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ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2020Intrauterin-Pessare: Nocebo-Effekt

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Intrauterin-Pessare: Nocebo-Effekt

Ludwig, Michael; Neulen, Joseph; Römer, Thomas

Langwirksame hormonelle IUP gelten als sichere Kontrazeptiva. Es mehren sich jedoch die Hinweise, dass sie mit psychischen Nebenwirkungen einhergehen (DÄ 40/2020: „Depressionen unter der Hormonspirale“ von René Zeiss et al.).
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Grundsätzlich ist der Beitrag zu begrüßen, da er dafür sensibilisiert, dass jede Form der hormonellen Kontrazeption zu unerwünschten Arzneimittelwirkungen führen kann. Problematisch ist die unkritische und einseitige Darstellung.

  • Eine Spirale (IUD) ist die heute sicherste Form der reversiblen Verhütung, bis zu 20-fach sicherer als kurz wirksame Präparate – daher wird sie gerade jüngeren Frauen aktiv empfohlen.
  • Richtig ist, dass Levonorgestrel (LNG) nicht nur lokal wirkt, sondern auch systemisch nachweisbar ist. Die Serumkonzentrationen von LNG sind bei Anwendung von LNG-IUDs allerdings deutlich niedriger als bei Anwendung oraler Präparate.
  • Aufgrund dessen ist es nach wie vor schwer nachzuvollziehen, warum höhere Risiken für Depressionen oder Suizide bei Frauen mit einem LNG-IUD beobachtet werden im Vergleich zur Anwendung der höher dosierten oralen Präparate. Zudem ist die Daten- und Studienlage zu Depressionen alles andere als eindeutig.
  • Im Zusammenhang mit einer systemischen Stressreaktion ist fraglich, woher dieser erhöhte Stresslevel, über den die Autoren berichten, resultiert. Die systemischen LNG-Spiegel können es aufgrund der zitierten Daten kaum sein. Hinzu kommen methodische Fehler wie Messung von Cortisol im Speichel in der Tagesmitte als nicht validierte Messmethode, Erhebung der Zyklusphase lediglich anamnestisch. Die Aussage, dass ein stärkerer Cortisolanstieg in Stresssituationen negativ zu bewerten ist, wird suggeriert, widerspricht jedoch anderen Daten.
  • Im separaten Kasten wird geschrieben, dass ein erhöhtes Thromboserisiko besteht „abhängig von der Art des Gestagens und der Ethinylöstradiol-Dosis“. Das Hauptrisiko der Thrombosen und Embolien geht jedoch von der Ethinylöstradiol-Dosis aus, was auch die von den Autoren zitierte Metaanalyse thematisiert.
  • Das Risiko zervikaler Neoplasien ist ein Problem für alle hormonellen Kontrazeptiva und vermutlich eine Folge der Gestagen-Wirkung.
  • Dass Spiralen, wenn man sie zeitlich zu nahe nach der Geburt einsetzt, häufiger ausgestoßen werden, ist bekannt. Daher wird davon im Rahmen der Aufklärung abgeraten.
  • Unklar ist, warum auf diese Aspekte vergleichsweise oberflächlich eingegangen wird. Genauso könnte man darauf verweisen, dass LNG-IUDs das Risiko von Endometriumkarzinomen signifikant senken und therapeutisch zur Behandlung einer Endometriose oder Adenomyosis uteri sowie der Dysmenorrhoe oder Meno-/Metrorrhagie eingesetzt werden.

Durch Beiträge wie diesen wird ein Nocebo-Effekt gefördert, der bereits jetzt ein relevantes Problem gerade im Zusammenhang mit der hormonellen Kontrazeption darstellt.

Prof. Dr. med. Michael Ludwig, 29640 Schneverdingen,
Prof. Dr. med. Thomas Römer, 50931 Köln,
Prof. Dr. med. Joseph Neulen, 52074 Aachen

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