ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2000Busch-Arzt in Australien: Der lange Weg ins Paradies

THEMEN DER ZEIT: Blick ins Ausland

Busch-Arzt in Australien: Der lange Weg ins Paradies

Dtsch Arztebl 2000; 97(10): A-603 / B-491 / C-463

Herb, Horst

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LNSLNS AiP in München, Assistenzarzt am Polarkreis, Buschdoktor in Australien - so kann der Weg zu beruflicher Zufriedenheit aussehen.


Meine Frau klagt, es komme keine richtige Weihnachtsstimmung auf. Nachdenklich greife ich nach oben und pflücke mir eine Orange. Vielleicht liegt es daran, dass wir dieses Jahr in Australien feiern. Ich drehe noch eine Runde im Pool, während über mir Scharen von Papageien ihr allabendliches Spektakel anstimmen.
Nicht nur das Klima ist anders, auch das Arbeiten. Ich lasse mir meine letzten Fälle noch einmal durch den Kopf gehen. Der Schlangenbiss hat gut auf das Serum reagiert und kann entlassen werden. Der Herzinfarkt hat auf die Lyse angesprochen und ist hämodynamisch stabil. Unsere selbstverstümmelnde Borderline-Patientin hat unglücklicherweise ein Feuerzeug gefunden, und unsere Silvazine-Salbenvorräte gehen deshalb langsam zur Neige. Meine Präeklamptikerin hat den Kaiserschnitt gut überstanden, aber der Blutdruck will einfach nicht abfallen. Die Methadon-Patientin hat sich eine "Extra-Ration" zu Weihnachten gegönnt und möchte nun stationär entziehen - was sage ich nur den Schwestern?
Das Ärzteteam sind zwei australische Allgemeinärzte und ich: 36 Jahre, Medizinstudium in München, AiP in der Chirurgie an einem großen städtischen Krankenhaus. Als Vater von damals noch drei Kindern musste ich erkennen, dass eine Karriere als Chirurg in Deutschland schlecht mit Familie vereinbar ist. Auswandern schien unumgänglich. Nur wohin? Ohne viel Berufserfahrung ist die Auswahl dünn. Skandinavien lag nahe, denn in England wäre die Situation auch nicht besser gewesen als in Deutschland.
Eine Stelle als Assistenzarzt in der Chirurgie war dank des Ärztemangels in Norwegen schnell gefunden, und die Arbeitsbedingungen schienen im Gegensatz zu Deutschland traumhaft zu sein. Ein Anfangsgehalt von mehr als 100 000 DM (ohne viele Überstunden), geregelte Arbeitszeiten, die nicht überschritten werden, und lange, familienfreundliche Ferien. Innerhalb von drei Wochen lösten wir unseren Haushalt auf, packten alles in zwei VW-Busse, absolvierten noch eine Woche Crash-Kurs in Norwegisch, und los ging es nach Namsos, einem Fjordhafen 200 Kilometer südlich des Polarkreises.
Ich traf eine Ausbildungssituation an, wie man sie sich in Deutschland nur erträumen kann: jeweils ein Oberarzt pro Assistenzarzt in meiner Abteilung, und alle nehmen die Ausbildung sehr ernst. Es wird operiert und nicht assistiert!
Es wäre fast das Paradies gewesen, wenn da nicht das Klima gewesen wäre. Meine Frau störte es auch sehr, dass fast alle Norwegerinnen ganztags arbeiteten und sie als Vollzeitmutter von mittlerweile vier Kindern stets alleine war. Da war es nur ein geringer Trost, dass ich beinahe jeden Tag vor vier Uhr nach Hause kam. Also noch einmal umziehen. Diesmal in wärmere Gefilde. Unsere zukünftige Heimat sollte zudem sicher sein vor Kriminalität, ein akzeptables Schulsystem für unsere Kinder haben, und mein Einkommen sollte hoch genug sein, um unsere zahlreichen Hobbys zu ermöglichen. Schaut man auf den Globus und streicht alle Länder, die diese Kriterien nicht erfüllen, bleibt nicht viel übrig: also Australien!
Stellen finden - kein Problem. Der Ärztemangel auf dem Land, abseits der Großstädte, ist enorm. Der Aufbruchstimmung verpasste jedoch die australische Botschaft schnell einen Dämpfer: Man teilte uns mit, dass ausländische Ärzte nicht erwünscht seien, Ärzteschwemme herrsche und Arbeitsgenehmigungen und Visa nur in besonderen Fällen für kurze Zeit ausgestellt würden. Eine Einwanderung sei für Ärzte so gut wie ausgeschlossen; man wies auf das Punktesystem der Visaverteilung hin.
Nur nicht aufgeben. Wir nahmen den Papierkrieg auf und schluckten Niederlage für Niederlage: die jeweiligen "medical
boards" wollten mir keine Zulassung für Allgemeinmedizin geben wegen meiner zu einseitigen chirurgischen Ausbildung. Erst nach vielen Telefonaten und Briefwechseln wurde schließlich anerkannt, dass meine Zeit am Polarkreis eher dem "Accident and Emergency"-Training entsprach als einer regulären chirurgischen Assistenzarztausbildung; insbesondere da ich in meiner reichlichen Freizeit in Norwegen zwei Jahre Allgemeinarztvertretung und ärztlichen Notdienst absolviert hatte.
Es endete so: Der Haushalt war aufgelöst, die Arbeit gekündigt, das Haus geräumt, die Flugtickets (one way) für unsere sechsköpfige Familie gekauft - und alle sitzen auf den Koffern um das Telefon herum und warten auf den Anruf aus Australien, ob es nun klappt mit der Arbeitsgenehmigung. Nervenzerreibend. Schließlich kam der Anruf, und eine Woche später landeten wir in Australien.
Ich begann als Stellvertreter für Allgemeinarztpraxen in den Murray Plains, einer trockenen Ebene entlang dem Murray Fluss im nördlichen Victoria. Innerhalb eines halben Jahres arbeitete ich in einer Vielzahl von Landarztpraxen als Kurzzeitvertretung. So lernte ich das System kennen und konnte mir "meine" Praxis aussuchen - denn alle Praxen ohne Ausnahme boten mir eine feste Stellung an.
Ich pickte mir die Rosine aus dem Kuchen und landete als "Buschdoktor" in Cohuna. Ein Ort mit 2 200 Einwohnern, Versorgungszentrum für ein weites Umfeld von Farmen und kleineren Orten. Ein 18-BettenKrankenhaus mit modernem OP und neuer Röntgenanlage. Die Praxis computerisiert und ausgestattet mit modernem Ultraschallgerät, Schlitzlampe, Audiometrie, Spirometrie, und was man sonst alles nicht im Busch erwarten würde.
Vielseitiger Arbeitsalltag
Zusammen mit meinen zwei australischen Kollegen bieten wir hier das gesamte Spektrum der Medizin an. Wir sind die einzigen Ärzte in weitem Umfeld, betreiben sowohl Krankenhaus als auch Praxis. Es wird selbst geröntgt und geschallt (und entwickelt natürlich auch), kleine wie große Chirurgie betrieben, gastroskopiert, kolonoskopiert, cystoskopiert, hysteroskopiert. Psychiatrische Notfälle sind ebenso Alltag wie konservative und operative Geburtshilfe. Das gesamte Spektrum der Anästhesie genauso wie Drogenentzug und Methadonprogramm. Verlegt werden nur Extremfälle; wir machen hier vieles, was ein mittleres deutsches Kreiskrankenhaus sicherlich weiterverlegen würde. Zwischenfälle? Selten. Auch hier gibt es Qualitätssicherung, und die wird ernst genommen. Erfolgsrezept sind meine zwei außerordentlich erfahrene Kollegen (mit Ausbildung in Chirurgie, Anästhesie und Geburtshilfe), die die geduldigsten Lehrer sind, die ich je hatte. Mein Arbeitsalltag ist so vielseitig, wie er nur sein kann. Er beginnt jeden Morgen um neun Uhr mit einer gemeinsamen Visite im Krankenhaus. Montags und freitags arbeite ich ganztags in der Praxis (ein paar Hundert Meter vom Krankenhaus entfernt), für Notfälle oder zum Röntgen gehe ich zwischendurch ins Krankenhaus. Mittwochs und donnerstags im OP oder "skopieren", und jeden Dienstag- nachmittag frei.
Von der Ausbildung her hat sich der Weg nach "Oz" unbedingt gelohnt. Und die Familie? Die ist zunächst mit meinem Einkommen zufrieden (Grundgehalt 120 000 DM für viereinhalb Arbeitstage pro Woche und fünf Wochen bezahlten Urlaub, beträchtlich mehr für Nacht- und Wochenenddienste). Dass wir morgens gemeinsam frühstücken können, bevor ich um 8.55 Uhr die Straße von unserem Haus zum Krankenhaus überquere, und mittags eine Stunde zum Essen nach Hause komme, tut der Familie auch sehr gut. Kein Stau mehr - ich bräuchte nicht einmal ein "Dienstauto", wenn nicht ab und zu Hausbesuche (nur in äußersten Notfällen) nötig wären. Unser Haus kostet 60 DM Miete pro Woche, da das Krankenhaus kräftig subventioniert: vier Schlafzimmer, 1 000 qm Garten mit Orangen, Zitronen, Birnen, Grapefruit, Trauben, Äpfeln, Kirschen und Passionsfrüchten. Zur Schule fünf Minuten zu Fuß, zur weiterführenden Schule fünf Minuten mit dem Fahrrad. Zum Baden einfach in den Fluss hinter dem Haus oder in den Pool - neun Monate im Jahr herrscht Badewetter! Auch in den Busch sind es gerade mal 15 Minuten mit dem Fahrrad: Flusskrebse fangen, Angeln, oder einfach den Kängurus, Emus, Koalas oder Riesenwaranen zuschauen. Da die Kriminalität gegen null tendiert, können wir dies ungestört genießen: Kaum jemand sperrt Haus oder Auto ab.
Das "Einwanderungsproblem" ist fast gelöst. Ich habe bereits den schriftlichen Teil des australischen Staatsexamens abgelegt, und warte nun auf das "Mündliche". Bestehe ich auch dieses, steht unserer Daueraufenthaltsgenehmigung nichts mehr im Wege. Niemand in unserer Familie will nach zwei Jahren Australien zurück nach Europa.
Die Sprache war überraschenderweise nie ein Problem. Meine Frau und die Kinder lernten sowohl Norwegisch als auch Englisch im Nu, und meine drei schulpflichtigen Kinder gehören hier nach knapp zwei Jahren in Australien bereits zu den Klassenbesten. Da hier praktisch jeder Einwanderer ist oder von Einwanderern abstammt, fühlt man sich nie als Fremder.
Das Paradies? Beinahe. Die Bürokratie in Australien ist ein Albtraum - Australier (wie Deutsche) könnten sich eine dicke Scheibe von der äußerst effektiven (und freundlichen) norwegischen Verwaltung abschneiden. Der Weg durch die Behörden bis zum Erhalt der Arbeitsgenehmigung war oft nervenzerrüttend, und wir lernten manche kennen, die frustriert das Handtuch schmissen.
Die Dienstbelastung ist hoch. Wir wünschten uns zwei weitere Kollegen, Arbeit ist mehr als genug vorhanden. Ziel wäre es, jedes Jahr zwei bis drei Monate frei nehmen zu können; das Einkommen ist auch dann noch reichlich. Hat jemand Lust? Horst Herb


Der Eingang unseres Krankenhauses im australischen Busch


Der Autor beim Gastroskopieren Fotos: Horst Herb

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