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Krankenhäuser: Alle Patienten weiter versorgen

Osterloh, Falk

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Während weiterhin viele COVID-19-Patienten auf den Intensivstationen behandelt werden, betonen die Krankenhäuser, dass keine Nicht-COVID-Patienten unversorgt bleiben sollen. Vor diesem Hintergrund wird die Einführung der differenzierten Freihaltepauschale begrüßt.

Beim Tragen der Schutzausrüstung ist die Compliance unter den Klinikmitarbeitern gut. Foto: picture alliance/dpa/Robert Michael
Beim Tragen der Schutzausrüstung ist die Compliance unter den Klinikmitarbeitern gut. Foto: picture alliance/dpa/Robert Michael

Die meisten SARS-CoV-2Übertragungen im Krankenhaus finden von einem auf einen anderen Mitarbeiter statt. Das erklärte die Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin an der Berliner Charité, Prof. Dr. med. Petra Gastmeier, Ende November auf dem virtuellen Nationalen Qualitätskongress Gesundheit. „Die meisten Mitarbeiter infizieren sich außerhalb des Arbeitsplatzes“, sagte sie. „Man beobachtet dann, dass sie sich während des Kontakts zu den Patienten gut schützen, im Pausenraum aber nicht. Wir haben deshalb an der Charité die Pausenräume größer gemacht und achten auf eine geringere Belegung.“

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Grundsätzlich gebe es sechs Arten der Übertragung im Krankenhaus, erklärte Gastmeier: Ein bekannter COVID-19-Patient steckt andere Patienten oder Mitarbeiter an, ein nicht bekannter COVID-19-Patient steckt andere Patienten oder Mitarbeiter an und ein nicht bekannter, mit COVID-19 infizierter Mitarbeiter steckt Patienten oder andere Mitarbeiter an.

Compliance ist gut

Wenn ein bekannter COVID-19-Patient ins Krankenhaus kommt, sei das Risiko gut beherrschbar. Denn COVID- und Nicht-COVID-Bereiche könnten gut voneinander getrennt werden. „In der Charité wurden pro Campus drei verschiedene Bereiche eingerichtet: Bereiche mit bekannten COVID-19-Patienten, Bereiche ohne COVID-19-Patienten und Bereiche mit Patienten, in denen der Status noch unklar ist“, sagte Gastmeier. „Hier ist nur eine Einzelzimmerbelegung möglich.“

„Die meisten Übertragungen von SARS-CoV-2 finden von einem Klinikmitarbeiter auf einen anderen statt.“ Petra Gastmeier, Charité – Universitätsmedizin. Foto: Robert-Koch-Stiftung
„Die meisten Übertragungen von SARS-CoV-2 finden von einem Klinikmitarbeiter auf einen anderen statt.“ Petra Gastmeier, Charité – Universitätsmedizin. Foto: Robert-Koch-Stiftung

Die Compliance unter den Mitarbeitern beim Tragen der Schutzausrüstung sei sehr gut, betonte sie. Zudem kämen die COVID-19-Patienten häufig ins Krankenhaus, wenn sie weniger infektiös seien als zu Beginn der Erkrankung. Beides trage dazu bei, dass bekannte COVID-19-Patienten im Krankenhaus selten andere Patienten oder Mitarbeiter anstecken.

Bei Patientinnen und Patienten, die auf das Testergebnis warten, könne es zu Infektionen kommen, wenn ein Krankenhaus sie aus Platzmangel in ein Mehrbettzimmer lege. Den Patienten nach dem Test wieder nach Hause zu schicken, damit er dort auf das Testergebnis wartet, sei jedoch auch problematisch, da er sich bei der An- und Abreise gegebenenfalls anstecken könne. Darüber hinaus könne es zu Infektionen kommen, wenn ein infizierter Patient bei der Testung in einer frühen Inkubationsphase war und der Test deshalb negativ ausgefallen ist.

