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ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2020SARS-CoV-2 und HIV: Konkurrenz unter Pandemien

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SARS-CoV-2 und HIV: Konkurrenz unter Pandemien

Eckert, Nadine; Fischer-Fels, Jonathan

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Die Vereinten Nationen fallen hinter ihrem Plan zurück, die Aids-Pandemie bis zum Jahr 2030 zu beenden. Das liegt auch an der aktuellen COVID-19-Pandemie. Denn die Erforschung von HIV steht still, solange die internationale Virologie mit SARS-CoV-2 beschäftigt ist.

Die Coronapandemie vereinnahmt aktuell alle Ressourcen. Experten befürchten, dass dies die Bekämpfung der HIV-Pandemie um Jahre zurückwerfen könnte. Foto: mauritius images/Vadzim Yakubovich Alamy
Die Coronapandemie vereinnahmt aktuell alle Ressourcen. Experten befürchten, dass dies die Bekämpfung der HIV-Pandemie um Jahre zurückwerfen könnte. Foto: mauritius images/Vadzim Yakubovich Alamy

Ein Jahr nach dem Auftreten von SARS-CoV-2 stehen mehrere Impfstoffe kurz vor der Zulassung. Um das zu erreichen, wurden weltweit Forschungsbemühungen gebündelt. Ein Erfolg, der nicht ohne Kollateralschäden möglich war: „SARS-CoV-2 hat der HIV-Forschung Knüppel zwischen die Beine geworfen“, sagte die Virologin Prof. Dr. rer. nat. Christine Goffinet bei einem vom Tagesspiegel veranstalteten Fachforum im Vorfeld des Welt-Aids-Tages am 1. Dezember.

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Labormaterialien und Reagenzien wurden knapp, klinische Studien zu HIV mussten abgebrochen werden. Außerhalb Deutschlands gab es Forschungslabors, die komplett geschlossen werden mussten, da alle Mitarbeiter erkrankten. Eine HIV-Forschung wie vor der Coronapandemie sei in der gegenwärtigen Situation schlicht nicht möglich, berichtete die HIV-Forscherin, die am Institut für Virologie der Berliner Charité sowie dem Berlin Institute of Health tätig ist. „Es mag manchem Patienten so erscheinen, als ob die HIV-Forschung sich von ihrer Hauptaufgabe hat ablenken lassen und dass sich Virologen aller Couleur nun auf die Erforschung dieses neuen Coronavirus gestürzt haben“, räumte Goffinet ein.

HIV-Forschung muss warten

Doch im Moment sei dies die einzige Lösung: „Wir müssen jetzt alle Kräfte zusammenpacken und die akute Bedrohung bekämpfen, um möglichst bald in einen Zustand zurückzugelangen, in dem wir wieder vernünftig HIV und andere humanpathogene Erreger erforschen können.“ Dieser Devise hat sich auch der in der breiten Öffentlichkeit vor allem für seine Coronaforschung bekannte Bonner Virologe Prof. Dr. med. Hendrik Streeck verschrieben: Sein langjähriges Forschungsthema ist das HI-Virus, er ist Kuratoriumsvorsitzender der Deutschen AIDS-Stiftung und wird 2021 Local Co-Chair der 11th IAS Conference on HIV Science sein. Sein Engagement in der Coronaforschung hat deshalb ein klares Ziel: „Die COVID-19-Pandemie darf nicht das zerstören, was wir zu erreichen versuchen“, sagte er. Und das seien die von dem Joint United Nations Programme on HIV and AIDS (UNAIDS) gesetzten globalen Ziele (Kasten).

Der UNAIDS World Aids Day Report 2020 zeigt jedoch, dass dies nicht leicht werden wird. Denn nicht nur die HIV-Forschung hat mit Schwierigkeiten zu kämpfen: SARS-CoV-2 behindere in vielen Teilen der Welt auch die direkte Bekämpfung von HIV und verzögere damit den globalen Plan, die HIV-Pandemie bis zum Jahr 2030 zu beenden, sagte die geschäftsführende Direktorin von UNAIDS, Winnie Byanyima, bei der Vorstellung des Berichts.

