szmtag Coronapandemie: Wirkliche Probleme angehen
ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2020Coronapandemie: Wirkliche Probleme angehen
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In meiner Eigenschaft als Bürgerin, Ärztin, Mutter, Großmutter, Nachbarin, als berufstätige Frau muss ich feststellen:

Ich bin gern bereit, mit Mund-Nasen-Schutz herumzulaufen, da es zumindest z. T. nutzt, ich freue mich über neue Möglichkeiten von Homeoffice und Telefonkonferenzen und vor allem über den einen Punkt, dass ein Virus, welches zufällig COVID-19 heißt, die mangelnde Belastbarkeit und Patientenfreundlichkeit unseres Medizinsystems endlich mal öffentlich so bloßstellt, dass ein Handlungsbedarf sichtbar werden sollte.

Eine Medizin, die von der Politik absichtlich auf das Erwirtschaften von Gewinnen ausgerichtet wurde statt auf Heilen und Lindern von Krankheiten für möglichst alle, die Gewinne vermehrt, indem sie Einrichtungen schließt und Lohnkosten minimiert, braucht nicht erstaunt zu tun, wenn bei etwas unerwarteter Zusatzbelastung das System sehr deutlich überfordert sein muss. Die genau so wie die Altenpflege überfordert sein muss, wenn die Personalschlüssel für die Betreuung von Patienten wie von Senioren minimiert sind wegen der Privatisierung der Altenpflegeeinrichtungen.

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Unerwartetes kann jederzeit passieren, wie wir wissen. Wenn Vermögensfonds und Aktionäre daran verdienen, dass medizinisches Personal schlechte Arbeitsbedingungen hat, ist wohl etwas falsch gelaufen.

Das Problem ist nicht, dass wir momentan ein „besonderes?“ Virus haben, sondern dass wir die konsequente Privatisierung der Medizin und Altenpflege, die relativ sinnfreie Einführung von Fallpauschalen wider besseres Wissen als Fehler erkennen und rückgängig machen sollten und der Mut für das Thema bisher fehlt.

Der Staat bezieht seine Daseinsberechtigung auch aus seiner Fürsorgepflicht für seine Bürger, deshalb ist zu verlangen, dass er vorausschauend agiert – genauso wie in der Schule, wo kleinere Gruppen locker unterrichtet werden könnten, wenn seit Jahren schon mehr Lehrer und mehr nutzungstaugliche Räume vorhanden wären, genauso wie im Kindergarten, wenn da nicht die Personalknappheit Normalzustand wäre, genauso wie in der Reaktion auf den seit Jahren bekannten Klimawandel – wenn da keine Mogelpackungen, sondern echte Bemühungen auf den Weg gebracht würden, so wie überall, wo man/frau nach den Ursachen für Mißstände schaut und konstruktiv Verbesserungen einführt oder Nichtbewährtes abschafft, statt nach marginalen Schuldigen zu suchen und nur minimale Reaktionen zu zeigen, die das System nicht verändern und die die Profiteure kein Geld kosten – sondern nur die Bürger, Arbeitnehmer, Steuerzahler, Patienten und am besten die erwachsenen Bürger von morgen, die sich heute noch nicht wehren können.

Ich sehe nicht ein, warum ich Weihnachten nicht mit Maske und Abstand hingehen und hinreisen kann, wo ich möchte und warum meine Enkel einen chaotischen Teil-Schulunterricht haben, über den man immer nur kurzfristig Informationen erhält, so lange ich nicht erkennen kann, dass an den wahren Ursachen des Problems, nämlich der einseitigen Gewinnorientierung, die nötigen Änderungen angestrebt werden. Ich hoffe, das können auch mal Gewerkschaften auf ihre Agenda nehmen.

Gisela Krug, Ärztin, 60320 Frankfurt

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