ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2000Transiente globale Amnesie Klinik und Pathophysiologie: Kontroverse Aspekte inkomplett

MEDIZIN: Diskussion

Transiente globale Amnesie Klinik und Pathophysiologie: Kontroverse Aspekte inkomplett

Dtsch Arztebl 2000; 97(10): A-624 / B-512 / C-483

Gass, Achim; Röther, Joachim

Zu dem Beitrag von Priv.-Doz. Dr. med. Klaus Schmidtke, Dr. med. Michael Strupp, Dr. med. Roland Brüning, Dr. med. Michael Reinhardt in Heft 41/1999
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LNSLNS Mit Interesse haben wir den Bericht zur transienten globalen Amnesie (TGA) gelesen und beglückwünschen die Kollegen zu der umfassenden Darstellung der klinischen Befunde. Allerdings bestehen unsererseits Vorbehalte gegenüber der Darstellung der Befunde zur diffusionsgewichteten Magnetresonanztomographie (DWI) bei TGA. Da die DWI-Befunde in der anschließenden Diskussion der "Hypothesen zur Ätiopathogenese" eine wesentliche Rolle spielen, möchten wir auf einige kontroverse Aspekte eingehen, die inkomplett dargestellt wurden. Entgegen der Meinung der Autoren, dass es keine Hinweise auf eine mögliche ischämische Genese gibt, ist in zwei Fallberichten mit DWI nachgewiesen worden, dass umschriebene Ischämien im hinteren Stromgebiet in seltenen Fällen eine TGA verursachen können. In eigenen DWI-Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass normalerweise keine ischämischen Gewebeveränderungen bei spontaner TGA auftreten (Stroke 1999; 30: 2070-2072). Darüber hinaus beobachteten wir mittels quantitativer Auswertung der DWI-Daten anhand des Wasserdiffusionskoeffizienten (apparent diffusion coefficient, ADC) insbesondere auch in den Temporallappen, im Gegensatz zu dem vorliegenden Bericht, keine Veränderungen der Diffusion. In der Abbildung 2 des Artikels, linkes Bild, wird ein DWI-Bild beschrieben, das nach Angaben aus dem Originalartikel nur in einer Raumrichtung diffusionskodiert ist. Typischerweise resultiert hieraus eine anisotrope Kontrastierung, die in dem vorliegenden Bild nicht zu erkennen ist. Die als Veränderungen bezeichneten Bildauffälligkeiten sind weiterhin im Hinblick auf ihre anatomische Ausdehnung nicht verständlich und die Möglichkeit von Bildartefakten wird nicht diskutiert. Die Autoren berichten, dass neokortikale Areale nicht durch "Diffusionsstörungen" betroffen seien. Dies steht im Gegensatz zu der dargestellten Abbildung, die in beiden dargestellten Temporallappen eine nahezu homogene Hyperintensität zeigen. Mit der verwandten Messmethode, einer SSFP-Sequenz, konnte keine quantitative ADC-Bestimmung vorgenommen werden. Da der Bildkontrast der diffusionsgewichteten SSFP-Bilder komplexen Mechanismen unterliegt, ist es nicht ohne weiteres verständlich, wie eine eindeutige Unterscheidung der Diffusionseinflüsse anhand der gezeigten MRT-Daten vorgenommen werden konnte. Entgegen der Beschreibung in der Legende scheint das rechte Bild der Abbildung 2 keine wesentlich diffusionsgewichtete Aufnahme zu sein, da der Liquor signalintensiv zur Darstellung kommt.
Im Abschnitt "Hypothesen zur Ätiopathogenese" werden die Bildbefunde als gut vereinbar mit der Hypothese der "spreading depression" gewertet. Dies ist einer der interessantesten Punkte der Diskussion, allerdings sind die genannten Befunde unserer Ansicht nach nicht geeignet, diese Hypothese zu stützen. Das Phänomen der "spreading depression" ist in tierexperimentellen DWI-Untersuchungen sehr gut untersucht, und es ist bekannt, dass es lediglich zu einer sehr kurz anhaltenden Diffusionsverlangsamung kommt. Die Wahrscheinlichkeit, sol che transienten, etwa ein bis zwei Minuten andauernden Diffusionsänderungen beim Menschen mittels DWISequenzen nachzuweisen, ist nicht sehr hoch. Ein Versuch "spreading depression"-ähnliche Periinfarktdepolarisationen bei der akuten Ischämie des Menschen mittels DWI darzustellen, hat ebenfalls negative Befunde erbracht und nochmals die großen methodischen Schwierigkeiten der Darstellung von "spreading depression" auch bei speziell ausgelegtem Untersuchungsdesign gezeigt. Mittels eines anderen MRTVerfahrens, des BOLD-Kontrastes (blood oxygenation level dependent), berichtet eine Arbeitsgruppe über eine Suppression der BOLD-Antwort während kontinuierlicher visueller Aktivierung als möglichen Hinweis auf "spreading depression". Allerdings handelt es sich hierbei um vorläufige Befunde, die der weiteren Konsolidierung bedürfen.


Literatur bei den Verfassern.


Priv.-Doz. Dr. med. Achim Gass
NMR Forschung
Neurologie/Radiologie
Neurologische Universitätsklinik
68135 Mannheim


Priv.-Doz. Dr. med. Joachim Röther
Neurologische Universitätsklinik
Universitäts-Krankenhaus Eppendorf
Martinistraße 52
20246 Hamburg

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