ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2020Refraktäre oder rezidivierte akute lymphatische Leukämie: Hohe Rate an Komplettremissionen durch verschiedene Anti-CD19-CAR-T-Zellen

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Refraktäre oder rezidivierte akute lymphatische Leukämie: Hohe Rate an Komplettremissionen durch verschiedene Anti-CD19-CAR-T-Zellen

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: cience Photo Library/EYE OF SCIENCE
Foto: cience Photo Library/EYE OF SCIENCE

Patienten mit therapierefraktärer oder mehrfach rezidivierter akuter lymphatischer Leukämie (r/rALL) haben eine ungünstige Langzeitprognose. Dies gilt sowohl für Erwachsene und darunter vor allem für die Gruppe mit erhöhtem zytogenetischen Risiko, aber auch für Kinder. Die 5-Jahres-Überlebensraten liegen bei r/rALL zwischen 10 und 20 %. CAR-T-Zellen (Chimeric Antigen Receptor T-Cells) sind eine innovative Zelltherapie. Es werden T-Lymphozyten vom krebskranken Patienten oder von einem allogenen Spender (autologe/allogene CAR-T-Zellen) ex vivo gentechnisch so verändert, dass sie eine Antigenbindungsstelle haben für Zellen aus der Population des Malignoms und über kostimulatorische und stimulatorische Domänen HLA-unabhängig zu Effektorfunktionen wie der Zytolyse aktiviert werden können. Klinisch am weitesten entwickelt sind autologe CAR-T-Zellen der 2. Generation mit Antigenspezifität für CD19 und entweder den Proteinen 4–1BB oder CD28 als kostimulatorischen Domänen. 2 solcher Produkte sind in Europa zugelassen.

In eine Metaanalyse unter dem Gesichtspunkt der Induktion kompletter Remissionen (CR) zu einem beliebigen Zeitpunkt nach CAR-T-Zellinfusion hat ein Forscherteam 35 publizierte klinische Studien zu Anti-CD19-CAR-T-Zellen bei erwachsenen oder pädiatrischen Patienten mit r/rALL vom B-Zelltyp eingeschlossen: 18 Studien mit 4–1BB-kostimulierten CAR-T-Zellen der 2. Generation, 12 Studien mit CD28-kostimulierten CAR-T-Zellen der 2. Generation, 1 Studie mit Anti-CD19-CAR-T-Zellen der 3. Generation und 4 Studien mit CAR-T-Zellen der 4. Generation.

Die Rate vollständiger Remissionen bei insgesamt 953 Patienten hat mit 80 % eine hohe Ansprechrate ergeben, so die Autoren, die Heterogenität zwischen den Studien sei moderat. Für CAR-T-Zellen mit 4–1BB-kostimulatorischer Domäne lag die CR-Rate bei 82,4 %, bei CD28-kostimulatorischer Domäne bei 74,6 % und bei 84,3 % für CAR-T-Zellen der 3. und 4. Generation. Bei Teilnehmern ≥ 18 Jahre betrug die CR-Rate 75,3 % und bei Kindern (< 18 Jahre) 80,5 %. Autologe CAR-T-Zellen (95 % der Teilnehmer) waren mit einer CR-Rate von 83 % effektiver als allogene mit 55 %. Patienten mit einer CR nach CAR-T-Zellen mit 4–1BB-Kostimulation hatten zu 76,8 % keine minimale Resterkrankung (MRD) mehr vs. 60,8 % in der Gruppe der Patienten mit CR durch CAR-T-Zellen mit CD28-kostimulatorischer Domäne. Ein Cytokine Release Syndrom von Schweregrad ≥ 3 erlitten 26 %, 12 % hatten Neurotoxizitäten dieser Schweregrade.

Fazit: „Diese große Metaanalyse untersuchte erstmalig systematisch die Wirksamkeit und Nebenwirkungen verschiedener CAR-T-Zellprodukte bei der ALL“, kommentiert Prof. Dr. med. Uwe Platzbecker, Medizinische Klinik und Poliklinik 1 am Universitätsklinikum Leipzig.

„Die Ergebnisse belegen die hohe Effektivität und gute Verträglichkeit von CAR-T-Zellen auch bei refraktären Patienten ohne jegliche alternative Behandlungsoption“, so Platzbecker. „Die Arbeit bildet damit die Grundlage für die Weiterentwicklung dieses innovativen Therapieverfahrens.“

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Anagnostou T, Riaz IB, Hashmi SK, et al.: Anti-CD19 chimeric antigen receptor T-cell therapy in acute lymphocytic leukaemia: a systematic review and meta-analysis. Lancet Haematol 2020; 7: e816–26.

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