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Digitalisierung: Praxen brauchen Mehrwerte

Haserück, André

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Generell zeigen sich Vertragsärzte und -psychotherapeuten für eine sinnvolle Digitalisierung im Gesundheitswesen aufgeschlossen – das Aufwand-Nutzen-Verhältnis muss aber stimmen. Das geht aus dem jüngst vorgelegten PraxisBarometer Digitalisierung 2020 der Kassenärztlichen Bundesvereinigung hervor.

Foto: ipopba/stock.adobe.com
Foto: ipopba/stock.adobe.com

Mit dem aktuellen PraxisBarometer Digitalisierung hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) im Sommer 2020 erneut eine der umfassendsten Befragungen zu diesem Thema in der ambulanten Versorgung durchgeführt. Mehr als 2 000 Vertragsärzte und -psychotherapeuten haben im Rahmen der Erhebung des IGES-Institutes mitgeteilt, wie es um die Digitalisierung in ihrer Praxis bestellt ist, aber auch welche Chancen und Hemmnisse sie dabei sehen. Ergänzend fanden vertiefende Fokusgruppeninterviews zu ausgewählten Fragestellungen statt.

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Die Praxen seien an einer weiteren Digitalisierung durchaus interessiert, betonte Dr. med. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KBV, im Rahmen der Vorstellung des KBV-PraxisBarometers. Eine entscheidende Voraussetzung sei allerdings, dass der Mehrwert der jeweiligen Digitalisierungsinstrumente klar erkennbar sei. Dies sei beispielsweise bei der Nutzung etablierter Anwendungen, wie der aufgrund der Coronapandemie verstärkt durchgeführten Videosprechstunden, der Fall.

Die Zahl der Praxen, die Videosprechstunden anbieten, ist den Daten zufolge im Jahr 2020 stark auf fast 40 Prozent (rund 40 000) gestiegen (Grafik 1). Der Anstieg geht in erster Linie auf die von KBV und GKV-Spitzenverband vereinbarten Sonderregelungen und Öffnungen im Zuge der Bekämpfung der Coronapandemie zurück.

Starke Zunahme des Angebots von Videosprechstunden
Grafik 1
Starke Zunahme des Angebots von Videosprechstunden

Eine große Mehrheit dieser Praxen ist der Meinung, dass die Videosprechstunde sich gut oder sehr gut für die Besprechung von Untersuchungsergebnissen (69 Prozent), Arzt-Patienten-Gespräche ohne Untersuchung (69 Prozent) und die Anamnese (61 Prozent) eignet. An ihre Grenzen stößt sie laut der Einschätzungen bei der Diagnosestellung und der weiteren Veranlassung – etwa bei einem Infekt der oberen Atemwege. Nur 16 Prozent halten die Videosprechstunde dafür geeignet. „Dies zeigt, dass das persönliche Arzt-Patienten-Gespräch weiterhin der Goldstandard ist und bleibt. Dies zeigen auch die Ergebnisse beim Thema Fernbehandlung. Etwas mehr als die Hälfte der Praxen lehnen Fernbehandlungen dann ab, wenn sie den Patienten nicht unmittelbar zuvor persönlich gesehen haben“, betonte Hofmeister. Immerhin ein Viertel der Praxen hält sie aber für sinnvoll bei bekannten Patientinnen und Patienten.

Aus den Fokusgruppengesprächen ergab sich der Hinweis auf die telefonische Beratung als eine – teilweise weniger störungsanfällige und unterbewertete – Alternative zur Videosprechstunde, etwa für Besprechungen von Untersuchungsergebnissen.

Parallel zum vermehrten Einsatz von Videosprechstunden hat sich auch der Anteil der Praxen erhöht, welcher mit anderen Praxen oder ambulanten Einrichtungen mittels Videokonferenzen und Online-Fallbesprechungen kommuniziert.

