ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2020Personalmangel: Bis zum Anschlag

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Personalmangel: Bis zum Anschlag

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Das Robert Koch-Institut empfiehlt nicht mehr anlasslos auf SARS-CoV-2 zu testen. Damit soll eine Überlastung von Arztpraxen, Laboren, Eltern und Betreuungseinrichtungen verhindert werden. Eine sinnvolle und wichtige Entscheidung, die notwendig ist, aber nicht überraschend kommt. Dass die akuten respiratorischen Erkrankungen zum Winterhalbjahr zunehmen, war ebenso zu erwarten wie die Problematik um die Reiserückkehrer im Sommer. Bereits damals warnte Dr. med. Michael Müller, 1. Vorsitzender ALM – Akkreditierte Labore in der Medizin, vor einem „Einfach-so-Freitesten“ der Reiserückkehrer. Bevor das RKI seine Teststrategie jetzt anpasste, konstatierte Müller, die Labore würden „am Anschlag“ arbeiten. Eine Formulierung, die man derzeit vielfach aus Gesundheitsämtern und von immer mehr Intensivstationen hört.

Das führt klar vor Augen, dass es in der Coronapandemie nicht nur um die technische Ausstattung im Gesundheitswesen wie die Anzahl von Testkapazitäten, Schutzausrüstungen, Intensivbetten oder potenziellen Impfdosen geht, sondern wie wichtig diejenigen sind, die das System mit ihrem Engagement am Laufen halten. Tests müssen gemacht, potenziell Infizierte nachverfolgt und Patienten in den Intensivbetten gepflegt werden – jeweils mit hohem Aufwand. Hinzu kommt die ständige Gefahr, sich zu infizieren und auszufallen. Das führt sogar dazu, dass selbst Krankenhauspersonal, das mit positiv auf SARS-CoV-2 getesteten Personen in Kontakt gekommen ist, weiterarbeitet. Inzwischen sind viele im roten Drehzahlbereich. Da mutet es fast hilflos an, wenn Niedersachsen die Höchstarbeitszeit für Beschäftigte in Kliniken und Pflegeheimen erneut auf bis zu 60 Stunden pro Woche erhöht.

Auch auf das Pflegeheimpersonal kommt durch die grundsätzlich gute Entscheidung, auf Antigenschnelltests als Präventionsmaßnahme zu setzen, Mehrarbeit zu. Denn in deren Tagesablauf gibt so gut wie keine ungenutzte Zeit. Zwangsläufig führt die Testung dazu, dass Zeit in der Betreuung fehlen wird. Auch bürokratische Vorgaben rufen diesen Effekt hervor. Der Marburger Bund fordert zu Recht, medizinisches und pflegerisches Personal von Dokumentationspflichten zu befreien. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung stellte vergangene Woche den Bürokratieindex vor, der zeigt, wo ärztliche Leistungen versickern anstatt in der Patientenbetreuung zur Verfügung zu stehen.

Man muss sich immer wieder bewusst machen, dass jede Maßnahme, die Coronapandemie einzudämmen, von Menschen umgesetzt werden muss. Und dies macht die Achillesferse des deutschen Gesundheitssystems deutlich, das seit Jahrzenten auf Leistung setzt und gleichzeitig Personal einspart. Es krankt nicht an Fachwissen und technischer Ausstattung, aber an Personal. Das ist bei der bekannten demografischen Entwicklung seit Jahren bekannt. Ärztemangel und Pflegenotstand gehören zum gesundheitspolitischen Vokabular. Das deutsche Gesundheitswesen ist unbestritten eines der besten der Welt, das deshalb auch die Pandemie bisher verhältnismäßig gut gemeistert hat. Aber auch das beste System kann nicht dauerhaft am Anschlag fahren, dann drohen Überhitzung und Motorschaden. Die Pandemie verlangt bei dem immer noch begrenztem Wissen über das Virus zwar Flexibilität bei der Umsetzung von Maßnahmen. Sie macht aber auch deutlich, wie wichtig die Bekämpfung des Personalmangels im Gesundheitswesen ist. Weit über die Pandemie hinaus.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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