In Deutschland habe die Versorgung von HIV-Patienten der Pandemie standgehalten und werde auch weiterhin gewährleistet bleiben, berichtete Dr. med. Michael Sabranski, Vorstand der Deutschen Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter. Währenddessen stellt sich die Situation in anderen Teilen der Welt jedoch weit weniger positiv dar. Zwar habe SARS-CoV-2 einen geringeren Einfluss auf die HIV-Versorgung gehabt, als zunächst befürchtet, sagte Byanyima von UNAIDS. Doch Gelder und Organisationsstrukturen zur HIV-Bekämpfung seien für SARS-CoV-2 umgewidmet worden. Sowohl die Präventionsarbeit in den Gemeinden als auch die Testung auf HIV und die Behandlung von infizierten Menschen würden dadurch erschwert, ergänzte Byanyima. So sei die weltweite Zahl der HIV-Infizierten, die antiretroviral behandelt werden, im ersten Halbjahr 2020 um nur 2,4 Prozent gestiegen. Im selben Zeitraum 2019 war der Anstieg noch doppelt so hoch (4,8 Prozent) gewesen. Besonders unter Männern, die Sex mit Männern haben, Sexarbeiterinnen, Transgenderpersonen und Konsumenten intravenöser Drogen verbreite sich HIV derzeit wieder stärker. Aber auch junge Frauen würden vermehrt infiziert, erklärte die UNAIDS-Direktorin.

Nach einem Modell von UNAIDS könnte es pandemiebedingt in diesem Jahr, zusätzlich zur prognostizierten Entwicklung, mehr als 290 000 HIV-Infektionen und um die 150 000 HIV/AIDS-assoziierte Todesfälle geben. Grund dafür sei nicht fehlendes Wissen, sondern die durch die COVID-19-Pandemiebekämpfung bedingte Ressourcenknappheit. Das sei angesichts effektiver, bezahlbarer und verfügbarer HIV-Therapien und Präventionsmöglichkeiten nicht hinnehmbar, heißt es in dem UNAIDS-Bericht.

Pandemien hätten schon immer gesellschaftliche Ungerechtigkeiten und Barrieren deutlich aufgezeigt, sagte Peter Sands, Exekutivdirektor des Global Fund to Fight AIDS, Tuberculosis and Malaria. Die HIV-Pandemie habe gezeigt, wie unerlässlich es ist, auch marginalisierten Bevölkerungsgruppen Zugang zu Therapien und Prophylaxe zu garantieren. Sonst werde auch das Coronavirus, wie HIV, zu einem Dauerproblem, sagte Sands.

Anders als SARS-CoV-2 ist HIV in westlichen Ländern heute weniger verbreitet: 38 Millionen Menschen leben dem neuesten Bericht zufolge weltweit mit HIV/AIDS und 71 Prozent davon in Subsahara-Afrika. Die Lage habe sich jedoch in den meisten der am stärksten von HIV betroffenen Länder verbessert, so Byanyima. Gleichzeitig gibt es in Teilen Osteuropas, in Südamerika, Zentralasien und dem Mittleren Osten sowie in Nordafrika zunehmend mehr HIV-Infizierte.

Die Schwierigkeit bestehe darin, dass sich HIV ungleich über den Globus verteile, meinte auch der deutsche Forscher Streeck. Die HIV-Pandemie spiele sich vor allem in den Ländern ab, die auch von Armut gezeichnet seien.

Mühsame Impfstoffentwicklung

Es stelle sich unweigerlich die Frage, ob dies auch Auswirkungen auf die Intensität der Bemühungen hat, die Pandemie unter Kontrolle zu bringen. Tatsächlich zeigen sich vor allem in der Impfstoffentwicklung auffällige Unterschiede zwischen HIV und SARS-CoV-2, wie die Experten einräumten: Die „geballte Kraft“, mit der Phase-III-Studien für SARS-CoV-2-Impfstoffe aufgesetzt worden seien, sei tatsächlich „enorm stärker“ als bei HIV, sagte Streeck.