Eher verhaltene Erwartungen äußerten die Praxen hinsichtlich einer flächendeckenden Nutzung elektronischer Patientenakten (ePA). Von der für das kommende Jahr geplanten Einführung der ePA erwarten Ärzte und Psychotherapeuten vor allem einen Nutzen für ihre Praxisorganisation (Grafik 3). Mit Verbesserungen für die Diagnose- und Indikationsqualität oder auch für die Behandlungsqualität rechnet nur eine Minderheit.

Verhaltene Erwartungen an die elektronische Patientenakte (ePA)
Grafik 3
Verhaltene Erwartungen an die elektronische Patientenakte (ePA)

Fehleranfälligkeit vermeiden

Allgemein sehe man die Neueinführung von „halbgaren Lösungen“ – gerade während der ohnehin Zusatzbelastungen bringenden Pandemie – weiterhin kritisch, so betonte der KBV-Vize Hofmeister. Er verwies hierzu beispielhaft auf die elektronische Arbeits­unfähigkeits­bescheinigung (eAU). Diese stelle ein „Massengeschäft“ in den ärztlichen Praxen dar, bei welchem man sich Fehleranfälligkeit nicht leisten könne.

Leider sei aber bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen generell oft eine „Asynchronität“ von gesetzlichen Fristen und den vorhandenen technischen Lösungen festzustellen. So nannten mehr als 80 Prozent der Befragten die Fehleranfälligkeit der EDV-Systeme als großes Hemmnis der Digitalisierung. Ein knappes Drittel der Praxen bemängelte monatlich technische Fehler der Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI), bei einem weiteren Drittel treten diese wöchentlich und bei nahezu jedem Zehnten täglich auf (Grafik 2).

Tele­ma­tik­infra­struk­tur: Roll-out weit fortgeschritten, aber hohe Fehleranfälligkeit
Grafik 2
Tele­ma­tik­infra­struk­tur: Roll-out weit fortgeschritten, aber hohe Fehleranfälligkeit

Bei den Praxen, bei denen Fehler im Zusammenhang mit der TI-Nutzung auftreten, betreffen diese Fehler bei 70 Prozent der Praxen den jeweiligen Konnektor. Rund 51 Prozent der Praxen erwähnten im Rahmen der Befragung das Kartenterminal, weitere 45 Prozent der Praxen die TI-Erreichbarkeit (VPN-Zugang) als Fehlerquelle. Knapp ein Viertel der Fehler wird beim jeweils genutzten Praxisverwaltungssystem verortet.

Unter diesen Bedingungen seien zu Recht Skepsis und mangelndes Vertrauen die Folge bei den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten, erklärte KBV-Vorstandsmitglied Thomas Kriedel. Akzeptanz erziele man nicht, indem man unter Strafandrohungen zu enge zeitliche Ziele setze.

„Die hohe Fehleranfälligkeit der TI ist alarmierend und führt zu Skepsis vor der Einführung weiterer digitaler Anwendungen. Wenn man bedenkt, dass die Vertragsärzte jeden Tag im Durchschnitt 300 000 Arbeits­unfähigkeits­bescheinigungen ausstellen, die sie ab 2021 digital an Krankenkassen übermitteln müssen, kann man sich vorstellen, was passiert, wenn die Technik ausfällt“, warnte Kriedel.

Es werde nicht funktionieren, in den Versorgungsalltag nutzbringende Anwendungen zu implementieren, indem unter Strafandrohungen zu enge zeitliche Ziele gesetzt werden. Eine technisch möglichst fehlerfreie und höchstem Nutzen für alle Beteiligten bietende digitale Struktur zu etablieren, brauche Zeit und Reife.

Hemmnisse abbauen

Aus Sicht der KBV sind zudem, wie bei jeder Reform, erhebliche Investitionen und ein Kulturwandel für den Erfolg erforderlich. Insbesondere die IT-Sicherheit brauche als ein elementarer Faktor für den Erfolg der Digitalisierung entsprechende ideelle wie finanzielle Förderung für die Niedergelassenen. Hohe, bei den Praxen auflaufende Aufwände bei zugleich oft ungünstigem Kosten-Nutzen-Verhältnis würden eine wesentliche hemmende Rolle einnehmen.

