ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2020Plötzlicher Tod unklarer Ursache: Bei Kindern wird die Häufigkeit eines ungeklärten Todes wohl deutlich unterschätzt

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Plötzlicher Tod unklarer Ursache: Bei Kindern wird die Häufigkeit eines ungeklärten Todes wohl deutlich unterschätzt

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: anna/stock.adobe.com
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Der plötzliche Tod eines Kindes mit unklarer Ursache ist definiert als plötzliches Versterben, das anamnestisch unerklärlich ist und bei dem Auffindesituation und gründliche Untersuchung inklusive Autopsie und Familienanamnese keine Anhaltspunkte für einen nicht-natürlichen Tod ergeben. Das zum Todeszeitpunkt höhere Alter (> 12 Monate) unterscheidet per Definition den Sudden Unexplained Death in Childhood (SUDC) vom Sudden Infant Death Syndrome (SIDS), das sich auf maximal 12 Monate alte Kinder bezieht. SIDS ist häufiger als ein SUDC. Auf Basis einer großen Fallanalyse sollte abgeschätzt werden, wie häufig Fehldiagnosen bei plötzlichem Tod sein könnten.

100 konsekutive, aus Sicht von Familien oder Ärzten möglicherweise nicht vollständig geklärte SUDC-Fälle aus dem US-amerikanischen SUDC-Register und aus dem transnationalen SUDCRRC-Register, in welches US-Bundesstaaten, Kanada und Großbritannien SUDC-Fälle einstellen, wurden analysiert. Die Kinder waren zum Todeszeitpunkt 11 Monate bis 18 Jahre alt, die meisten zwischen 2 und 4 Jahren.

2 forensische Mediziner prüften unabhängig voneinander die Akten aller Fälle zu Bildgebung, klinischen Befunden, zu Autopsien, sofern sie erfolgt waren, und zur Befragung von Familienangehörigen in einem verblindeten Setting.

Die Rechtsmediziner kamen bei 40 Kindern, also 40 % der plötzlichen Todesfälle, zu einem anderen Ergebnis als auf dem Totenschein oder in den Akten vermerkt. Die ursprünglich untersuchenden Ärzte hatten 43 Fälle als geklärt und 57 als ungeklärt bewertet. Nach Reviewprozess durch die Rechtsmedizin waren 16 % der Fälle geklärt, bei 7 % reichten die Informationen nicht für eine Klärung aus und 77 % waren ungeklärt, entsprachen also der Definition eines SUDC.

Bei circa 20 % der Todesfälle hatten genetische Veränderungen unmittelbar oder mittelbar Bedeutung für den plötzlichen Tod gehabt, darunter Erbkrankheiten wie die autosomal rezessive Protein-Phosphatase-2-Erkrankung. Angehörigen hätte bei Erbkrankheiten wie dieser eine genetische Beratung angeboten werden können. Auch Auffindesituationen waren häufig nicht adäquat in die Bewertung eingeflossen. Hinweise auf unentdeckte Tötungen oder Suizide fanden sich nicht. Unter den Rechtsmedizinern gab es eine hohe Konkordanz.

Fazit: „Diese Studie belegt, dass Obduktionen bei allen ätiologisch nicht ganz klaren Todesfällen, vor allem im Kindesalter, unverzichtbar sind und dass Ärzte zur Angabe einer eindeutigen Todesursache neigen, selbst wenn es bei kritischer Betrachtung vielleicht keine eindeutige Ursache gibt“, erläutert Prof. Dr. med. Christian F. Poets, Geschäftsführender Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Universität Tübingen.

„Auch in Deutschland kann man von einem ,Under-Reporting‘ ungeklärter Todesfälle bei Kindern ausgehen, und bei solch niedrigen Obduktionsraten, wie wir sie haben, wird sich das schwer ändern lassen.“ Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Crandall LG, Lee JH, Friedman D, et al.: Evaluation of concordance between original death certifications and an expert panel process in the determination of Sudden Unexplained Death in Childhood. JAMA Network Open 2020; 3: e2023262.

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