Dass ein Arzt einen Patienten infiziert, sei sehr selten, betonte Gastmeier. Sie wies dabei darauf hin, dass es wichtig sei, dass die FFP2-Maske gut sitze. „Man sollte den Mitarbeitern deshalb verschiedene Typen von FFP2-Masken zur Verfügung stellen, damit jeder die Form heraussuchen kann, die am besten zu seinem Gesicht passt“, so Gastmeier.

Kollateralschäden vermeiden

Der Vorstandsvorsitzende und Medizinische Vorstand des Klinikums Stuttgart, Prof. Dr. med. Jan Steffen Jürgensen, betonte auf dem Kongress, dass die Krankenhäuser in der zweiten Pandemiewelle auch die Nicht-COVID-Patienten gut versorgen wollten. „Es geht jetzt darum, nicht nur einen Puffer für COVID-19-Patienten freizuhalten, sondern darum, auch den anderen Patienten gerecht zu werden“, sagte Jürgensen.

In der ersten Welle seien die Freihaltungen zulasten anderer Patienten gegangen. Dabei habe es Kollateralschäden gegeben. „Es ist jetzt unsere Aufgabe, hier einen fairen Ausgleich zu schaffen“, so Jürgensen. Vor diesem Hintergrund begrüßte er den zweiten Rettungsschirm für Krankenhäuser, den Bundestag und Bundesrat Mitte November verabschiedet hatten. In der zweiten Pandemiewelle erhalten demnach Krankenhäuser Freihaltepauschalen für nicht belegte Betten, die viele COVID-19-Patienten behandeln. In der ersten Welle hatten alle Krankenhäuser entsprechende Zahlungen erhalten. „Die Freihaltepauschalen waren in der ersten Welle zu undifferenziert“, sagte Jürgensen. „Denn das Freihalten an sich ist ja nicht die Aufgabe.“ Deshalb sei eine Differenzierung der Freihaltepauschalen ein Schritt in die richtige Richtung.

„Die Pandemie hat gezeigt, dass das Wechselspiel zwischen Wissenschaft und Politik ganz gut funktioniert.“ Wolfgang Holzgreve, Universitätsklinikum Bonn. Foto: Universitätsklinikum Bonn
„Die Pandemie hat gezeigt, dass das Wechselspiel zwischen Wissenschaft und Politik ganz gut funktioniert.“ Wolfgang Holzgreve, Universitätsklinikum Bonn. Foto: Universitätsklinikum Bonn

Auch der Ärztliche Direktor und Vorstandsvorsitzende des Universitätsklinikums Bonn, Prof. Dr. med. Dr. h.c. mult. Wolfgang Holzgreve, betonte den Fokus der Krankenhäuser auf die Nicht-COVID-Patienten. „Wir können nicht zulassen, dass auch Patienten mit Krebs- oder kardiovaskulären Erkrankungen unter dem Virus leiden“, sagte er. In diesem Zusammenhang wies er darauf hin, dass es am Universitätsklinikum Bonn kaum geplante Operationen gebe, die verschoben werden könnten, um Platz für COVID-19-Patienten freizuhalten.

Kapazitäten umgeschichtet

„Wir sind sowohl bei unseren 1 300 Betten als auch bei unseren Intensivbetten am Anschlag“, sagte er. „Wir haben im Gesundheitswesen eine große Verantwortung, alles zu tun, um die Pandemie beherrschbar zu machen. Aber bitte nicht auf Kosten anderer Kranker.“

Der Leiter des IGES-Instituts, Prof. Dr. med. Bertram Häussler, wies darauf hin, dass auf den Intensivstationen langsam damit begonnen worden sei, „die Kapazitäten für Coronapatienten umzuschichten“. Zwischen dem 15. August und dem 9. November sei die Zahl der genutzten Intensivkapazitäten mit 21 400 Betten in etwa gleich geblieben. Seit Mitte Oktober sei die Zahl der mit COVID-19-Patienten belegten Intensivbetten jedoch kontinuierlich angestiegen: auf 2 982 Betten, die am 9. November mit COVID-19-Patienten belegt gewesen seien. Davon wurden 1 658 Patienten beatmet. Laut Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) waren am 30. November 21 628 Intensivbetten als belegt gemeldet. 3 926 davon waren mit COVID-19-Patienten belegt, von denen 2 319 beatmet wurden. Häussler zufolge sank die Zahl der von den Krankenhäusern gemeldeten Intensivbetten von 30 676 Mitte August auf 28 576 am 9. November. Am 30. November waren es 27 533.

Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Dr. med. (I) Klaus Reinhardt, begrüßte die Regelungen der Bundesregierung zur Verschärfung des Teillockdowns. „Eines wissen wir sicher: Die Reduktion von Kontakten ist hilfreich“, sagte er auf dem Qualitätskongress. Man müsse nun eine Balance finden zwischen dem Gesundheitsschutz und dem sozialen Leben der Menschen.

Reinhardt hatte bereits zuvor betont, dass man versuchen müsse, negative psychosoziale Auswirkungen der Kontaktbeschränkungen so gut es gehe zu minimieren. Gerade für ältere Mitbürger, die wohl am meisten unter Isolation und Einsamkeit in Zeiten des Lockdowns litten, sei es wichtig, die Weihnachtsfeiertage im Kreis der Familie verbringen zu können.

Nun gilt es Reinhardt zufolge, die Ausnahmeregeln an den Feiertagen verantwortlich zu nutzen und sich selbst wie auch andere vor Ansteckung zu schützen. „Wenn wir uns an die Infektionsschutzbestimmungen halten und die AHA-Regeln befolgen, sind die zeitlich begrenzten Lockerungen vertretbar und aus psychosozialen Gründen sogar geboten.“

Holzgreve vom Universitätsklinikum Bonn bezeichnete die im Rahmen des Teillockdowns beschlossenen Maßnahmen als „ausgewogen“. Sie seien auch ein Ergebnis der Beratung durch die Wissenschaft. „Die Pandemie hat gezeigt, dass das Wechselspiel zwischen Wissenschaft und Politik ganz gut funktioniert“, meinte er.

Holzgreve betonte zudem die Bedeutung der Kommunikation im Rahmen der Pandemiebekämpfung. „Wir müssen die Bevölkerung aufklären, damit keine falschen Ängste entstehen“, forderte er. Denn beispielsweise sei die Bereitschaft, Blut zu spenden, deutlich zurückgegangen. „Vielleicht haben die Menschen Angst, zum Blutspenden in die Krankenhäuser zu kommen“, sagte er.

Gut informieren

Die Bedeutung der internen Kommunikation hob Prof. Dr. med. Lutz Fritsche hervor, Vorstand Medizin der Johannesstift Diakonie. „Wir haben unseren Mitarbeitern zahlreiche Informationsangebote zur Verfügung gestellt, um dem Unfug entgegenzuwirken, der vielfach verbreitet wird“, sagte Fritsche auf dem Qualitätskongress. „Unser Ziel war es, unseren Mitarbeitern das Gefühl zu geben, dass sie gut informiert sind.“

Zudem sei es zum Glück gelungen, immer ausreichend Schutzausrüstung für die Mitarbeiter zur Verfügung zu stellen. „Deshalb konnten wir die klare Botschaft aussenden: Die Logistik funktioniert. Es steht ausreichend Schutzausrüstung zur Verfügung und alle Mitarbeiter sind gut geschützt.“ Deshalb habe das Unternehmen auch noch einmal 400 000 FFP2-Masken in China nachgeordert.

„Wir bieten unseren Mitarbeitern die Schutzausrüstung an, die sie haben wollen“, sagte Fritsche. „Als es im Herbst ernster geworden ist, ist der Verbrauch an FFP2-Masken bei uns stark angestiegen, während der Verbrauch an Mund-Nasen-Schutzmasken gesunken ist.“ Derzeit sei die Stimmung unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gut und die Krankenstände erfreulich niedrig. Aus Fritsches Sicht hängt das mit der internen Kommunikation und der funktionierenden Logistik zusammen. Falk Osterloh

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