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HIV- und Aids-Patienten: Initiative gegen Diskriminierung

Bühring, Petra

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Menschen mit HIV erleben nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in Arztpraxen Ausgrenzung – teils aus Unwissenheit, weil das Übertragungsrisiko nicht richtig eingeschätzt wird. Die Bundes­ärzte­kammer und die Deutsche Aidshilfe wollen dem entgegenwirken.

Foto: jd-photodesign/ stock.adobe.com
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Bei frühzeitiger Diagnose und frühem Behandlungsbeginn können Menschen mit HIV mit einer normalen Lebenserwartung und einem Leben ohne größere medizinische Einschränkungen rechnen. Selbst bei fortgeschrittener HIV-Infektion oder bei Aids-Symptomen bestehen dank Medikation gute Chancen, dass sich das Immunsystem wieder erholt, wenn eine Behandlung eingeleitet wird. Darauf weist die Deutsche Aidshilfe (DAH) hin. Allerdings lebten 2018 auch 10 000 Menschen in Deutschland mit HIV, ohne es zu wissen. Seit Jahren werde rund ein Drittel der Neuinfektionen erst bei fortgeschrittenem Immundefekt gestellt, etwa 15 Prozent der Diagnosen erfolgten sogar erst bei aidsdefinierenden Symptomen, berichtet die Hilfs- und Beratungsorganisation. „Einer der Gründe, sich nicht testen zu lassen, ist die Angst vor Diskriminierung, von der Menschen mit HIV berichten“, sagt Kerstin Mörsch von der DAH. „Viele Ärzte und medizinische Fachangestellte haben wenig Erfahrung mit HIV-positiven Patienten. Deshalb werden manchmal Übertragungsrisiken nicht richtig eingeschätzt und die Angst vor Ansteckung ist groß“, erläutert Mörsch.

Unnötige Hygienemaßnahmen

In der Folge würden unnötige Hygienemaßnahmen angewandt. Oder auch der Datenschutz der Patienten nicht beachtet im Sinne von vermeintlichen Sicherheitsinteressen. Darüber hinaus werde oftmals der Expertise der Patienten zu wenig Rechnung getragen, obwohl sie häufig sehr gut informiert seien und nicht korrekten Umgang infrage stellten. „Diskriminierendes Verhalten hat grundsätzlich aber auch mit den eigenen Vorstellungen von bestimmten Gruppen, die auf zu wenig Begegnung oder Austausch beruhen. Es ist gut, sich seine eigenen Vorurteile bewusst zu machen“, betont Mörsch.

Um Diskriminierung von Menschen mit HIV zu vermeiden, haben Bundes­ärzte­kammer (BÄK) und Deutsche Aidshilfe gemeinsam eine Broschüre erarbeitet, die Ärzten und ihrem Praxisteam wichtige Informationen zum Umgang mit HIV-positiven Patienten gibt. „Die Grundlage für eine erfolgreiche Behandlung von Menschen mit HIV ist ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Patienten und dem medizinischen Team. Dafür ist es hilfreich, wenn alle Beteiligten gut informiert sind und sich sicher fühlen. Wir möchten mit der Broschüre Ängste abbauen und zur Auseinandersetzung mit dem Thema anregen“, erläutert Dr. med. (I) Klaus Reinhardt, Präsident der BÄK.

Die 48-seitige Broschüre steht auf der Homepage der Bundesärztekammer für den Download bereit: http://daebl.de/ZM75. Sie kann auch gedruckt bei der Deutschen Aidshilfe angefordert werden: http://daebl.de/DU58.
Die 48-seitige Broschüre steht auf der Homepage der Bundes­ärzte­kammer für den Download bereit: http://daebl.de/ZM75. Sie kann auch gedruckt bei der Deutschen Aidshilfe angefordert werden: http://daebl.de/DU58.

Die Broschüre gibt neben Daten und Fakten zu HIV wichtige Hilfestellungen zu Beratung und Aufklärung bei der HIV-Prophylaxe, der HIV-Testung und zum Umgang mit einem positiven Testergebnis. Tipps aus der Beratungspraxis helfen zudem, Menschen mit HIV mit ihren vielfältigen sexuellen, sprachlichen und kulturellen Hintergründen bedürfnisgerecht und diskriminierungsfrei zu begegnen.

Gesellschaftliche Unterstützung

Zum Infektionsschutz in Praxen wird in der Broschüre unter anderem darauf hingewiesen, dass Maßnahmen im Umgang mit Menschen mit HIV unbegründet sind, die über die Standardhygienemaßnahmen hinausgehen. Unnötig sind also eine räumliche Abgrenzung von HIV-Patienten, die Behandlung an Randzeiten, eine besondere Reinigung der Räume oder spezielle Schutzkleidung. All das wird als diskriminierend empfunden. Kein Risiko einer HIV-Übertragung besteht den Experten zufolge, wenn die Viruslast durch eine antiretrovirale Therapie stabil unter der Nachweisgrenze liegt. HIV-Patienten seien meist gut über die Viruslast informiert. Sollte etwa durch einen Arbeitsunfall doch einmal ein Übertragungsrisiko für HIV bestehen, wird in der Broschüre über die HIV-Post-Expositions-Prophylaxe aufgeklärt. Schließlich weisen BÄK und DAH darauf hin, dass Menschen mit HIV neben einer guten medizinischen Behandlung heute vor allem gesellschaftliche Unterstützung durch den Abbau von Diskriminierung brauchen. Auch hierzu könnten Ärztinnen und Ärzte betragen, indem sie mit Leitsätzen oder einem Praxisaushang signalisieren, dass sie offen und nicht wertend mit ihren Patienten umgehen. Oder indem sie Broschüren oder Poster beispielsweise der Deutschen Aidshilfe auslegen. Petra Bühring

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