ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2020Berühmte Entdecker von Krankheiten: Cornelia de Lange behauptete sich gegen alle Vorurteile ihrer Zeit

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Berühmte Entdecker von Krankheiten: Cornelia de Lange behauptete sich gegen alle Vorurteile ihrer Zeit

Schuchart, Sabine

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Zu den wenigen Frauen, die ihren Namen in der Medizingeschichte verewigten, gehört die niederländische Kinderärztin Cornelia de Lange. Sie war eine Vorreiterin der Frauen in der Medizin und eine Koryphäe auf den Gebieten der Pädiatrie und Kinderneurologie.

Als sie 1927 als erste Frau in den Niederlanden auf einen Lehrstuhl für Medizin berufen wurde, erschien das ihren männlichen Kollegen als Zumutung: Anstatt sie, wie untereinander üblich, mit dem Professorentitel anzusprechen, begrüßten sie sie penetrant mit „mijn vrouw“. Da war Cornelia de Lange schon 56 Jahre alt und in den Niederlanden eine, wenn nicht: die Koryphäe in der Pädiatrie.

Geboren wurde Cornelia Catharina de Lange am 24. Juli 1871 in Alkmaar als ältestes von drei Kindern in eine Patrizierfamilie. Ihre Mutter stammte aus einer Verlegerdynastie, ihr Vater war Rechtsanwalt. Schon während der Schulzeit war ihr klar, dass sie Ärztin werden wollte. Doch ihr Vater sah das als unschicklich an. Er schickte sie nach dem Abitur für ein Jahr nach Zürich, um eine Ausbildung für eine Frau von Stand zu erhalten. Doch die Tochter beharrt auf ihrem Ziel, einigt sich aber mit dem Vater als Kompromiss auf das Fach Chemie, das damals für eine Frau als weniger verabscheuungswürdig galt. Nach einem Semester aber wechselt sie doch zur Medizin. Mit 26 Jahren legt sie an der Universität Amsterdam das Examen ab und wird als vierte Frau in den Niederlanden in Medizin promoviert – mit einer Arbeit zur künstlichen Ernährung von Säuglingen. Sie lässt sich als praktizierende Ärztin in Amsterdam nieder. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts bedeutet dies, dass Mütter mit ihren Kindern ihre Patienten sein werden. Und die kommen in Scharen in ihre Sprechstunde. Denn die Gesundheit von Kindern und Müttern wird damals in der männlich dominierten Medizin vernachlässigt. Die Pädiatrie steckt, bildlich gesprochen, noch in den Kinderschuhen. Dabei ist die Kindersterblichkeit hoch aufgrund von Mangelernährung und fehlender Hygiene.

Zehn Jahre später wird sie als Leiterin der neu gegründeten Säuglingsabteilung im Emma-Kinderkrankenhaus in Amsterdam angestellt, das sich durch Spenden finanziert, da die Universitätsklinik eine eigene Abteilung für Kinderheilkunde nicht für nötig hält. Dort findet sie auch bessere Forschungsbedingungen, und sie kann auch Autopsien an verstorbenen Kindern vornehmen. Ihr Interesse gilt zunehmend auch der Neurologie. Sie publiziert eine Reihe von Büchern und wird im Laufe ihres Lebens mehr als 250 Fachartikel veröffentlichen. Inzwischen ist sie eine Autorität in der holländischen Gesellschaft für Pädiatrie. Als 1927 der Lehrstuhl für Pädiatrie an der Universität Amsterdam vakant wird, ist sie natürliche die erste Wahl für diese Position, und sie nimmt sie an. In ihrer Professorenzeit forscht sie auch zu der Erbkrankheit, die sie aufgrund ihrer brillanten klinischen Beobachtungsgabe entdeckt hat (siehe Kasten). 1938 gibt sie ihr Amt auf, enttäuscht über den geringen Stellenwert der Pädiatrie in der Universität. Sie geht zurück zum Emma-Kinderkrankenhaus, wo sie eine sinnvollere Aufgabe für sich sieht, und arbeitet dort bis zu ihrem Tod 1950 im Alter von 79 Jahren.

Ihren Zeitgenossen bleibt sie in Erinnerung als warmherzige, sozial eingestellte Frau, bescheiden und gebildet. Sie war keine explizite Feministin, wurde aber dennoch von der Frauenbewegung als Vorbild gefeiert. Das öffentliche Bekenntnis war nicht ihr Stil, aber sie zeigte in ihrer Arbeit, dass Frauen das Gleiche und mehr leisten können als Männer. Als praktizierende Ärztin und unverheiratete Frau führte sie ein mit Sinn völlig erfülltes Leben. Sabine Schuchart

Foto: 100003580 IAV Collection, Atria, The Netherlands
Foto: 100003580 IAV Collection, Atria, The Netherlands

1933 beschrieb die Kinderärztin Cornelia de Lange (1871–1950) in der Zeitschrift Archives des Médicine die angeborenen Anomalien von zwei kleinen Mädchen, zu denen sie in der Fachliteratur keine Übereinstimmung gefunden hatte: fasziale Dysmorphien, Kleinwuchs und geistige Retardierung. Obwohl die Kinder nicht verwandt waren, war sie überzeugt, dass es sich um einen unbekannten genetischen Defekt handeln müsse. Sie nannte ihn „Typus Degenerativus Amstelodamensis“. 1938 publizierte sie erneut dazu, nachdem sie noch einen Fall entdeckt und das mittlerweile verstorbene erste Kind autopsiert hatte. Winfried Brachmann hatte 1916 Details des vielgestaltigen Multisystemleidens beobachtet, wegen de Langes profunder Analyse setzte sich aber seit den 1960er-Jahren ihr Name für die seltene Krankheit durch (1:10 000 bis 1:30 000 Geburten). 2004 wurde ein Gen identifiziert, das bei der Hälfte der CdLS-Patienten mutiert ist.

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