Auch zeigt die Befragung, dass fast die Hälfte der Niedergelassenen die Sorge vor einer Verschlechterung der Arzt-Patienten-Beziehung durch die allgemeine Digitaliserung des Gesundheitswesens umtreibt (Grafik 4). Der Anteil der Praxen, die eine Verschlechterung der Arzt-Patienten-Beziehung erwarten, sinkt dabei deutlich mit zunehmender Praxisgröße: Von 54 Prozent unter den Einzelpraxen auf 34 Prozent der großen Praxen mit fünf oder mehr Ärzten beziehungsweise Psychotherapeuten.

Mittlere und starke Hemmnisse der Digitalisierung aus Sicht der Niedergelassenen
Grafik 4
Mittlere und starke Hemmnisse der Digitalisierung aus Sicht der Niedergelassenen

Die Schlussfolgerung der KBV: Mögliche Effizienzgewinne durch die Digitalisierung, insbesondere „arztferner“, administrativer, bürokratischer Tätigkeiten, müssten sich nachhaltig in mehr Zeit für die Arzt-Patienten-Beziehung niederschlagen. Zugleich gelte es, bestehende Probleme bei der Zuverlässigkeit zu lösen und Umstellungsaufwände zu reduzieren oder zumindest adäquat zu kompensieren. Deshalb müsse die Politik im Sinne einer aufwandsgerechten Finanzierung weitere Finanzmittel zur Verfügung stellen – entweder über den einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) oder ein zielgerichtetes Investitionsprogramm für Informationssicherheit in den Praxen.

Kommunikation stärken

Eine Mehrheit der Praxen sieht durch die fortschreitende Digitalisierung vor allem das Potenzial für eine bessere Kommunikation mit anderen Praxen oder Krankenhäusern (Grafik 5). Innerhalb der Tele­ma­tik­infra­struk­tur ist dafür der sichere Kommunikationsweg KIM (Kommunikation im Medizinwesen) vorgesehen. Mit kv.dox bietet die KBV Verträgsärzten und -psychotherapeuten einen eigenen KIM-Dienst an.

Bereiche, in denen vor allem Verbesserungen durch Digitalisierung erwartet werden
Grafik 5
Bereiche, in denen vor allem Verbesserungen durch Digitalisierung erwartet werden

Aus Sicht der KBV wird mit der Tele­ma­tik­infra­struk­tur die Voraussetzung für sektorenübergreifend vernetzte Kommunikation geschaffen. Sobald allen Teilnehmern praktikable Austauschformate und -wege zur Verfügung stehen, gelinge auch die umfassende digitale Datenübertragung – wie der Labordatentransfer bereits zeige. Voraussetzung für einen nutzenbringenden, schnellen, nahtlosen und effizienten Datenaustausch seien offene und einheitliche Schnittstellen und Datenformate. Auch zu diesem Aspekt leistet die KBV einen wichtigen Beitrag: Sie verantwortet gemäß gesetzlichem Auftrag die Definition von medizinischen Informationsobjekten (MIOs) und den Datensätzen für elektronische Verordnungen und Bescheinigungen. André Haserück

Starke Zunahme des Angebots von Videosprechstunden
Grafik 1
Starke Zunahme des Angebots von Videosprechstunden
Tele­ma­tik­infra­struk­tur: Roll-out weit fortgeschritten, aber hohe Fehleranfälligkeit
Grafik 2
Tele­ma­tik­infra­struk­tur: Roll-out weit fortgeschritten, aber hohe Fehleranfälligkeit
Verhaltene Erwartungen an die elektronische Patientenakte (ePA)
Grafik 3
Verhaltene Erwartungen an die elektronische Patientenakte (ePA)
Mittlere und starke Hemmnisse der Digitalisierung aus Sicht der Niedergelassenen
Grafik 4
Mittlere und starke Hemmnisse der Digitalisierung aus Sicht der Niedergelassenen
Bereiche, in denen vor allem Verbesserungen durch Digitalisierung erwartet werden
Grafik 5
Bereiche, in denen vor allem Verbesserungen durch Digitalisierung erwartet werden

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