Dennoch bedeute das Fehlen eines HIV-Impfstoffes Jahrzehnte nach erstmaligem Auftreten des Virus nicht, dass sich die Forschung bei HIV „weniger angestrengt“ habe, betonte Goffinet von der Charité. In den 80er- und 90er-Jahren sei die Technologie noch lange nicht so weit fortgeschritten gewesen wie heute, erinnert die HIV-Forscherin. Und „HIV ist ein Alptraum für jeden Vakzinologen“, erklärte sie. Eines der wenigen guten Dinge an SARS-CoV-2 sei seine genetische Stabilität. Der Aids-Erreger HIV liege dahingehend am anderen Ende der Skala und zeichne sich durch eine hohe genetische Instabilität aus. „In einem HIV-Patienten finden sich mehr verschiedene HIV-Stämme als es weltweit verschiedene Stämme von SARS-CoV-2 gibt“, erklärte Goffinet. Es sei deshalb nicht wirklich „fair“, die Entwicklung eines Impfstoffs gegen SARS-CoV-2 mit der Entwicklung eines Impfstoffs gegen HIV zu vergleichen.

Doch dem mühsamen Weg zum Trotz gibt es einen Hoffnungsschimmer: Der seit 2017 in der IMBOKODO-Studie in fünf afrikanischen Ländern untersuchte mosaikbasierte Impfstoff Ad26.Mos4.HIV enthält Immunogene, die unter Verwendung von Genen aus einer Vielzahl von HIV-Subtypen erzeugt wurden. Während sich die Mosaikstruktur der genetischen Vielfalt der HIV-Stämme entgegenstellt, soll ein kompliziertes Impfstoffregime aus jeweils zweimaligem Primen und Boostern die Immunantwort verbessern. Bei Affen sei ein 67 prozentiger Schutz durch den experimentellen Impfstoff beobachtet worden, berichtete Streeck. Daten für Menschen gebe es noch nicht, diese würden erstmals mit den Ergebnissen der IMBOKODO-Studie im Juli 2021 erwartet. Aber es habe sich gezeigt, dass die Immunantwort bei Menschen und bei Rhesusmakaken ähnlich ist. Mittlerweile sei der Impfstoff auf den Subtyp-B-Bereich ausgeweitet worden und werde nun in der MOSAICO-Studie in Europa und Nordamerika untersucht, hier würden Ergebnisse 2023 erwartet.

„Es wird kein perfekter Impfstoff sein“, so Streecks Prognose, „aber ich habe ein gutes Gefühl, dass es das beste Signal sein wird, das wir je für einen HIV-Impfstoff gesehen haben.“

Nadine Eckert, Jonathan Fischer-Fels

Ein Interview mit Dr. med. Andreas Jenke, Internist und Vorstand der DAGNÄ: http://daebl.de/LR69

Globale Ziele gegen Aids

Eine internationale Kampagne der Vereinten Nationen will die Aids-Pandemie bis zum Jahr 2030 beenden. Dafür hat das UNAIDS-Programm 2013 erstmals messbare Ziele definiert. Das bekannteste – und nach UNAIDS Angaben bisher erfolgreichste – der Vorhaben wird „90–90–90“ genannt. Bis zum Jahr 2020 sollten 90 Prozent aller HIV-Infizierten weltweit ihren positiven Status kennen, 90 Prozent von ihnen sollen eine antiretrovirale Therapie erhalten und 90 Prozent der Therapien sollten die Viruslast im Blut unter die Nachweisgrenze drücken. So könne ein Großteil der Neuinfektionen verhindert werden. Doch viele Länder haben die 2020-Ziele nicht erreicht, auch aufgrund der SARS-CoV-2-Pandemie. Im Juli war der globale Stand bei „81–66–59“. UNAIDS hat die Ziele für 2025 daher auf „95–95–95“ angehoben.

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