dagewesenen Ausnahmesituation gegenübergestellt“, beurteilte Kriedel die Ergebnisse. Daher habe man gegenüber der Politik deutlich gemacht, dass die Einführung neuer Pflichtanwendungen der Telematikinfrastruktur – beispielsweise der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) – während der Coronakrise nicht parallel leistbar ist. Die KBV setzt sich deshalb aktuell nachdrücklich für eine Verschiebung des Starts der eAU auf Oktober 2021 ein. Kriedel verwies darauf, dass die Verhandlungen mit dem GKV-Spitzenverband zu den Details noch laufen. Er sei aber „guter Dinge“ – das Bundesgesundheitsministerium (BMG) habe eine solche Fristverlängerung zugesichert.

Top Be- und Entlastungen 2020 (in Stunden, netto)
Grafik 2
Top Be- und Entlastungen 2020 (in Stunden, netto)

Hoher bürokratischer Aufwand

Insgesamt 55,8 Millionen Nettoarbeitsstunden verursachten die durch die gemeinsame Selbstverwaltung begründeten Informationspflichten in diesem Jahr – das sind 715 000 Stunden mehr als 2019. „Umgerechnet bedeutet das einen zusätzlichen Tag Mehraufwand pro Praxis und Jahr – zusammengenommen also 61 Tage, die im Schnitt für Bürokratie aufgewendet werden“, erklärte Professor Wittberg, Leiter des Nationalen Zentrums für Bürokratiekostenabbau. Als größter Zeit- und Ressourcenfresser stellte sich auch dieses Mal ein nur kleiner Teil der ärztlichen Informationspflichten heraus. Den größten Zuwachs an Nettostunden verzeichnete hierbei die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung mit circa 561 000 Nettostunden mehr als im Jahr 2019.

Auch vor der Coronapandemie führten die hohe Beschäftigungsquote und das steigende Durchschnittsalter der Beschäftigten schon zu einem tendenziell höheren Krankenstand. Deshalb spricht sich die KBV dafür aus, die Notwendigkeit einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bei leichten Erkrankungen mit einer Dauer von bis zu fünf Tagen entfallen zu lassen. Eine ähnliche Entwicklung lässt sich bei der Informationspflicht „Foto-/Video-/Bilddokumentation“ oder auch den Verordnungen von Krankenbeförderung beobachten. Hier führten die gestiegenen Fallzahlen zu einem Plus (in Nettostunden gerechnet) von 212 000 beziehungsweise 190 000. Bei den erzielten Entlastungen steht in diesem Jahr die Datenerhebung für das Ersatzverfahren beim Nichtvorliegen einer gültigen elektronischen Gesundheitskarte (eGK) an erster Stelle – circa 162 000 Nettostunden konnten hier eingespart werden. Generell zeigen der diesjährige neuerliche Anstieg der Bürokratielast und die uneinheitliche Entwicklung der Vorjahre, dass nicht von einem stabilen Entlastungstrend in den Praxen gesprochen werden kann.

„Den Niedergelassenen und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wurde in diesem Jahr einiges abverlangt. Ihr unermüdlicher Einsatz für Patientinnen und Patienten hat ihnen zu Recht den Titel des ‚Schutzwalls‘ beschert“, so Kriedel. Damit sie das auch bleiben könnten – vor allem mit Blick auf den weiteren Verlauf der Pandemie – sei es von zentraler Bedeutung, ihnen jeden vermeidbaren bürokratischen Aufwand abzunehmen. Dadurch ließe sich Zeit gewinnen, die im Moment kostbarer ist denn je. Es würden nicht nur die Praxen profitieren, sondern vor allem auch die Patienten. André Haserück

Bürokratieindex 2013–2020
Grafik 1
Bürokratieindex 2013–2020
Top Be- und Entlastungen 2020 (in Stunden, netto)
Grafik 2
Top Be- und Entlastungen 2020 (in Stunden, netto)

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote