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Organspende: Kein Einbruch – trotz Pandemie

Richter-Kuhlmann, Eva

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Die Jahrestagung der Deutschen Stiftung Organtransplantation stand im Zeichen der gesetzlichen Novellierungen vom vergangenen Jahr, die durch strukturelle Änderungen die Erkennung von Spendern verbessern sollen. Es zeigte sich: Auch während der Krise denken die Kliniken an die Organspende.

Foto: DSO/Andreas Steeger
Foto: DSO/Andreas Steeger

Trotz der COVID-19-Pandemie konnten in Deutschland bislang Organspende und Transplantationen ohne größere Einbrüche fortgeführt werden. Im Gegensatz zu vielen Nachbarländern sind wir sehr gut durch die erste Welle gekommen“, sagte der Medizinische Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), Dr. med. Axel Rahmel, beim 16. Jahreskongress der DSO, der aufgrund der Pandemie vom 3. bis 5. November virtuell stattfand.

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Gerade unter Berücksichtigung der zusätzlichen Belastungen der Intensivmedizin durch die Coronapandemie machen die aktuellen Organspendezahlen Mut: Von Januar bis Ende Oktober 2020 gab es laut DSO in Deutschland 793 postmortale Organspender – 2,3 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Das ist kein enormer Anstieg, doch im Gegensatz zu diesem Aufwärtstrend sind in vielen anderen Ländern die Organspendezahlen deutlich gesunken – in Spanien während der ersten Welle sogar um rund 70 Prozent. Beachtenswert ist zudem: Vor Beginn der Pandemie im Januar und Februar dieses Jahres lagen die Zahlen in Deutschland um fast 30 Prozent höher als im Vergleichszeitraum von 2019. Grundsätzlich schaut die DSO deshalb durchaus mit großer Hoffnung auf die künftige Entwicklung der Spenderzahlen. Denn das vergangene Jahr brachte einige gesetzliche Veränderungen für die Organspende und Transplantationsmedizin mit sich, die seit April 2019 umgesetzt werden.

Hoffnung auf Trendwende

Die Maßnahmen des „Gesetzes zur Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende“ setzen insbesondere an den zuvor identifizierten Schwachstellen an: an den Bedingungen und den Abläufen für die Organspende in den Entnahmekliniken sowie bei der Erkennung möglicher Spender. So stärkt das neue Gesetz die Rolle der derzeit mehr als 1 400 Transplantationsbeauftragten in deutschen Kliniken und sorgt für eine aufwandsgerechte Vergütung der Entnahmekrankenhäuser für ihre Leistungen im Zusammenhang mit der Organspende.

Doch wie funktioniert die Umsetzung des Gesetzes – jetzt, ein gutes Jahr nach seinem Inkrafttreten? Valide Zahlen existieren dazu noch nicht. Eine Liveumfrage bei den etwa 400 Transplantationsbeauftragten, die am virtuellen DSO-Kongress teilnahmen, ergab jedoch, dass in fast 50 Prozent der Krankenhäuser die gesetzlich geforderte Freistellung der Transplantationsbeauftragten nur teilweise erfolgt und lediglich zehn Prozent von ihnen die Freistellung ihrer Tätigkeit vollständig umgesetzt sehen.

Wo die Gründe dafür liegen und ob die Klinikleitungen stärker in die Pflicht genommen werden sollten, könnten nun die Lan­des­ärz­te­kam­mern evaluieren, sagte der rheinland-pfälzische Lan­des­ärz­te­kam­merpräsident, Dr. med. Günther Matheis. „Das Gesetz versetzt uns in die Lage, dies jetzt zu hinterfragen.“ Bundes­ärzte­kammer und die Lan­des­ärz­te­kam­mern begrüßten die neuen gesetzlichen Regelungen. Nun müsse auch tatsächlich die Stärkung der Strukturen erfolgen.

Eine verbesserte Erkennung möglicher Spender in den Kliniken soll unter anderem durch die seit letztem April ebenfalls gesetzlich vorgeschriebene Todesfallanalyse gefördert werden. Alle Entnahmekrankenhäuser sind seit April 2019 verpflichtet, Todesfälle mit primärer oder sekundärer Hirnschädigung zu erfassen und die Gründe zu eruieren, die eine Organspende verhindert haben.

Von den Einzelfallanalysen liegen bereits Zahlen vor: „Eine erste Auswertung zeigt, dass 2019 potenziell die Anzahl der Organspender hätte verdoppelt werden können“, erklärte DSO-Koordinator Sören Melsa. Bei etwa 1 000 Fällen hätte eine relevante Option auf eine Organspende bestanden, wenn sie in den Kliniken identifiziert worden wären. Teilweise sei trotz Indikation keine Diagnostik des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls erfolgt, berichtete Melsa.

