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ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2020Coronaregeln: Keine Schwarzmaler

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Coronaregeln: Keine Schwarzmaler

Welz, Armin

Die Infektionszahlen explodieren, die Politik warnt vor Kontrollverlust und beschäftigt sich damit, Einschränkungen festzulegen. Dennoch sind vernünftige, freiwillig geprägte Entscheidungen zugunsten bestehender Regeln von ebenso großem Einfluss auf die Eindämmung der Pandemie (DÄ 44/2020: „Die Unvernunft weniger“ von Michael Schmedt).
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Das Editorial … ist ein in weiten Teilen ausgewogener Appell an die in diesen Zeiten besonders benötigte Solidarität in unserer Gesellschaft. Der Artikel kritisiert aber meiner Meinung nach zu Unrecht die Warnung vor einem möglichen Kontrollverlust in der Pandemie. Gerade die dazu herangezogene „beruhigend ausreichende Intensivbettenbelegung“ als Begründung muss hinterfragt werden.

Listet man die Anzahl der Patienten/Patientinnen mit Covid-19-Erkrankung auf den Intensivstationen zu den Zeitpunkten 1.9./ 15.9./ 1.10./15.10 und 31.10. auf, so zeigen sich in halbmonatlichen Intervallen folgende Zahlen: 235/236/362/655 und 1 944 (Quelle: Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, Tagesreportarchiv). Man kann das für sich selbst in eine Grafik übertragen oder einfacher die in einer großen Tageszeitung täglich aktualisierte bildliche Darstellung betrachten. Das Ergebnis ist ein exponentieller Anstieg der notwendigen Intensivbehandlungen mit beängstigender Dynamik, der bei Extrapolierung in die Zukunft für den Dezember nicht Gutes erwarten lässt, sollte es nicht gelingen, wieder etwas Kontrolle über das Infektionsgeschehen zu erlangen.

Meine Sorge wird noch größer, wenn ich an meine … Tätigkeit als Direktor der Klinik und Poliklinik für Herzchirurgie am Universitätsklinikum Bonn zurückdenke. Auf unserer interdisziplinären operativen Intensivstation waren zumeist nur freie Betten vorhanden, wenn wir diese zur Vermeidung einer Überlastung der Kollegen/Kolleginnen aus der Intensivpflege sowie zur Sicherheit der uns anvertrauten Kranken geschlossen halten mussten, eine Situation, die auch ohne Pandemie regelhaft Verschiebungen geplanter Operationen zur Folge hatte. Auf den Intensivstationen der internistischen Kollegen/Kolleginnen stellte sich die Lage häufig vergleichbar dar.

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Man muss kein Schwarzmaler sein, um zu befürchten, dass auch die Belastbarkeit unseres zweifellos überaus bewährten und soliden Gesundheitssystems bei ungebremster Infektionsausbreitung in gar nicht allzu ferner Zukunft an seine Grenzen stoßen könnte. Viele werfen den verantwortlichen Politikern häufig vor, der Bevölkerung durch ausreichende Datenlage gestützte, bittere Wahrheiten vorzuenthalten oder abzumildern. Man denke nur an die Diskussionen zu den anthropogenen Auswirkungen auf Umwelt und Klima. Wir sollten sie nicht kritisieren, wenn sie sich soweit möglich um die „Wahrheit“ zu einer Gefahrenlage bemühen und diese dann kommunizieren.

Univ. Prof. Dr. med. Armin Welz, 87642 Halblech/Buching

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