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ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2020Intensivpflege: Sorge vor dem Winter

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Intensivpflege: Sorge vor dem Winter

Osterloh, Falk

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Die Zahl schwer kranker COVID-19-Patienten auf den Intensivstationen steigt kontinuierlich an. Intensivpfleger schauen deshalb besorgt auf die kommenden Monate. Entlastungen könnten intensivmedizinisch geschulte Pflegende bringen – und ein Zurückfahren elektiver Eingriffe.

Schwer kranke COVID-19-Patienten auf der Intensivstation zu behandeln, ist sehr zeit- und damit personalintensiv. „Zum einen kostet das An- und Ausziehen der Schutzausrüstung viel Zeit“, sagt Tobias Ochmann dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ), der als Fachkrankenpfleger für Intensivpflege in einem Hamburger Krankenhaus der Schwerpunktversorgung arbeitet. „Manchmal braucht man dafür sogar die Unterstützung von Kollegen.“ Zum anderen seien die Patienten sehr krank und das Therapiemanagement und die damit verbundenen pflegerischen Maßnahmen entsprechend komplex. „Zudem ist die teilweise stundenlang andauernde Arbeit in der Schutzausrüstung eine hohe körperliche Belastung“, so Ochmann.

Wie schon in der ersten Welle der COVID-19-Pandemie im Frühjahr kommt den Intensivpflegenden auch in der aktuellen zweiten Welle eine große Bedeutung zu. Denn ohne sie können die Intensivbetten mit Beatmungsmöglichkeit, die deutsche Krankenhäuser vorhalten, nicht betrieben werden. Auch in der Intensivpflege herrscht dabei bereits seit Langem ein ausgeprägter Personalmangel. „Wir gehen davon aus, dass es derzeit etwa 4 000 bis 5 000 offene Stellen in diesem Bereich gibt“, sagt der Intensivpfleger Carsten Hermes dem . „Genau weiß das niemand, weil diese Zahlen nicht erhoben werden.“

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Düsteres Bild

Hermes und Ochmann sind die Sprecher der Sektion Pflege in der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN). Um ein aktuelles Stimmungsbild aus den deutschen Intensivstationen zu erhalten, hat die DGIIN eine Umfrage unter ihren Mitgliedern durchgeführt, an der sich knapp 1 100 Intensivpflegende und -mediziner beteiligt haben (siehe folgenden Artikel). Ein Ergebnis ist: Viele der derzeit im Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) als frei gemeldeten Intensivbetten werden wegen des bereits bestehenden sowie des über den Winter zu erwartenden Personalmangels in der Intensivpflege nicht zu betreiben sein. Dabei steigt die Zahl der intensivmedizinisch behandelten COVID-19-Patienten weiter an. Zum Redaktionsschluss wurden 3 005 dieser Patienten auf Intensivstationen versorgt; 1 668 von ihnen wurden beatmet (Stand 9. November).

Die Krankenhäuser gehen davon aus, dass diese Zahlen in den kommenden Wochen weiter steigen werden. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) rechnet für Ende November mit etwa 6 000 COVID-19-Patienten, die intensivmedizinisch versorgt werden müssen. Derzeit als frei gemeldet sind 8 381 Intensivbetten, darunter 5 637 High-Care-Betten, mit denen die Patienten invasiv beatmet werden können. Um auf den Engpass in der Intensivpflege zu reagieren, wurden in vielen Krankenhäusern und Weiterbildungsstätten Pflegefachkräfte intensivmedizinisch geschult. Die Landespflegekammer Rheinland-Pfalz bietet beispielsweise seit Ende März eine Kurz-Qualifizierung Intensiv sowie einen Auffrischungskurs für Pflegefachpersonen mit Erfahrung in der Intensivpflege an. Die Weiterbildung wird von der Landesregierung mit 2,5 Millionen Euro gefördert. Bis zum 6. November haben 2 100 Pflegefachkräfte an den Kursen teilgenommen, weitere 1 500 Fortbildungen werden derzeit angeboten. Ersetzen können die geschulten Pflegekräfte die Intensivpflegenden allerdings nicht. Der Leiter der internistischen Intensivstation des Universitätsklinikums Köln, Dr. med. Matthias Kochanek, geht davon aus, dass 30 bis 40 Prozent der Tätigkeiten auf einer Intensivstation von angelernten Pflegekräften übernommen werden können. „Der Rest seien hochspezialisierte Tätigkeiten, die nur eine ausgebildete Intensivpflegefachkraft durchführen kann“, sagte Kochanek vor Kurzem bei einem Press Briefing des Science Media Center.

Zweiter Rettungsschirm

Um eine Überlastung der Intensivstationen zu verhindern, wird derzeit der Ruf nach einem erneuten Zurückfahren planbarer Operationen lauter. Dafür fordern die Krankenhäuser jedoch eine Kompensation ihrer finanziellen Ausfälle. Am 12. November tagt ein vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium eingesetzter Expertenbeirat, um Vorschläge für einen zweiten Rettungsschirm für die Krankenhäuser zu erarbeiten. Dieses Mal soll es jedoch „keinen generellen Lockdown der Kliniken“ geben, wie DKG-Präsident Dr. rer. pol. Gerald Gaß fordert – damit auch schwer kranke Nicht-COVID-Patienten versorgt werden können. „Wir werden alles daran setzen, in den Regionen an die jeweilige Situation angepasst zu reagieren“, betonte Gaß. „Medizinisch dringliche Leistungen stehen nicht zur Disposition.“ Falk Osterloh

Das gesamte Gespräch mit Carsten Hermes und Tobias Ochmann im Internet:
www.aerzteblatt.de/n118195

Kommentare

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Avatar #745246
Andre B.
am Montag, 16. November 2020, 01:51

37 Prozent der Kliniken müssen Intensivbetten zeitweise schließen

Diese Nachricht stammt aus dem September 2019. Es ging um die Bedenken der Deutschen Krankenhausgesellschaft DKG gegen die Pflegepersonaluntergrenzen. Das Problem sei "nur durch die Gewinnung zusätzlicher neuer Pflegekräfte" zu lösen. Gelernt wurde daraus wenig.


>>> https://www.dkgev.de/dkg/presse/details/37-prozent-der-kliniken-muessen-intensivbetten-zeitweise-schliessen/

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