Richtlinie „Spendererkennung“

Eine andere Lücke bei der Erkennung möglicher Organspender soll die erst seit wenigen Wochen, konkret seit Anfang September, geltende neue Richtlinie Spendererkennung der Bundes­ärzte­kammer schließen. „Sie ist ein Meilenstein bei der Erkennung von Organspendern und rückt die frühzeitige Beachtung des Patientenwillens und dessen Umsetzung in den Mittelpunkt“, erklärte Prof. Dr. med. Klaus Hahnenkamp, Universitätsmedizin Greifswald, beim Kongress. Geschrieben sei sie von „Praktikern für Praktiker“ und analysiere die Frage, wer bei schwerster Hirnschädigung unter ärztlichen Gesichtspunkten für eine Organentnahme infrage kommt. Hahnenkamp, der in den vergangenen fünf Jahren die Entstehung der Richtlinie innerhalb der entsprechenden Arbeitsgruppe der Bundes­ärzte­kammer begleitete, betonte, dass es bereits zum Zeitpunkt eines zu erwartenden oder vermuteten Hirnfunktionsausfalls gelte, durch Gespräche den möglichen Wunsch einer Organspende zu ermitteln.

Einen Widerspruch stellt für die DSO diesbezüglich das geplante Onlineregister für Erklärungen zu Organ- und Gewebespenden dar. Die Informationen im Register sollen nämlich erst nach der Todesfeststellung für speziell berechtigte Ärzte zugänglich gemacht werden.

Große Hoffnung verbinden die Experten zudem mit der Einführung des neurochirurgischen und neurologischen konsiliarischen Rufbereitschaftsdienstes, der vor allem die Krankenhäuser ohne Neurochirurgie bei der Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls unterstützen soll.

Neurodienst verzögert sich

Diese gesetzlich vorgesehene Unterstützung wird voraussichtlich erst im Jahr 2022 zur Verfügung stehen. „Ursprünglich sollten bis Ende dieses Jahres geeignete Einrichtungen vertraglich mit der Organisation des Neurodienstes beauftragt werden, berichtete Prof. Dr. rer. medic. Claus-Dieter Middel von der Bundes­ärzte­kammer. Aufgrund der Pandemie werde dies jedoch bis Mitte 2021 dauern.

Eine bedeutende Neuerung brachte das Gesetz bei der Angehörigenbetreuung, die offiziell der DSO übertragen wurde. Für die Angehörigen eines Organspenders sei wichtig zu erfahren, ob die gespendeten Organe transplantiert werden konnten und wie es den Empfängern geht, betont die DSO. Dazu müssten die Organempfänger jedoch in die Mitteilung der anonymisierten Ergebnisse einwilligen und die Transplantationszentren diese Information an die DSO weiterleiten. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Foto: DSO
Foto: DSO

3 Fragen an . . .

Dr. med. Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO)

Herr Dr. Rahmel, haben sich die Gesetzesänderungen bereits positiv ausgewirkt?

Wir bewerten das Gesetz insgesamt sehr positiv, da es mit seinen Maßnahmen genau dort ansetzt, wo zuvor Schwachstellen – insbesondere bei der Spendererkennung – identifiziert wurden. Vieles ist auch bereits umgesetzt beziehungsweise auf den Weg gebracht worden. Essentiell ist für uns die Stärkung der Position der Transplantationsbeauftragten, denn sie sind die Wegbereiter für die Organspende und für uns die wichtigsten Partner im Organspendeprozess.

Welches Feedback erhalten Sie zu deren Etablierung in den Kliniken? Wird das neue Vorgehen bereits „gelebt“?

Viele Transplantationsbeauftragten betrachten das neue Gesetz als einen Meilenstein. Sie erhalten damit den klaren, gesetzlichen Auftrag, in ihren Häusern die Strukturen für Organspenden zu schaffen. Die Freistellung von anderen Tätigkeiten, zum einen für regelmäßige Schulungen und Unterstützung des Klinikpersonals, zum anderen aber um insbesondere flexibel im Rahmen einer möglichen Organspende zu sein, ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die Transplantationsbeauftragten ihren verantwortungsvollen Aufgaben überhaupt gerecht werden können. Wie die Liveumfrage auf unserem diesjährigen virtuellen DSO-Jahreskongress Anfang November bei den etwa 400 Transplantationsbeauftragten, die die Veranstaltung verfolgten, ergab, besteht bei der praktischen Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben in den klinischen Alltag offensichtlich noch Verbesserungsbedarf.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Etablierung der Todesfallanalyse?

Eine erste Auswertung der bisher erstmals bundesweit eingegangenen Daten der Todesfallanalyse zeigt, dass im Jahr 2019 bei einer ganzen Reihe dieser Todesfälle vor einer Therapielimitierung nicht die Möglichkeit einer Organspende mit den Angehörigen besprochen wurde und bei anderen die Diagnostik zur Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls nicht durchgeführt wurde, obwohl es medizinisch angezeigt war. Wir gehen davon aus, dass allein wenn man bei diesen auf der Intensivstation verstorbenen Patienten rechtzeitig an eine Organspende gedacht hätte, sich die Anzahl der Spender in Deutschland verdoppeln würde. Dies verdeutlicht, dass dem Organspendemangel durch bessere Abläufe entgegengewirkt werden kann.

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